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Dienstag, 29. November 2022

Tikka, Kari - Luther

Oper oder Oratorium?


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Reformator Martin Luther gehört – die aufwändige Suche im Fernsehen hat es ja schwarz auf weiß ergeben – zu den ganz Großen unter den beliebtesten und bedeutendsten deutschen Persönlichkeiten aus Geschichte und Gegenwart. Während eine junge Verfilmung das Leben Luthers opulent darstellte, sieht es im musikalischen Bereich eher mager aus. Das Lied ‚Ein feste Burg’ taucht zwar hier und dort immer mal wieder auf, größer angelegte Werke sucht man hingegen vergeblich – zumindest bis jetzt. Denn im Jahre 2000 stellte der finnische Komponist und Rautavaara-Schüler Kari Tikka, Jahrgang 1946, seine Oper ‚Luther’ der finnischen Öffentlichkeit vor. Die Uraufführung fand in der Felsenkirche Temppeliaukio in Helsinki, zu der der Komponist durch seine Frau eine enge Beziehung hat, statt. An just diesem Ort wurde 2003 eine Filmaufnahme des Werks gemacht, die nun auf DVD beim finnischen Label Ondine erschienen ist.

Oper, Oratorium, Gottesdienst?

Tikkas Oper gliedert sich in zwei Akte, die sich jedoch aus dramatisch lose aneinandergefügten Szenen, insgesamt sieben an der Zahl, zusammensetzen. Die Szenen folgen den historischen Schauplätzen in Luthers Leben, alle bekannten Ereignisse sind, wie der Tintenfasswurf auf der Wartburg direkt, oder wie die berühmten Thesen zumindest indirekt repräsentiert. Die teuflische Erscheinung, als deren Resultat der Tintenfleck an einer Wand irgendwo in der Wartburg entstanden ist, war womöglich der Anlass, das ganze Leben Luthers als eine stete Auseinandersetzung mit dem Teufel, der in den verschiedensten Gestalten, ja gar in der Jesus’ selbst, versucht, Luther herauszufordern, zu deuten. Spätestens das zeitkritische und verhältnismäßig düstere Ende zeigt, dass es sich hier weder um eine heldenhafte Verklärung der Gestalt Luthers, noch um das Pendant naiver Erbauungsliteratur auf der Bühne handelt. Zu früh durchatmen darf man jedoch nicht, denn es folgt die nächste Kuriosität: Als besonderer Einfall werden die Zuschauer aktiv in das Geschehen eingebunden, indem zwischen den Szenen geistliche Gesänge, unter anderem Luthers ‚Hits’ ‚Ein feste Burg’ und ‚Vom Himmel hoch’ (natürlich alles in Finnisch) anzustimmen sind. In Ergänzung zum kirchlichen Aufführungsort rückt dieser Umstand das Werk doch recht stark in die Richtung szenisches Oratorium, verstanden im ursprünglichen Sinne als Andachts- und Gebetsstunde; aus dem neutralen Opernpublikum wird eine gläubige Gemeinde. Tikkas Musik im übrigen ist unkompliziert und vor allem durch zahlreiche Wiederholung von Motivbausteinen und Melodien überaus eingängig. So wirkt sich ein einfacher Rhythmus prägend auf die ganze Komposition aus. Dennoch bleibt dem Orchester hauptsächlich die Rolle des untermalenden Begleiters für das klar im Vordergrund stehende Wort.

Überzeugende Interpretation

Die Inszenierung gefällt ebenso wie die Leistung von Sängern und Orchester. Die Kostüme und Reliquien sind liebevoll und stilecht gestaltet und insgesamt opulent genug, dass man darüber vergessen kann, dass der Bühnenraum ansonsten, natürlich örtlich bedingt, verhältnismäßig leer ist. Einige effektiv eingesetzte Lichteffekte sind dann auch schon alles, was man hier aus der Trickkiste der Bühnentechnik erwarten darf. Da die meisten Sänger mehrere kleine Rollen zu übernehmen haben, kommt das Werk mit einem verhältnismäßig kleinen Ensemble aus. Esa Ruutunen, nicht nur Bariton, sondern auch Geistlicher, verkörpert lediglich die Hauptfigur Luther und stellt damit eine Ausnahme dar. Durch seine schöne, klare und kräftige Stimme gefällt er ebenso wie durch die schauspielerische Leistung, die Luther als geplagte und leidenschaftlich kämpfende Persönlichkeit erscheinen lässt. Ähnlich sieht es bei Lassi Virtanen aus, der nicht nur den schwierigen und anstrengenden Tenorpart technisch glanzvoll mit klarer, durchdringender Stimme meistert, sondern sich auch in seiner stets spöttisch wirkenden Art bestens in die Rolle des Teufels eingefühlt hat. Auch Aki Alamikkotervo und Andrus Mitt, die in verschiedene Rollen zu schlüpfen haben, gefallen durch ihre Wandlungsfähigkeit, die es einen fast vergessen macht, dass man es stets mit demselben Sänger zu tun hat. Auch die weiblichen Hauptdarsteller, Merja Wirkkala und Eeva-Liisa Saarinen fügen sich in der Rolle der beiden entflohenen Nonnen Ave und Käthe, von denen Luther die zweite heiratet, gut in das Gesamtbild ein. Das Orchester bietet unter der Stabführung des Komponisten eine authentische wie technisch sichere und interpretatorisch überzeugende Leistung. Zu guter letzt muss hier sogar noch das Publikum erwähnt werden, das durch seine solide Gesangsleistung Teil der Rezension wird.

Schöne Umsetzung

Die Kameraführung der Aufnahme ist gelungen, ohne allerdings als Vorreiter für neue Regiekonzepte zu dienen. Einige, allerdings wirkungsvoll und überzeugend eingesetzte Überblendungen stellen schon die Highlights dar. Immerhin wird dem Auge durch variable Kameraeinstellungen die nötige Abwechslung geboten. Bleibt natürlich der typische Mangel, dass die den Aufführungsumständen entsprechend überzeichneten Gesten der Sänger in der Nahaufnahme betrachtet befremdlich wirken können. Die Tonqualität ist ebenfalls akzeptabel, die Aufnahme neigt jedoch dazu, bei höheren Lautstärken etwas zu schnarren. Dafür tritt wenigstens nicht das gefürchtete Gegenteil älterer Produktionen auf, dass weite Strecken leiserer Musik im Untergrundrauschen fast untergehen.
Die Menügestaltung ist übersichtlich und intuitiv zu bedienen. Als Features neben der Oper liegen noch ein kurzer aber schöner Beitrag über den Schauplatz, die Felsenkirche, vor, sowie eine generelle Einführung, in der Komponist und Ausführende über das Projekt plauschen. Da finnische Sprachkenntnisse wohl kaum vorausgesetzt werden können, lassen sich zum Glück zu Oper und Begleitfilmen Untertitel in gängigen Sprachen zuschalten. Das Begleitheft bietet eine knappe Einführung aus der Feder des Komponisten, sowie eine kompakte Inhaltsangabe der Oper, unter anderem ebenfalls in Deutsch.

Eine Oper in der Kirche, die Anwesenheit einer ‚Gemeinde’, der Hauptdarsteller ein Geistlicher – das sind sicher alles Umstände, die auf viele abschreckend wirken dürften. Darüber kann man leicht die zweifelsohne vorhandenen Qualitäten des Werks vergessen. Es dürfte hingegen klar sein, dass man wohl kaum eine authentischere Darstellung von Tikkas Luther-Oper erwarten darf. Wer sich also auf das ungewöhnliche Werk einlassen will, ist hier genau an der richtigen Adresse.
Abschließend sei noch eine drollige Beobachtung mitgeteilt, die charakteristisch für die zwiespältige Stellung eines solchen Werks stehen dürfte: Bei den ‚Gemeindegesängen’ wird die Zuhörerschaft bisweilen durch einen Kameraschwenk in Szene gesetzt, und siehe da, plötzlich kommt eine den Kopf frustriert auf das Kinn stützende und sich dabei demonstrativ zur Seite wendende Persönlichkeit zum Vorschein. Der Großteil singt jedoch artig mit...

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tikka, Kari: Luther

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
29.03.2010
Medium:
EAN:

DVD
0761195040010


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Tikka, Kari


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Dirigent(en):Tikka, Kari
Orchester/Ensemble:New Young Chamber Orchestra
Interpret(en):Ruuttunen, Esa
Virtanen, Lassi
Saarinen, Eeva-Liisa
Wirkkala, Merja
Alamikkotervo, Aki
Mitt, Andrus


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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