> > > Gallus, Jacobus: Missa
Sonntag, 21. Juli 2019

Gallus, Jacobus - Missa

Mit Klang durch die Jahrhunderte


Label/Verlag: Arts music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Als einer der wenigen in deutschen Sprachgefilden ansässigen Knabenchöre können die Wiener Sängerknaben noch immer mit Fug und Recht von sich sagen lassen, keinen Qualitätseinbruch erlebt haben zu müssen. So muss man nicht zwangsläufig die alten Zeiten heraufbeschwören und darüber lamentieren, dass die Zeiten einer qualitativen Knabenchortradition im deutschsprachigen Raum Vergangenheit sind. Aus alter Zeit, man schrieb das Jahr 1972, klingen nun die engelsgleichen Stimmen der Wiener Sängerknaben durch die Lautsprecher mit Jacobus Gallus’ ‚Missa ad imitationem Pater Noster’, mit Werken von Tomas Ludovico da Victoria, Palestrina, Giovanni Nascus, Jacobus de Kerle und der ‚Ceremony of Carols’ von Benjamin Britten.

Gepflegte Klangtradition

Ebenso wie die Wiener Philharmoniker im orchestralen Bereich besondere Klangspezifika entwickelt haben und weiterhin pflegen, haben die Wiener Sängerknaben eine ganz eigene Klangkultur ausgeprägt, deren Individualität bis heute fortdauert. Die Aufnahmen aus dem Jahr 1972 propagieren dieses Klangideal überdeutlich. Die einzelnen Stimmen verschmelzen in ihrer Stimmgruppe zu wirklich einer Stimme von bestechender Homogenität. Ein glockenhaftes Vibrato gibt den Stimmen Volumen und Plastizität. Der Diskant bleibt auch in der Höhe textverständlich, artikulationssicher, stimmlich wunderbar volumenreich und in der Intonation sehr sicher. Die Binnenspannung zwischen Polyphonie und blockhafter Homophonie wird durch Hans Gillesbergers Dirigat in spätromantisch phrasierte Breite gezogen, aber es ist gerade diese Breite, dieser weite Raum, in dem sich die Stimmgruppen einer absolut homogenen und texturtreuen Linienführung hingeben können, was besonders in Gallus’ Doppelchormesse zum Tragen kommt. Die Vielzahl der Stimmen mag man heute sicherlich nicht mehr als Ideal für die Interpretation der auf den Franko-Flamen basierenden Musik betrachten, doch die Stimmfülle gibt den Werken eine Tiefgründigkeit und Festlichkeit, die ja durchaus angebracht ist.

Endlich auch hört man einmal Benjamin Brittens ‚Ceremony of Carols’ mit dem Sinn für die intrikate Faktur des Werks interpretiert. Die Phrasierung ist mit demselben großen Bogen gezogen wie die Werke der alten Meister zuvor, mit derselben Stringenz schlägt Dirigent Anton Neyder vergleichsweise breite Tempi an, wie Hans Gillesberger dies bei den vorigen Werken der Alten getan hat, und das ist bei dieser Programmzusammenstellung sicherlich sinnvoll. Die Wiener Sängerknaben singen sehr punktgenau, in dynamisch hervorragend ausbalancierter Differenzierung und selbst bei den Stücken mit Echoeffekten wie ‚This little Babe’ und ‚Deo Gratias’ ist die Textverständlichkeit des altenglischen Idioms vorzüglich und die klare Linie gut erkennbar. Elisabeth Bayers Harfenspiel im ‚Interlude’ besitzt nicht die Handfestigkeit und Kernigkeit manch anderer Interpretinnen und Interpreten, sondern formuliert eher den romantischen Impetus des Stücks. Und auch die Solisten singen ihre Partien vielleicht gar allzu antrainiert klangschön, ohne kindliche Ursprünglichkeit, wie sie Britten im Sinne gehabt haben mag.

Das Klangbild ist sehr präsent und vordergründig, was man bei diesen Aufnahmen des Jahres 1972 entschuldigen darf. Das Booklet spart die Gesangstexte ein, leider. Ansonsten aber gibt es der Gründe viele, an der Klangkultur der Wiener Sängerknaben regen Anteil zu nehmen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Gallus, Jacobus: Missa

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arts music
1
26.01.2005
Medium:
EAN:

CD
0600554306025


Cover vergössern

Britten, Benjamin
Gallus, Jacobus
Kerle, Jacobus de
Nascus, Giovanni
Palestrina, Giovanni Perluigi
Victoria, Tomás Ludovico da


Cover vergössern

Dirigent(en):Gillesberger, Hans
Neyder, Anton


Cover vergössern

Arts music

ARTS wurde 1993 gegründet. Seither haben wir mehr als 6200 Tracks (das sind über 400 Datenträger) mit Klassischer Musik der letzten 5 Jahrhunderte veröffentlicht. Neben Alter Musik und Zeitgenössischem befindet sich in unserem Katalog auch Musik der größten Interpreten der letzten Jahrzehnte sowie Musik sehr erfolgreicher junger Künstler, die Ihren künstlerischen Zenith noch vor sich haben und diesen mit uns verbringen werden. Die Musikrichtungen reichen von Sakral bis Oper, Kammermusik bis Symphonik, Lied bis Operette. Große Werke Mozarts, Beethovens, Schuberts usw. sind ebenso vertreten wie Raritäten von Rossini, Verdi, Händel und vielen mehr.
Die ARTS Produkte heben sich nicht nur durch ihre exquisiten Inhalte und den herausragenden Künstlern und Interpreten hervor, sondern zeichnen sich auch durch die bisher unübertroffenen, kristallklaren 24bit/96kHz Aufnahmetechnik sowie der außerordentlichen Gestaltung der Booklets in vier bis fünf unterschiedlichen Sprachen aus.
Jedes Jahr veröffentlichen wir zwischen 25 und 30 neue Titel auf CD, Hybrid SACD, DVD-Video oder DVD-Audio, die sowohl bei der nationalen als auch der internationalen Presse großen Anklang finden.
Mit unserem starken künstlerischen Hintergrund haben wir die höchsten erstrebenswertesten Ziele erreicht: den Aufbau eines internationalen Vertriebsnetzwerkes sowie die Etablierung und Platzierung der Marke ARTS im internationalen Markt.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Arts music:

  • Zur Kritik... Junge Beethoven-Interpretin: Maria Mazos Einspielung der beiden Beethoven-Sonaten opp. 53 und 57 überzeugt auf handwerklicher Ebene durch pianistische Versiertheit, entbehrt aber zeitweilig noch der künstlerischen Inspiration und Eigenständigkeit. Weiter...
    (Elisa Ringendahl, )
  • Zur Kritik... Seismograph: In unseren Zeiten akustischer Hochglanzpolitur kann der Wagemut des sizilianischen Pianisten Alessandro Mazzamuto kaum hoch genug geschätzt werden - auch wenn er manchmal fast übers Ziel hinausschießt. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Gabrieli-Porträt: Musik zum Rochusfest aus der Feder Giovanni Gabrielis, in farbigem Klang geboten von den Ensembles Melodi Cantores und La Pifarescha, beide von Elena Sartori ebenso kundig wie temperamentvoll geleitet. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Arts music...

Weitere CD-Besprechungen von Erik Daumann:

  • Zur Kritik... Packende Symphonik: Sakari Oramo legt, trotz diskographisch enormer Konkurrenz, mit Elgars Erster Symphonie eine Referenzaufnahme vor. Weiter...
    (Erik Daumann, )
  • Zur Kritik... Fern der tödlichen Realität: Flautando Köln lässt die Tudor-Rose erblühen ? nicht in der Farbe des Blutes, sondern im Zeichen eines differenzierten Blicks auf eine musikalisch reiche Epoche. Weiter...
    (Erik Daumann, )
  • Zur Kritik... Rustikale Schönheiten: Die tschechische Aufnahme des 'Spalicek' von Martinu überzeugt durch farbig-markante Spielfreude aller Beteiligten. Weiter...
    (Erik Daumann, )
blättern

Alle Kritiken von Erik Daumann...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Italienische Kammermusikkunst: Das Pleyel Quartett überrascht und überzeugt mit eher unbekannten Streichquartetten Donizettis. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Appetitanreger: Ivan Repusic und das Münchner Rundfunkorchester gratulieren Franz von Suppé mit einem Ouvertüren-Bouquet zum 200. Geburtstag. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Inspiriert: Das United Continuo Ensemble befreit Johann Erasmus Kindermann gemeinsam mit Ina Siedlaczek und Jan Kobow aus seinem Schicksal einer bloß historischen oder papierenen Größe: inspirierte Musik, köstlich gesungen und gespielt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2019) herunterladen (2731 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Juliusz Zarebski: Piano Quintet op.34 - Finale. Presto.

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich