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Sonntag, 16. Januar 2022

Schubert, Franz - Brice Pauset

Wie eine Erlösung...


Label/Verlag: aeon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Kontra-Sonate ist [...] eine Spiegelung von Schuberts Diamant (d.i. seine Klaviersonate A-Moll D 845), sagt Richard Millet, wenn er sich im ausgezeichneten Booklet über ein Werk äußert, dass sich wie ein Handschuh um eine Hand, eine Borke um einen Baum, ein Pelz um einen Leib schmiegt, ohne ein Eigenleben zu führen. Böse Zungen könnten von musikalischer Trittbrett-Fahrerei oder gar Schmarotzertum sprechen. Soweit wollen wir nicht gehen. Brice Pauset ist der Schöpfer der zweisätzigen ‘Kontra-Sonate’, deren 1. Satz ‘Movement I’ vor und deren 2. Satz ‘Movement II’ nach der Sonate A-Moll op.42 D 845 (1825) von Franz Schubert zu spielen ist, so wie es Andreas Staier in seiner jüngsten aeon-Produktion vormacht. Der Gesamteindruck ist so verblüffend, gleichzeitig so irritierend, aber auch anziehend, dass für diese Programmgestaltung gleich vorab die Bestnote vergeben werden muss. Staier setzt hier wieder einmal Maßstäbe.

Er entschleunigt gewissermaßen die Wahrnehmung der Hörer, lässt sie die Zeitreise ins Jahr 1825 antreten – 180 werden hier in 17’11 Minuten überbrückt – das schafft eine bessere Voraussetzung, um das Klavierkunstwerk des 28-Jährigen Wieners – voll Melancholie und Tristesse in diesem Fall – aufzunehmen. Brice Pauset hatte in seinen Schleifen und Windungen immer wieder auf das Anfangsthema der Schubert-Sonate hingearbeitet, so dass deren Beginn wie eine Erlösung erscheint.

Der Klang des Christopher-Clarke-Hammerflügels (1996), der bei der Aufnahme beider Werke Verwendung findet, trägt maßgeblich zur diffusen, fahlen, dramatisch spannungsreich aufgeladenen Atmosphäre der Scheibe bei, die sicher nichts für depressive Naturen ist. Ihre Moll-Grundstimmung verlässt das Opus lediglich im verhalten heiteren C-Dur Andante poco mosso, das Andreas Staier mit naiver Sensibilität aussteuert, tempomäßig durchaus romantischer, als es ein Alfred Brendel macht. Staier verliebt sich geradezu in die Floskeln, mit seinen Vorhalten und Schnörkeln, die das verlorene Barockzeitalter zu beschwören scheinen. Allerdings treten hier auch hörbar die Nachteile des historisierenden Instruments zu Tage: Akkorde verschmieren im Pedal und die Binnendynamik ist amputiert. Hätte Schubert nicht – wenn es ihn gegeben hätte ! - den modernen Konzertflügel genommen? Die Frage ist hypothetisch, umreißt aber die Grenzen der vorgelegten Aufnahme. Da liegen Brendel, Schiff oder auch Martino Tirimo mit seiner gänzlich unbekannten Emi-Einspielung (1997) vorn.

Auch wenn Staier im letzten Satz der Schubert-Sonate eher langweilend-leiernd agiert, im Nachklapp ‘movement II’ des Brice Pauset ist er wieder auf dem Posten. Genial verfremdet der französische Komponist (*1965 Besançon), erinnert in seiner Mittelwahl an Alfred Schnittke (dort insbesondere an dessen Concerto grosso für Violine, Violoncello und Orchester, wo auch Themen zunächst subtil verändert und plötzlich immer erbarmungsloser ins Fratzenhafte gezogen werden, was bei Pauset ebenfalls geschieht).
Aber auch im 1. Satz des Schubert klaffen strukturelle Defizite Staiers. Da phrasiert er einfach zu kurzatmig. Sein Spiel hat da zu wenig Drive und fasst zuwenig zusammen. Wer hören will, was gemeint ist, greift zu EMI (72435 661 3126) von Martino Tirimo, die auch klanglich-ästhetisch dem Schubertideal näher liegen dürfte als Staier, der das Scherzo verzärtelt spielt und mit enormen Temposchwankungen. Da zieht jemand sein leicht kokettes Konzept durch, das nicht ganz aufrichtig zu sein scheint. So wirkt es zumindest.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schubert, Franz: Brice Pauset

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
aeon
1
20.10.2004
61:24
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
3760058364215
AECD 0421


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Schubert, Franz


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Interpret(en):Staier, Andreas


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aeon

Äon bedeutet im Altgriechischen soviel wie Zeitalter bzw. Ewigkeit. Wenngleich letztendlich keine Aufnahme für die Ewigkeit sein kann, so kann sie doch zumindest Gültigkeit für ein Zeitalter oder Menschenalter beanspruchen. Diesem nicht geringen Anspruch versucht man bei AEON mit bereits fast hundert Titeln gerecht zu werden. Für seine Einlösung spricht, dass das Label seit seiner Gründung 2001 schnell zu einer der ersten Adressen aus Frankreich wurde. Den Labelgründern Damien und Kaisa Pousset ist es wichtig, einen Katalog zu schaffen, dessen einzelne Titel jeweils als ultimative Intention der beteiligten Musiker verstanden werden können. Künstler wie Alexandre Tharaud, Andreas Staier, Felicity Lott oder das Quatuor Ysaÿe haben hier Aufnahmen vorgelegt, die woanders so sicherlich nicht möglich gewesen wären. Der Katalog von AEON umfasst im Wesentlichen drei Hauptschwerpunkte: monographische CDs mit Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, dann das breitere, klassische Repertoire, das durch ausgewählte Künstler und Ensembles bestritten wird, sowie die frühe Musik des Mittelalters.


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