> > > Dvorák, Antonín: Complete Piano Trios Vol.2
Montag, 10. Dezember 2018

Dvorák, Antonín - Complete Piano Trios Vol.2

Extreme Kontraste und klangliche Überraschungen


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In dieser bei Dabringhaus und Grimm erschienenen Einspielung stellt das Wiener Klaviertrio zwei Werke von Antonin Dvořák vor, das Trio op. 26 und die fünfzehn Jahre später entstandenen und weitaus bekannteren ‘Dumky’ op. 90. Vor allem das zweite Werk macht die Aufnahme lohnenswert. ‘Dumky’, der Plural des tschechischen ‘Dumka’ (Gedanke), bezeichnet eine Form des ukrainischen Volksliedes, in der sich schwermütige mit ausgelassen-fröhlichen Teilen abwechseln. Eben dieser Kontrastreichtum macht den Reiz des wunderbaren sechssätzigen Trios aus, das Dvořák im Jahr 1891 vollendete. Die Interpretation des Werkes vom Wiener Klaviertrio ist in ihrer Eigenwilligkeit zunächst gewöhnungsbedürftig, nimmt dafür aber letztlich umso mehr für sich ein. An einigen Stellen wird man stutzig, so ungewöhnlich und neuartig spielt sie das Ensemble. Sei es eine gegen die Taktzeit gesetzte Betonung, die besonders nachdrücklich hervorgehoben wird, extreme Kontraste in Tempo und Dynamik, unerwartete Zäsuren oder besonders scharf angerissene Sforzati - das Ensemble durchbricht immer wieder den gleichmäßigen Fluss des Zuhörens und sorgt für Überraschungen.

An keiner Stelle oberflächlich

Der sehr leidenschaftlich und fast überstürzt schnell gespielte erste Satz löste anfangs noch ein leichtes Unbehagen aus. Zugleich aber lebt jeder Ton, und gerade in der rezitativartigen Passage von Geige und Cello werden die Phrasen mit großer Intensität gestaltet und die Spannung gehalten, und es wird schnell klar, dass man in dieser Interpretation keine Oberflächlichkeit oder Nachlässigkeit befürchten muss.
Im zweiten, langsamen Satz kommen die verschiedenen klanglichen Ebenen hervorragend zur Geltung: das Thema erklingt im Cello mit strömendem, gefühlvollem Ton, wogegen sich die verhauchten, kaum hörbaren Doppelgriffe der Geige fahl und unheimlich abheben. Als Kontrast dazu folgt der absolut präzise, frech und pointiert gespielte Vivace-Teil. Herrlich tänzerisch und urböhmisch ist der vierte Satz, den aber ebenso wie den lyrischen dritten ein ständiges Umschlagen der Stimmung charakterisiert. Diese Zwiespältigkeit zwischen Dur und Moll, zwischen überschwänglichem und schmerzlich-klagendem Ton kosten die Musiker bewusst voll aus.

Im Vergleich mit der Einspielung der ‘Dumky’ vom Beaux-Arts-Trio ist die Interpretation des Wiener Klaviertrios weniger schwer, hat weniger Weltschmerz – gerade im vierten Satz wird dies besonders deutlich. Ihn spielen die Wiener bewegt und luftig, während das Beaux-Arts-Trio daraus einen tieftraurigen Klagegesang macht. Generell nimmt das Wiener Trio die Tempi um einiges flüssiger, so dass sich bei der Dauer einiger Sätzen Differenzen von bis zu einer Minute ergeben - was frappierend ist bei einer Durchschnittslänge von fünf Minuten pro Satz. Dennoch fehlt es ihnen nie an Tiefe oder an Gefühl, und keines der Tempi wirkt hastig oder ruhelos.
Während der fünfte Satz vor allem durch seine Wildheit und überschäumende Virtuosität beeindruckt, sind im letzten Satz die Kontraste stärker ausgeprägt denn je. Hier präsentiert das Wiener Klaviertrio noch einmal sein breites dynamisches Spektrum, ebenso wie seine Vielseitigkeit im Klang: in den Fortissimo-Passagen ziehen die Musiker alle Register und spielen ruppig, stellenweise aggressiv, woraufhin sie plötzlich und erschreckend den Ton fast bis ins Nichts zurücknehmen.

Hervorragende Musiker

Ein besonderes Kompliment ist bei dieser Aufnahme dem Geiger Wolfgang Redik auszusprechen. Der Geige kommt in Dvořáks Trio gewiss nicht die dankbarste Stimme zu; sie begleitet meist das Cello bei seinen zahlreichen, von Matthias Gredler allesamt wunderbar klangvoll und auch in den hohen Lagen makellos gespielten Kantilenen. Zwar ist sie immer genauso wichtig, doch muss sie sich unauffällig im Hintergrund halten, wodurch es besonders schwer wird, diese technisch zum Teil sehr anspruchsvollen Begleitfiguren zum Klingen zu bringen. Redik gelingt jedoch nicht nur das, sondern er macht auch jedes seiner seltenen Soli zu einem wahren Klangerlebnis: Nichts ist gleichgültig oder gleichförmig gespielt, und wird ein Motiv dreimal wiederholt, erklingt es immer auf drei verschiedene Arten. Dabei lässt er sich jedoch nicht zu Pathos oder Kitsch hinreißen; sein Ton bleibt schlank, und jeder Effekt, jedes Ritardando ist hauchzart und genau ausgewogen. Das Klavier steht den Streichern an Ausdruckskraft in nichts nach; Stefan Mendl gestaltet die Melodien ebenso gesanglich und einfühlsam, gleichzeitig schafft er einen dichten, voluminösen Klangteppich.

Nur mäßig überzeugend

Das im Jahr 1876 komponierte Klaviertrio op. 26, das erste Stück auf der CD, fällt kompositorisch gegen die Tiefe und den Facettenreichtum der ‘Dumky’ ab - die Themen sind weniger einfallsreich, und insgesamt hat das Stück einige Längen. Weder das Pathos und die Dramatik des ersten Satzes, noch die Ausgelassenheit des letzten sind wirklich musikalisch überzeugend, und immer wieder gleitet es ins Banale ab. Dem Ensemble kann man dabei nichts vorwerfen; auch hier füllt es jeden Takt mit Leben und Ausdruck - dennoch gelingt es den Musikern nicht ganz so überzeugend, den Zuhörer in ihren Bann zu schlagen. Wirklich bewegend ist nur der zweite Satz, ein gefühlvoll-versunkenes Largo, das das Trio andächtig zelebriert, die Reibungen und Spannungen bewusst auskostend.
Insgesamt ist die Aufnahme sehr gelungen, und wer eine außergewöhnliche und unroutinierte Interpretation des Dumky-Trios sucht, für den lohnt sich das Kennenlernen dieser Einspielung auf jeden Fall. Das dreisprachige Booklet bietet informative und ausführliche Texte von guter Qualität.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Verena Scharstein,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dvorák, Antonín: Complete Piano Trios Vol.2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
MDG
1
16.08.2004
60:28
2003
EAN:
BestellNr.:

760623126227
MDG 342 1262-2


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Dvorák, Antonín
 - Trio op. 26, Dumky op. 90 -


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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