
Brahms, Johannes - Streichsextett
‘Halbes Vergnügen’
Label/Verlag: Raumklang
Detailinformationen zum besprochenen Titel
Die bei Raumklang gewohnt klanglich hervorragende Aufnahme geht einher mit einer sublimen Variation im Timbre und den vielfältigen Klangfarben des Kölner Streichquartetts, die diese SACD zu einem wahren Hörvergnügen machen.
Das Kölner Streichsextett ist ein außergewöhnliches Kammermusikensemble international anerkannter Solo-Künstler. Von Bachs Ricercare aus dem Musikalischen Opfer bis zu Maurizio Kagels Sextett umspannt ihr Repertoire nahezu die gesamte Musikgeschichte. Immer wieder haben sich die Kölner Musiker dabei gerade die Aufgabe gestellt, unbekannte oder vergessene Werke zu entdecken. So auch mit der vorliegenden CD aus dem Jahre 2004, auf der sie neben Brahms’ berühmtem Streichsextett Nr. 1 in B-Dur auch ein Werk von Adolf Busch (1891-1952) präsentieren.
Brahms – Streichsextett Nr. 1 B-Dur op. 18
Brahms schrieb sein erstes Streichsextett 1862. Ludwig Finscher nannte es einmal einen ‘ersten Höhepunkt in Brahms’ Auseinandersetzung mit ganz verschiedenen Traditionen’. In der Tat ist das Streichquartett Nr. 1 in B-Dur vielleicht das erste, bedeutende Werk in dem sich Brahms, an klassischen Vorbildern geschulter, Stil der entwickelnden Variation voll entfaltet. Der erste Satz beginnt mit einer für Brahms typischen Melodie, die sich über einen langen Bogen spannt. Ein wunderschönes Cello-Cantabile stellt die Melodie vor, die danach antiphonisch von Violine und Viola in der Oktave wiederholt wird. Der organische Übergang wird von den Interpreten genau herausgearbeitet und ist prägend für den ganzen Satz, indem sich immer wieder das Ensemble als ein Klangkörper erweist. Das Kölner Streichsextett achtet besonders auf die meisterliche Formgebung Brahms, und hält die Eleganz des Cantabile auch im Laufe, der sich entwickelnden harmonisch-thematischen Variationen aufrecht.
Der zweite Satz, Andante, ma moderato, überzeugt gleich zu Beginn durch die fast rustikale Interpretation und das übermäßige, leicht nebenzeitige Vibrato. Im Laufe des Satzes schaffen es die Musiker immer wieder, die musikalische Textur expressiv zu beleben, um dann wieder in ruhigen Stellen eine völlig andere Stimmung zu evozieren. Die Nuancen und Facetten ihrer musikalischen Ausdrucksmittel scheinen hier fast unendlich. Das langsame Ausatmen, indem sich der zweite Satz fast kontemplativ verliert, wurde wohl noch von keinem Ensemble ergreifender interpretiert.
Im Scherzo legen die Musiker vor allem Wert auf eine Steigerung der von Brahms vorgeschriebenen Vortragsbezeichnungen Allegro molto – Animato – Più animato. Besonders die Unisono-Stellen klingen hier wirklich ‘sehr belebt’. Der letzte, vierte Satz ist ein klassisches Rondo, dass Brahms aber mit Poco Allegretto e grazioso untertitelt hat. Es entspricht in diesem anmutigen Stil dem bisherigen Formverlauf und Grundtenor des Streichsextetts – einem Meisterwerk Brahms und einer meisterlichen Interpretation des Kölner Streichsextetts.
Uninspiriertes Streichsextett von Adolf Busch
Enttäuschend wirkt danach jedoch das Streichsextett in G-Dur von Adolf Busch. Voll von Allgemeinplätzen und inspirationslosen Themen kann es nach der fulminanten Brahms-Interpretationen nicht mehr überzeugen, wenngleich die Kölner Musiker ihr Bestes geben, das Werk etwas zu beleben. Die nichts sagenden musikalischen Phrasen der Komposition wirken unmotiviert aneinandergereiht und man erwartet ständig einen Höhepunkt, der aber einfach nicht einsetzt.
Man könnte sich etwas böswillig fragen, ob Adolf Busch, der sicher ein bedeutender Geiger seiner Zeit war, als Komponist nicht vielleicht zu recht vergessen wurde. Im Vergleich mit Brahms vermag sein Streichsextett jedenfalls nicht zu bestehen, und es ist zu bedauern, dass so die Möglichkeit einer schlüssigen CD-Einspielung verspielt wurde. Wie schön hätte doch in der Folge des ‘fortschrittlichen Brahms’, Arnold Schönbergs Verklärte Nacht für Streichsextett gepasst – ein Werk, das das Kölner Streichsextett übrigens wenig später in einer berauschenden Aufnahme für Raumklang eingespielt hat.
Mag man ihnen zu Gute halten, dass sie also einen unbekannten Komponisten, der für ihr Ensemble ein Werk geschrieben hat, aus der Vergessenheit rücken wollten. Allein die Einspielung des ersten Streichsextetts von Brahms dürfte ja in jedem Fall einen Kauf lohnen.
Zudem erscheint die SACD in einem edlen Digipack im Rahmen der Marc Aurel Edition und verfügt über interessante Begleittexte der Musikwissenschaftler Constantin Floros und Dominik Sackmann.
Die bei Raumklang gewohnt klanglich hervorragende Aufnahme geht einher mit einer sublimen Variation im Timbre und den vielfältigen Klangfarben des Kölner Streichquartetts, die diese SACD zu einem wahren Hörvergnügen machen.
Interpretation: Klangqualität: Repertoirewert: Booklet: |
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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:
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Brahms, Johannes: Streichsextett |
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Label: Anzahl Medien: Veröffentlichung: Spielzeit: Aufnahmejahr: |
Raumklang 1 20.10.2004 59:26 2002 |
Medium:
EAN: BestellNr.: |
SACD
4035566000061 RKCMN 006 |
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Brahms, Johannes |
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Raumklang Das Label RAUMKLANG wurde 1993 von Sebastian Pank in Leipzig gegründet. Nach wie vor steht der Name Raumklang für ein authentisches Klangerlebnis. Die Aufnahmen entstehen überwiegend mit nur einem Stereo-Kugelflächen-Mikrophon (One-Point-Recording).
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