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Samstag, 25. Mai 2019

Suk, Josef - spielt Smetana, Dvorák & Suk

Nostalgische Spielfreude


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Vergangenheit existiert nur in unserer Erinnerung. Je mehr wir uns erinnern, desto präsenter wird die Vergangenheit. Bzw. das Bild, dass wir uns von der Vergangenheit machen. Denn dieses Bild zeigt oft nur noch einen kleinen Ausschnitt dessen was einmal war. Zudem ändern und verfälschen wir unser Bild der Vergangenheit umso stärker, je öfter wir uns an etwas erinnern. Einige besonders gepflegte Traditionen werden so zu ebenso präsenten wie verklärten Erinnerungsgefügen. Verklärung ist dabei allerdings nicht pauschal als ?nicht authentisch? zu verurteilen. Sie kann den Genuss der Erinnerung so stark oder sogar noch stärker werden lassen, als der Genuss in der Vergangenheit war. ?Doppelt lebt, wer auch Vergangenes genießt? sagte Martial schon im 1. Jahrhundert.

Das tschechische Label Supraphon hat am 19. Juli 2004 eine CD herausgebracht, die eine Erinnerung in zweierlei Hinsicht ist. Anlass ist der 75. Geburtstag des Violinisten Josef Suk. Dieser hat sich für das Cover zwar neu ablichten lassen, doch handelt es sich um alte Aufnahmen. Um Erinnerungsstücke. Zum einen erinnert die Kompilation einiger Einspielungen Suks in den 60er und 70er Jahren an den wegweisenden Supraphon-Klang dieser Zeit. Supraphon, 1932 als Grammophon-Firma gegründet, war damals nicht nur in der Tschechoslowakei ein Label, dass tschechische Klassik einem großen Publikum näher brachte. Supraphon war der Träger einer tschechischen Tradition. Insbesondere Suks Interpretationen waren zuerst bahnbrechend und später maßgebend und beeinflussten viele andere Violinisten auf der ganzen Welt.
Zum anderen erinnert die digital aufgearbeitete Wiederveröffentlichung an die Tradition (bzw. das Erinnerungsgefüge) böhmischer Spielfreude, für welche die öffentliche Person Josef Suk und seine Interpretationen synonym stehen. Die besondere Legitimation Josef Suks als Vertreter der böhmischen Tradition rührt von seiner Abstammung her. Er ist nämlich der Enkel des gleichnamigen böhmischen Komponisten Josef Suk (1874-1935) und der Urenkel Antonin Dvoraks (1841-1904), dessen Tochter den Komponisten Josef Suk heiratete. Dieser wiederum war Lehrer des wohl berühmtesten böhmischen Neoklassizisten Bohuslav Martinu. Der junge Suk hat gewissermaßen direkten Bezug zu drei böhmischen Komponistengenerationen. So bietet das Programm der CD einen Längsschnitt des böhmischen Weges in die Moderne. Enthalten ist Musik für Violine und Klavier von Bedrich Smetana (1824-1884), Antonin Dvorak und (dem alten) Josef Suk. Als Begründer der eigenständigen tschechischen Kunstmusik macht Smetana den Anfang. 1963 nahm Josef Suk mit Jan Panenka am Klavier Smetanas die zwei Duos ?z domoviny?, die auch unter den Übersetzungen ?Aus der Heimat?, ?From the Homeland? und ?From the Home Country? bekannt sind auf. Danach gehört das Programm der neuen CD dann ganz den Ahnen des Violinisten Suk. Aufnahmen zweier Duos des Komponisten Suk von 1966 ? wiederum mit Jan Panenka am Klavier ? und dreier Stücke von Antonin Dvorak von 1972 ? am Klavier hier Alfred Holecek ? machen die Kompilation zu einer Sammlung von Standardwerken böhmischer Kammermusik. Suks Einspielungen des oben erwähnten Bohuslav Martinu fehlen leider. Sie sind damals auf einem anderen Label erschienen.

Die Interpretation steht im Vordergrund

Das Besondere an diesen Supraphon-Aufnahmen ist aber nicht das Repertoire. Es gibt zahllose Aufnahmen mit der mehr oder weniger gleichen Kombination von Werken. Das Besondere ist wie bereits erwähnt die Interpretation. Auch heute noch ist es der sangliche und dabei farbenreiche Vortrag Josef Suks der sofort auffällt. Die Smetana-Duos blühen unter den Händen Suks und auch Panenkas auf. Zwei Kompositionen voller verträumt erzählender Melodien, die immer, wenn sie lethargisch zu werden drohen, von einigen überraschenden Wendungen und Sprüngen aufgebrochen werden. Smetana hatte sie beeindruckenderweise geschrieben als er bereits vollständig ertaubt war. Jan Panenkas Klavierspiel ist von zurückhaltender Brillanz. Mit seiner Sicherheit in der Dynamik strukturiert Panenka die Stücke. So hat Josef Suk die Möglichkeit seine hörbare Freude am Detail, an jeder noch so kleinen Wendung auszuleben.
Wie schon bei der Polka am Ende von Smetanas Werk gelingt es dem Tandem Panenka und Suk auch bei den Stücken des Großvaters Josef Suk besonders gut, die unterschiedlichen Charaktere der Sätze und Abschnitte herauszuarbeiten. Und die Unterschiede sind gewaltig. Das bedächtige Frühwerk ?Ballade in d-Moll? op.3b fordert eher herkömmliches romantisches Violinspiel. Die modernen Wendungen sind in der Klavierbegleitung quasi versteckt. Anders bei den ?Vier Stücken für Violine und Piano? op.17. Hier reicht die moderne Stilvielfalt von dunklen Teilen, die stark an die komplex verschlungenen Sonaten des russischen Zeitgenossen Skriabin erinnern, bis zur neoklassizistischen Verarbeitung Beethovenscher Formen. Etwas störend empfand ich persönlich nur die allzu kurzen Pausen, welche die CD zwischen den Sätzen lässt.

Böhmische Musiker

Obwohl Josef Suk auch Dvorak mit Panenka eingespielt hat, hat man sich bei Supraphon dafür entschieden die etwas jüngeren Aufnahmen Josef Spuks mit Alfred Holecek wiederzuveröffentlichen. Holecek spielt breiter, selbstständiger als Panenka. Mit ihm legt auch Suk das Gewicht weniger auf die Details und stellt mehr den großen Gedanken in den Vordergrund. Wenn Suk Dvorak spielt, kommt Nostalgie ins Spiel. Nicht mit kitschig übertriebenem Vibrato, sondern mit geradezu leidenschaftlicher Phrasierung stellt sich Suk in die angesprochene Tradition böhmischer Spielfreude. So trägt er seinen Teil zur Erinnerung wie zur Verklärung bei. Die böhmischen Musikanten waren früher bekannt für ihre praktische Art, mit Freude und Hingabe zu musizieren. Ein Grund für den hohen Stellenwert der praktischen und folkloristischen Musik in Böhmen dürfte die politische Abhängigkeit vom 17. bis ins 20. Jh. hinein sein. Die Hochkultur war unter Kontrolle der Österreich-ungarischen Herrscher. Doch in der Folklore konnte sich eine volkseigene Kulturform herausbilden. Mit ihr identifizierten sich auch Komponisten wie Dvorak und Smetana. Besonders rein ist der folkloristische Topos in Dvoraks Slawischen Tänzen verewigt, deren Zweiter in seiner Version für Violine und Klavier als Schlussstück so etwas wie die Zugabe der CD ist. Die internationale Wirkung der böhmischen Künstlertradition ist übrigens noch heute in dem Begriff der ?Bohème? erkennbar, dem Henri Murger mit seinem Roman und Puccini mit der darauf basierenden Oper Denkmale setzten. ?Boheme? war die französische Bezeichnung für das Pariser Künstlerproletariat und bedeutet eben ?Böhmen?, das in Frankreich als Heimatland der ?Zigeuner? galt.

Beim Violinspiel des traditionsbewussten Josef Suk schwingen nun alle böhmischen Geister mit. Hier steigert die Erinnerung durchaus den Genuss: Dvoraks Werke werden erst durch die Suksche Interpretation komplett. Suk schwelgt im melodischen Reichtum von Dvoraks Sonatine op. 100. Deren Finale ist so vollgestopft mit griffigen Einfällen, dass sie fast wie ein Patchwork wirkt. Da kommt Suks großer böhmischer Bogen gerade Recht. Bei den ?Romantischen Stücken? op. 75 setzten sich Suk und Holecek sogar über Dvoraks Anweisungen hinweg. Das dramatisch krachend gespielte Allegro maestoso ist alles andere als majestätisch. Im op. 75 ist interpretatorische Freiheit allerdings auch kompositorisch angelegt. Das finale Larghetto hat im Gegensatz zu op.100 eigentlich nur ein halbes Thema. Es ist an den Interpreten, dieses in ruhelos schweifenden Sequenzen und Harmonien immer neu zu gestalten.

Insgesamt ist die CD eine gelungene Kompilation. Sie ist ein nostalgischer Tribut an den Violinisten Josef Suk und alles wofür er steht. Auch die klangliche Aufbereitung hat mit dem etwas schrillen Ton der Violine (und das liegt wohl kaum an Suks Stradivari) und relativ viel Hall etwas nostalgisches. Für fleißige Sammler, welche die alten Supraphon Schallplatten nicht besitzen, ist die CD ein Standardwerk, mit mehrsprachigem Beiheft für den internationalen Markt geeignet. Für Romantiker ist die Aufnahme eine authentische Erinnerung. Und für nüchternere Hörer bleibt der selbstbewusste Ausdruck der Interpreten, die weder kitschig noch trocken wirken.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Paul Bräuer,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Suk, Josef: spielt Smetana, Dvorák & Suk

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
1
16.08.2004
EAN:

0099925377724


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Dvorák, Antonín
Smetana, Bedrich
Suk, Josef


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Interpret(en):Suk, Josef
Panenka, Jan
Holecek, Alfréd


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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