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Samstag, 28. Mai 2022

Vaughan Williams, Ralph - The Film Music

Für Kenner


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Stets zu alt für den Kriegsdienst. Für Ralph Vaughan Williams ein Umstand der Unzufriedenheit. Schon 1914 wäre er mit 42 Jahren eigentlich schon jenseits der Einzugsgrenze gewesen, trat aber dennoch der Armee bei und diente als Sanitäter. Eine solche unmittelbar aktive Rolle konnte Vaughan Williams zu Beginn des zweiten Weltkriegs natürlich nicht mehr spielen. Seinen Unmut darüber äußerte er 1940 dem musikalischen Leiter der staatlichen Filmabteilungen Muir Mathieson. Der war gerade mit der Arbeit am Film ‚49th Parallel’ beschäftigt, dem einzigen größeren Spielfilmprojekt des Informationsministeriums, und bat den Komponisten, die Filmmusik für dieses Projekt zu schreiben. Als ‚Prelude to 49th Parallel’ ist die Titelmusik dieses Films im Konzertsaal, zumindest wieder einmal nur im angelsächsischen Raum, heimisch geworden. In der zweiten Folge mit Aufnahmen von Filmmusiken Ralph Vaughan Williams’ legt Rumon Gamba mit dem BBC Philharmonic nun eine 38-minütige Suite zum Film vor, zusammen mit weiteren Weltersteinspielungen.

Sechs Deutsche in Kanada

Eine haarsträubende Story, die sich die Drehbuchautoren Emeric Pressburger und Rodney Ackland für ‚49th Parallel’ ausgedacht hatten: ein havariertes deutsches U-Boot landet in Kanada und sechs Besatzungsmitglieder versuchen nun, sich quer durch das Land über den 49. Breitengrad in die neutralen USA durchzuschlagen. Unterwegs begegnen sie einem von Sir Laurence Olivier gespielten Trapper, der gar nicht darüber erfreut ist, dass die Deutschen einen Eskimo misshandeln. Auch eine Gruppe deutscher Einwanderer der Hutter-Gemeinde läuft den Nazis über den Weg, Demokratie und Christlichkeit praktizierend. Leslie ‚Vom Winde verweht’ Howard verprügelt als Ästhet einen der Deutschen, weil er seine Bücher und Bilder verbrannt hat. Ziel des Films war, so Regisseur Michael Powell, die Amerikaner dadurch so zu erschrecken, dass sie früher in den Krieg eintreten würden. Ein Film als Kind seiner Zeit.
Was bleibt, ist die Musik von Ralph Vaughan Williams, dem sich hier die Gelegenheit bot, kräftig in der Zitaten-Kiste zu kramen. Das Auftauchen des deutschen U-Boots begleitet eine grotesk verzerrte Variante des Luther-Chorals ‚Ein feste Burg ist unser Gott’, der kanadische Trapper wird mit dem Liedlein ‚Alouette’ portraitiert und in der Siedlung der Hutter-Gemeinde erklingt eine Version des Weihnachtsliedes ‚Lasst uns das Kindlein wiegen. Das alles ist in bester Vaughan Williams-Manier in Partitur gebracht, ebenso wie die heute seltsam anmutenden Vorstellungen des Komponisten von Indianermusik. Die klingt so, als wäre Vaughan Williams bei einer seiner zahlreichen Volkslied-Sammel-Aktionen der Hausfrauenlaienspielgruppe Middle-Essex begegnet, die die Schlacht am Little Bighorn nachspielen. Bemerkenswerter ist vielmehr, dass Motive der Filmmusik zu ‚49th Parallel’ später Verwendung in den Konzertwerken des Komponisten fanden – ein Phänomen, das auch bei anderen Filmmusiken von Ralph Vaughan Williams zu beobachten ist und das teilweise sehr wesentlich die Gestaltung der sechsten und vor allem siebten Symphonie beeinflusst hat.

Stephen Hogger hat aus der Partitur eine 38-minütige Suite zusammengestellt. Wieder einmal bekommt der Hörer keine Kompletteinspielung einer Filmmusik von Vaughan Williams vorgelegt. Schon die Musik zum Film ‚Scott of the Antarctic’, die Rumon Gamba für die erste Folge der Filmmusikreihe des Komponisten einspielte, war lediglich eine Suite. In einem Nachwort im Booklet erläutert Hogger, dass die Zusammenstellung einer solchen Suite nur eine Kompromisslösung zwischen historischer Treue und der Ausgewogenheit einer Schallplattenaufnahme sein kann. Mit ‚49th Parallel’ ist ihm dies jedoch gut gelungen, ohne auf die Chronologie des Filmablaufs zu verzichten. Rumon Gamba nimmt sich der Musik einmal mehr kongenial an. Mit großer Detailtreue und versiertem Gespür für die Binnendramatik der Musik führt er das BBC Philharmonic durch die Partitur. Somit schürt er das Bewusstsein des Hörers für Vaughan Williams’ Ringen um die adäquate Umsetzung musikdramatischer Progression, die er nie auf der Opernbühne, dafür aber umso mehr in seinem symphonischen Werk – und dazu kann man getrost auch die Filmmusiken zählen – erreichte. Gleichwohl dürfte das präzise, glatt und poliert intonierende BBC Philharmonic durchaus mehr die Tiefe der musikalischen Substanz begreifen und umsetzen.

Nummernrevue

Daran hapert es nämlich vor allem in der zweiten großen Suite auf dieser Einspielung, der Musik zum Film ‚The England of Elizabeth’. Die staatliche Verkehrskommission BTC gab diese Musik für einen Dokumentarfilm über das England der Tudor-Zeit 1955 in Auftrag. 83jährig machte sich Vaughan Williams an die Arbeit und schuf eine farbige, mit zahlreichen Volksliedzitaten und Tanzeinlagen versehene Partitur, inklusive Choreinlagen. Bekannt war bislang die dreisätzige Konzertsuite von Muir Mathieson. Und dabei wäre es besser auch geblieben. Mathieson stellte in seiner Suite die Kernsubstanz der Musik zusammen und dies alles fügte sich zu einem runden, abgeschlossenen Gesamtbild. Stephen Hogger klappt nun in seiner 24-Minuten-Suite gewissermaßen die Musik auf wie ein Leporelloalbum. Dadurch ergibt sich lediglich eine Aneinanderreihung einzelner Abschnitte, die wie eine Nummernrevue wirkt und wohl nur dem eingefleischtem Vaughan Williams-Kenner das wohlige Lächeln einer Neuentdeckung auf die Lippen zaubern kann. Die Teile der Suite sind zu blockhaft aneinandergereiht. Mag dies auch der Chronologie des Films entsprechen, so funktioniert das beim puren Hören der Musik nicht wirklich. Das BBC Philharmonic kann den Bogen über diese Nummernschau auch nicht spannen und weiß auch die aus der Mathieson-Suite bekannten Teile nicht kernig genug zu packen.

Trübe kleine Insel?

Ein Dokumentarfilm sollte 1949 die Behauptung entkräften, Großbritannien sei nach dem Krieg nur noch eine ‚trübe kleine Insel, hoffnungslos unmusikalisch und jetzt, wie immer, im traurigen Niedergang begriffen.’ Für die Musik zu diesem Film, in dem er selber sogar als Sprecher und Befürworter des britischen Geistes und der britischen Musik zu hören ist, packte Ralph Vaughan Williams jenes Volkslied aus, das ihm 1893 zur Initialzündung für sein musikalisches Schaffen wurde: ‚Dives and Lazarus’. 1939 brachte er die verschiedenen Versionen dieses Volkslieds in seinen ‚Five Variants of Dives and Lazarus’ unter und verwendete eben jenes Werk zehn Jahre später für die Musik zu dem Dokumentarfilm ‚Dim little Island’. Ein Zehn-Minuten-Stück und nicht mehr als eine Gelegenheitsarbeit, in der auch der Tenor Martin Hindmarsh mit einer winzigen Strophe des originalen Liedes ‚Dives and Lazarus’ nicht in der Weise brillieren muss, wie es sein künstlerischer Lebenslauf im Booklet eigentlich einfordern sollte. Routiniert spielt das BBC Philharmonic auch diese Musik. Und Routine ist der Wermutstropfen dieser Aufnahmen allgemein. Die Musik verdient mehr Engagement seitens des Orchesters. Rumon Gamba macht es vor, doch nicht immer will dieser Funke auf die Musiker überspringen. Die flache Routine jedenfalls sollte spätestens mit der dritten Folge der Filmmusik von Vaughan Williams abgelegt werden.

Comic-Heft

Das Coverbild des Booklets erinnert wieder einmal an die Titelbilder von Schundromanen und Comic-Heften. Man lasse sich von dieser reißerischen plakativen Aufmachung – die Grafiker scheinen wohl beim ‚Daily Telegraph’ angestellt zu sein! – nicht einschüchtern, sondern blicke hinein in die überaus informativen Begleittexte des Vaughan Williams-Freundes und –Experten Michael Kennedy.
Die Klanqualität ist erneut sauber produziert, ein wenig zu hallend vielleicht und in der Wiedergabe wenig individuell bezüglich des Orchesterklangs. Mehr Transparenz tut Not. Trotz aller Mängel: eine editorisch und historisch wichtige Veröffentlichung, wenn auch hauptsächlich für den Kenner.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Vaughan Williams, Ralph: The Film Music

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
13.09.2004
Medium:
EAN:

CD
0095115124420


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Vaughan Williams, Ralph


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Dirigent(en):Torchinsky, Yuri
Gamba, Rumon
Orchester/Ensemble:BBC Philharmonic Orchestra
Interpret(en):Gray, Emily
Hindmarsh, Martin


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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