> > > Busoni, Ferruccio: Seven Elegies - Piano Works
Samstag, 15. August 2020

Busoni, Ferruccio - Seven Elegies - Piano Works

Elegien und späte Werke


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Busonis Klavierwerke tauchen nur selten im Konzertsaal auf. Allenfalls die virtuosen Bach-Bearbeitungen genießen eine gewisse Popularität, die Sonatinen dagegen oder die vom Komponisten als Hauptwerke eingestuften Elegien (1908/09) hat kaum ein Pianist in seinem Repertoire. Der Schwede Roland Pöntinen, unter anderem als Duopartner des Geigers Ulf Wallin bekannt, setzt seine Einspielung von Busonis Klavierwerken bei cpo nun mit dieser CD fort: Neben den Elegien befinden sich darauf die ?Sieben kurzen Stücke zur Pflege des polyphonen Spiels? (1923), das seinem Namen alle Ehre machende ?Perpetuum mobile? (1922) und das Werk ?Prélude & Etude en arpèges?, ebenfalls 1923 komponiert. Pöntinen konzentriert sich also unter anderem auf das Klavierschaffen des späten Busoni, auf die Werke, die der Komponist während des mühsamen Schaffensprozesses an seiner Oper ?Doktor Faust? eher nebenher schrieb. Einige der Kompositionen sind sogar Vorstudien zu Teilen dieser Oper.

Als Busoni an den Elegien arbeitete, hatte er eine Bezeichnung seiner Werke mit Opuszahlen bereits aufgegeben. Zu groß war die von ihm selbst mitverursachte Verwirrung durch das Neuvergeben bereits vorhandener Zahlen. Vermutlich wollte sich Busoni so von der Mehrzahl seiner Jugendwerke distanzieren, die ihm in späteren Jahren nicht mehr angemessen erschienen. Die Titel der einzelnen Elegien lassen bereits den Stimmungsgehalt des jeweiligen Werkes erahnen: ?Nach der Wendung? lautet die Überschrift des ersten Stückes. Der leise, einstimmige Beginn wird bald von schnelleren Figurationen abgelöst, die einer Elegie angemessene Stimmung bleibt dabei stets gewahrt. Pöntinen spielt das pianistisch undankbare Stück, dessen Schwierigkeiten man kaum hört, technisch souverän und mit hoher Anschlagskultur, ähnlich das zweite, ?All´Italia?, das mit einer Reminiszenz an Busonis Klavierkonzert ein wenig Aufhellung bringt.

Elegie Nr. 3 ist die längste der sieben und trägt den Titel ?Meine Seele bangt und hofft zu Dir?. In dem als Choralvorspiel angelegten Werk besteht erneut eine gewisse Differenz zwischen den hohen pianistischen Anforderungen und dem hörbaren Ergebnis; um so bewundernswerter, mit welcher klanglichen und dynamischen Subtilität Pöntinen das Stück angeht. Konkreten Bezug auf Busonis Oper ?Turandot? hat die vierte Elegie, von einer Operntranskription Liszts ist ?Turandots Frauengemach? aber ein gutes Stück entfernt. Pöntinen kann in dieser virtuosesten der Elegien sein Können demonstrieren, ohne dass die Technik zum Selbstzweck wird.

Etwas zurückhaltender, beinahe geheimnisvoll gibt sich Nr. 5 (?Die Nächtlichen?), während sich die ?Erscheinung? ebenfalls auf eine Oper des Komponisten, ?Die Brautwahl?, bezieht. Bleibt noch die ?Berceuse?, ein nicht nur im Titel an Chopin erinnerndes Stück, das die Klavierfassung von Busonis ?Berceuse Elégiaque? darstellt. Dieses den Zyklus abschließende Werk spielt Pöntinen sanglich und mit nobler Zurückhaltung. Zusammen bilden die Elegien so ein eindrucksvolles Dokument kompositorischer und pianistischer Fähigkeiten; allerdings sind die Werke relativ schwer zugänglich. Busonis Verzicht auf Effekt und bloße Virtuosität fordert den Hörer zu konzentrierter und wiederholter Auseinandersetzung auf.

Einfacher erscheint da das kurze ?Perpetuum mobile?, das Züge einer motorisch dahineilenden Toccata trägt. Pöntinen ist jederzeit Herr der rasanten Läufe, ebenso gelingt es ihm, in den ?Sieben kurzen Stücken? die Polyphonie jedes einzelnen Stückes hörbar zu machen. Diese pianistische Vielseitigkeit zeichnet ihn aus und prädestiniert ihm zum Busoni-Interpreten.

Die Stücke selbst stehen nicht alle auf dem hohen Niveau der Elegien, zeigen den Komponisten aber gelegentlich von seiner verspielten, ja beinahe humorvollen Seite, etwa im 6. Stück ?nach Mozarts Adagio?. Mit ?Prélude & Etude en arpèges? nähert sich Busoni den Etüden von Chopin und Liszt, allerdings in eher ungewöhnlicher Zweiteiligkeit, wobei der technische Schwerpunkt eindeutig bei der Etüde (?Allegro patetico?) liegt. Auch hier widmet Pöntinen seine genannten Tugenden ganz dem Werk, verfügt mühelos über die notwendige, stets kontrollierte Virtuosität.

Das Fazit dieser CD fällt aus mehreren Gründen höchst positiv aus. Zunächst einmal gibt es nur wenige Aufnahmen dieser Werke Busonis, so dass eine Lücke im Katalog geschlossen wird. Über diesen editorischen Verdienst hinaus hat Pöntinens Interpretation maßstabsetzenden Charakter, zudem ist die Klangqualität exzellent. Da auch noch der Text des Booklets reichhaltig und sehr informativ ist, kann ich diese Platte begeistert empfehlen. Nicht nur Klavierfans oder Busoni-Verehrer werden ihre Freude daran haben, sondern alle Liebhaber anspruchsvoller, geistvoll unterhaltender Musik.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Busoni, Ferruccio: Seven Elegies - Piano Works

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
11.02.2005
Medium:
EAN:

CD
0761203985326


Cover vergössern

Busoni, Ferruccio


Cover vergössern

Interpret(en):Pöntinen, Roland


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

  • Zur Kritik... Unbekannter Norweger: Der in Deutschland fast gänzlich unbekannte Norweger David Monrad Johansen überrascht durch seine Biografie wie durch die Dichte seiner Kompositionen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Virtuose Höhenflüge: Michael Korstick unterstreicht seine hohe Liszt-Kompetenz. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Kroatische Musiktragödie: Die kroatische Nationaloper 'Nikola Subic-Zrinjski' entfaltet auch außerhalb des Landes ihre musikalische Wirkung. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Michael Loos:

  • Zur Kritik... Ausflug ins tschechische Viola-Repertoire: Jitka Hosprová engagiert sich leidenschaftlich für drei tschechische Violakonzerte, die allerdings in ihrer Substanz nur teilweise gelungen sind. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Ein Hauch von Brahms: Zwei der besten Kammermusikwerke Max Regers, das Klarinettenquintett und das Streichsextett, erfahren hier eine erstklassige Interpretation. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Estnische Entdeckungen: Drei estnische Komponisten auf den Spuren der Romantik: Neeme Järvi und das Estnische Nationale Symphonieorchester überzeugen vor allem mit Werken von Mihkel Lüdig und Artur Lemba, weniger mit denjenigen von Artur Kapp. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Michael Loos...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Requiem für Furtwängler: Ein Requiem für Wilhelm Furtwängler – eine gewiss zufällige zeitliche Koinzidenz macht diese Aufnahme der zweiten Sinfonie mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks und Eugen Jochum zu einer besonderen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Ausflug ins tschechische Viola-Repertoire: Jitka Hosprová engagiert sich leidenschaftlich für drei tschechische Violakonzerte, die allerdings in ihrer Substanz nur teilweise gelungen sind. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Unbekannter Norweger: Der in Deutschland fast gänzlich unbekannte Norweger David Monrad Johansen überrascht durch seine Biografie wie durch die Dichte seiner Kompositionen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2020) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Ivan Zajc: Nikola Subic Zrinjski

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Edlira Priftuli im Portrait "Musikalisch praktizierte Ökumene"
Edlira Priftuli hat den Straßburger Wilhelmerchor zur historisch informierten Aufführungspraxis geführt

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich