> > > Bach, Johann Sebastian: Messe in H-Moll BWV 232
Montag, 29. November 2021

Bach, Johann Sebastian - Messe in H-Moll BWV 232

'Das grösste musikalische Kunstwerk aller Zeiten und Völker'


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


'Das größte musikalische Kunstwerk aller Zeiten und Völker'

Die h-moll-Messe BWV 232 von Johann Sebastian Bach einzuspielen, ist eine Herausforderung für alle Musiker, die sich mit Barockmusik oder geistlicher Musik beschäftigen. Abgesehen von den hohen Ansprüchen, welche dieses Werk musikalisch an die Ausführenden stellt, ist Bachs für die Interpreten – und für die Hörer – eine geistige und geistliche Herausforderung. Nicht nur das Genus ‘Messe’ und die Kunstfertigkeit Bachs, auch die Rezeptionsgeschichte dieses Werkes flößt Ehrfurcht ein. Hans Georg Nägeli, der die Messe Anfang des 19. Jahr­hunderts im Druck erschienen ließ, kündigte es als das ‘größte musikalische Kunstwerk aller Zeiten und Völker’ an. Jungen Künstlern sollte das Studium dieser Partitur die gleichen Kenntnisse vermitteln wie den ‘bildenden Künstlern eine Reise nach Rom’.

Derartig große Worte wird heute niemand mehr benutzen wollen – und die fortschreitende Säkularisierung der Gesellschaft hat Bachs h-moll-Messen wie seine Passionen zu Kunstwer­ken gemacht, die auch rein ästhetisch genossen, zuweilen auch konsumiert werden können. Eine Vielzahl von Aufnahmen deutet auf verschiedene Zugänge und Hörgewohnheiten hin, wobei mittlerweile die historische Aufführungspraxis fast zur Norm geworden ist. Fast alle ‘Großen’ der Alten Musik-Szene haben eine eigene Einspielung vorgelegt: von John Eliot Gardiner (1985) über Philippe Herreweghe (1998) bis hin zu Konrad Junghänel (2003).

Helmut Müller-Brühl geht mit dem 1923 gegründeten Kölner Kammerorchester einen ande­ren, eigenen Weg: Mit modernem Instrumentarium versuchen er und sein Ensemble die Er­kenntnisse der historischen Aufführungspraxis umzusetzen und hörbar zu machen. Dabei können Müller-Brühl und das Orchester auch auf Erfahrung mit historischen Instrumenten zurückblicken: Zwischen 1976 und 1986 musizierte das Orchester unter dem Namen ‘Capella Clementina’ auf entsprechenden Instrumenten.

Der Zugang Müller-Brühls zur Bachschen h-moll-Messe ist ein unprätentiöser: Er neigt weder zum Monumentalisieren der Messe, noch wird sie durch übertriebene Tempi zur sportiven Übung und damit belanglos gemacht. Musik und Text, so scheint es, werden von den Inter­preten ernst genommen und in ihrer ästhetischen und spirituellen Bedeutung ausgelotet. Die Artikulation des Orchesters ist sorgfältig, Seufzermotive etwa im Satz ‘Et incarnatus’ und im ‘Agnus Dei’ werden deutlich herausgestellt. Kammermusikalische Qualitäten offenbart auch der Dresdener Kammerchor, der seit 1985 unter der Leitung von Hans-Christph Rademann das Musikleben bereichert. 15 Chorsoprane (Sop­ran I und II), 9 Altstimmen und je 6 Tenöre und Bässe singen genauso präzise wie ausdrucks­voll. Hervorzuheben ist bei dem Chor das gute, gespannte piano. Bemerkenswert ist ferner die Gestal­tung des cantus im ‘Confiteor’ durch die Tenöre, die den Ton nicht nur ‘festhal­ten’, sondern das Glaubensbekenntnis geradezu erstrahlen lassen – aber eben ohne forciert zu wirken.

Unterstützt werden Chor und Orchester von Sunhae Im (Sopran), Marianne Beate Kielland (Mezzosopran), Ann Hallenberg (Alt), Markus Schäfer (Tenor) und Hanno Müller Brach­mann (Bassbariton). Besondere Beachtung verdient dabei die Altistin, die das ‘Agnus Dei’ eindringlich gestaltet. Gleichfalls bemerkenswert ist das Duett ‘Domine Deus’ zwischen Tenor und Sopran I, die sich nahezu ideal ergänzen. Das Duett aus dem Kyrie ‘Christe eleison’ (Sopran I/II) gelingt hingegen weni­ger, weil Sunhae Im mit zuviel Vibrato aufwartet. Ein anderer Mangel betrifft nicht die Ausführenden, sondern den Dirigenten: Unverständlich ist, warum Müller-Brühl bei den ersten feierlichen Kyrie-Anrufungen den Klang immer wie­der abbricht. Dies ist vom Notentext her nicht gefordert und erzeugt zudem falsche Betonun­gen.

Aber diese Details können das positive Gesamturteil nicht wesentlich beeinträchtigen: Das Label ‘Na­xos’ hat hier unter der Leitung von Helmut Müller-Brühl eine Einspielung der h-moll-Messe vorgelegt, die nur zu empfehlen ist. Dass diese Doppel-CD noch zu einem mäßigen Preis an­geboten wird, erhöht die Freude. Dieses ‘größte musikalische Kunstwerk aller Zeiten und Völker’ sollte auch in den Haushalten nicht fehlen, die knapp bei Kasse sind.

Ergänzt wird die Einspielung durch einen soliden Einführungstext eines ausgewiesenen Musikwissen­schaftlers und Bach-Experten, Emil Platen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Messe in H-Moll BWV 232

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
2
24.05.2004
Medium:
EAN:

CD
4891030512191


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Bach, Johann Sebastian


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Dirigent(en):Müller-Brühl, Helmut
Orchester/Ensemble:Kölner Kammerorchester
Interpret(en):Im, Sunhae
Kielland, Marianne Beate
Hallenberg, Ann
Schäfer, Markus
Müller-Brachmann, Hanno


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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