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Dienstag, 2. März 2021

Buxtehude, Dietrich - In dulci jubilo

Wenn lange Wege sich lohnen


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Aus heutiger Sicht mag es manchem seltsam scheinen, dass der spätere Barockheros Johann Sebastian Bach es 1705 als junger Mann auf sich nahm, den weiten Weg von Arnstadt nach Lübeck zu Fuß zu bewältigen, nur, um den Organisten der dortigen Marienkirche, Dietriche Buxtehude zu hören, mit ihm in Kontakt zu kommen, von ihm zu lernen. Doch dieser durch und durch norddeutsche Organist hatte zu jener Zeit einen weithin ausstrahlenden Ruf, den er in langen Jahren begründet hatte und der ihm zu Recht vorauseilte – beeinflusste er doch viele seiner komponierenden Altersgenossen vor allem mit seinen harmonisch kühnen Orgelwerken, aber auch mit seiner Vokalmusik, die, weit weniger streng, vorwiegend an italienischen Vorbildern orientiert war. Diese Werke füllten die geistlichen Abendmusiken, die Buxtehude nach seinem Amtsantritt 1668 in Lübeck weiterführte und mit neuem Leben füllte.
Auch die in der vorliegenden Aufnahme interpretierten Advents- und Weihnachtskantaten sind wohl in diesem Rahmen erklungen – und präsentieren sich noch heute in unverbrauchter Frische und Direktheit. Dabei sind sie eine Mischung verschiedener Einflüsse, verbinden Konzert und Aria des 17. Jahrhunderts mit schlichten melodischen Modellen, schließen aber ebenso auch virtuose, ausgedehntere Chorsätze ein. Die Instrumentierung reicht von der einfachen Begleitung des Basso continuo bis hin zur größeren Bläserbesetzung, die einen reichen klanglichen Raum durchmisst und durchaus barocke Klangpracht entfaltet.
Nun findet sich bei Buxtehude zwar weder die theologisch-tiefsinnige Wortdeutung, die Heinrich Schütz ein halbes Jahrhundert zuvor in den Rang eines kompositorischen Meisters seiner Zeit erhob, noch stehen ihm bereits alle Mittel des konzertanten Prinzips zur Verfügung, die das beginnende 18. Jahrhundert entscheidend mit prägen sollten. Aber sein Schaffen vereint Elemente aus beiden ‚Welten’ und wird so zu einer verbindenden Brücke.

Einfühlsame und souveräne Interpreten

Umso glücklicher für den Hörer, wenn die Interpreten diese Musik in ihrer Besonderheit ernst nehmen, ihre Reize erfassen und zum Klingen bringen. Das gelingt dem Vocalensemble Rastatt auf eindrucksvolle Weise: Unter der kundigen und sensiblen Leitung Holger Specks sammelt es sich zu einem außerordentlich transparenten, beinahe eleganten Klang, der sich nobel und diskret verströmt, ohne an Klarheit einzubüßen. Glücklich fügen sich die auf ausgewogen hohem Niveau gebotenen chorsolistischen Leistungen in das Klangbild ein. Dass sich zurückhaltende Delikatesse und eine lebhafte, musikantische Ausstrahlung nicht widersprechen, mag einerseits an der souveränen Ausstrahlung des Ensembles, seiner ‚jungendlichen Reife’ liegen, ist wohl aber auch sehr klar der künstlerischen Konzeption Specks zu verdanken: Er überfordert die häufig wenig komplexen Kompositionen nicht mit interpretatorischem Übereifer sondern packt sie bei ihren Stärken, indem er ganz auf die musikalische Frische und Lebendigkeit der Vokalmusik Buxtehudes setzt. Und so können auch dreistimmige Chorsätze auf der Basis strophischer Textgrundlagen unvermittelt zu kunstvollen Höhepunkten werden.
Wichtigen Anteil an dieser - in der Wahl der Tempi ebenso wie der Gestaltung des dynamischen Tableaus überaus kontrastreichen – Einspielung der meist kürzeren Kantaten hat zweifellos auch das Instrumentalensemble ‚Les Favorites’, das hier sein Debüt für die Platte gibt: Es präsentiert sich als stilkundiges Ensemble, dessen klangklare Disposition der begleitenden Haltung ebenso zu Gute kommt wie es die rein instrumentalen Sätze und Passagen bereichert. Es agiert selbstbewusst und spielfreudig, kostet die Dissonanzen mancher Sinfonia beinahe lustvoll aus.

Der Kreis schließt sich

Dietrich Buxtehude erwarb sein Amt als Organist der Marienkirche in Lübeck nicht zuletzt dadurch , dass er die Tochter seines Vorgängers Franz Tunder heiratete. Und auch wenn der junge Bach das Ansinnen Buxtehudes, denselben Weg nunmehr mit dessen Tochter zu gehen und auf diese Weise Nachfolger im bedeutsamen Amt zu werden, ablehnte, so hat sich sein Weg doch vielfach gelohnt – hat er doch später besonders in seinen Orgelkompositionen häufig unmittelbar an das Schaffen Buxtehudes angeknüpft. Es schien ihm wohl zu Recht kein Weg zu weit, um zu hören , was da vor sich ging im hohen Norden, um Fäden fortzuspinnen, um Traditionslinien miteinander zu verknüpfen. Demnach eine Wanderung mit musikhistorischer Langzeitwirkung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Buxtehude, Dietrich: In dulci jubilo

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Carus
1
01.08.2004
59:51
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4006350831568
Carus 83156


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Buxtehude, Dietrich
 - Kommst du, Licht der Heiden -
 - Magnificat -
 - Wie soll ich dich empfangen -
 - Ihr lieben Christen freut euch nun -
 - Cantate Domino -
 - Das neugeborne Kindelein -
 - In dulci jubilo -
 - -


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Dirigent(en):Speck, Holger


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"Die Kantaten der vorliegenden CD, die liturgisch der Advents- beziehungsweise der Weihnachtszeit zugeordnet werden können, geben durch die Vielfalt der musikalischen Mittel ein faszinierendes Bild des Komponisten Dietrich Buxtehude. Sie zeigen den Reichtum seiner Musik, in der virtuose Gesangspartien neben einfachen, aber nicht minder eindrücklichen Melodien stehen, die über kleine bis hin zu großen Besetzungen mit Clarin-Trompeten, Zinken und Posaunen reicht und mit unterschiedlichen Formen außerordentlich abwechslungsreich gestaltet ist. Auch der Einsatz variabler Besetzungen des Instrumentalensembles ermöglicht eine Vielfalt der Affekt-Darstellung: von Innerlichkeit und Sehnsucht bis hin zum klangprächtig musizierten Weihnachtsjubel. Holger Speck musiziert mit dem erfolgreichen jungen Vocalensemble Rastatt und dem neugegründeten Alte-Musik-Ensemble Les Favorites, das mit dieser Aufnahme sein CD-Debut gibt."


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Carus

Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


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