> > > Beethoven, Ludwig van: Piano Trio
Sonntag, 29. März 2020

Beethoven, Ludwig van - Piano Trio

Ein musikalischer Bogen


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Pianist Freddy Kempf (28 Jahre) hat sich für diese Aufnahme mit zwei Freunden, dem französischen Pierre Bensaid an der Violine und dem armenischen Cellisten Alexander Chaushian der anspruchsvollen und nicht immer leicht zu spielenden Kammermusik zugewandt. Interessant bei der Auswahl der auf dieser SACD zu hörenden Kompositionen von Ludwig v. Beethoven ist, dass eines der ersten Klavier Trios - Opus 1 Nr.3 c-moll aus dem Jahre 1794 - mit der letzten vollendeten Triokomposition – Opus 97 B-Dur aus dem Jahre 1811 – zusammengeführt wird. Es entsteht ein eindrucksvoller Bogen über das musikalische Schaffen und die Entwicklung Beethovens in seinen Trio-Kompositionen. Ist im ersten Trio noch die verspielte, klassische Vorlage Mozarts oder Haydns zu spüren, so zeigt sich im letzten Trio Beethovens eigene melodische Weite und Dramatik.

Schwere Kost

Die Aufnahme beginnt mit dem Klaviertrio in c-moll, welches das dritte Trio der Reihe Opus 1 ist. Der gerade 24jährige Schüler Haydns schrieb das Werk in den Jahren 1793/1794 in Wien und hob damit die Gattung der für den Salon bestimmten Kammermusik in die Nähe des Streichquartetts. Die vier Sätze bilden in sich musikalische Einheiten die eine ungewohnte aber spannende Satzfolge bilden. Die schwärmerischen (Allegro con brio), dramatischen (vorgezogenes ‘Andante cantabile con Variazioni’), munteren (Menuetto quasi Allegro) und stürmischen (Finale, Prestissimo) Stimmungen führen sie dennoch zu einem eindrucksvollen Gesamtwerk zusammen.
Klanglich zeigt sich die Aufnahme anfangs nicht sonderlich ausgewogen, wie von einer kammermusikalischen Darbietung zu erwarten ist. Liegt es an der Aufnahme oder liegt es in der Anlage der Musik selbst begründet? Der Flügel klingt sehr fein und transparent. Die Violine und das Cello wirken im Verhältnis zum Flügel zu präsent, zu nah am Hörer. Sie klingen unangenehm harsch und lassen keine entspannte Höratmosphäre entstehen. Die Intonation schwankt und wirkt besonders in Unisono-Passagen des kantablen Andante im ersten Trio schwer und gedrückt. Obwohl Freddy Kempf am Piano eine ausgesprochen souveräne Figur abgibt und sensibel für ein ausgewogenes musikalische Klangbild sorgt, wirken besonders die Pizzicato-Variation Nr. 3 im Variationssatz ‘Andante cantabile con Variazioni’ zu leblos.

Nebengeräusche wie Atmen und knarren der Instrumente werden bei einer ausgewogenen Produktionen meist nicht oder nur beiläufig wahrgenommen, bzw. werden zugunsten der technischen Anforderungen verziehen. Doch beim ersten Trio dieser SACD ist es ein weiterer Störfaktor, der das Hörerlebnis schmälert. Spätestens wenn in den Fortissimo-Passagen das Cello auf dem rechten Kanal des ‘Menuetto quasi Allegro’ rumpelt und zerrt (nicht technisch, sondern das Instrument), überprüft der interessierte Klassikfreund als erstes seine Lautsprecher, womit der intime kammermusikalische Hörgenuss beendet ist. Schade, aber die angenehm anzuhörenden Passagen sind einfach zu kurz, man kann die Reichweite der Komposition des jungen Beethovens im ersten Trio nur erahnen.

Happy End

Doch wer nun enttäuscht aufgibt, verpasst einiges! Das Trio B-Dur, Opus 97 ‘Archduke’ ist dem Erzherzog Rudolph von Österreich (1788 – 1831) gewidmet, einem Klavier- und Kompositionsschüler Beethovens, und trägt den Beinahmen ‘Erzherzog-Trio’. Besonders auffallend ist der vordergründige Einsatz des Klaviers. Nicht von ungefähr beginnt das Trio mit einem Hauptthema im Klavier. Es bildet eine äußerst leichtfüßige Einleitung. Phantasievolle Übergänge führen den Hörer durch die Form des Allegros.
Schnell wird deutlich, dass den drei Musikern das zweite Trio dieser Aufnahme wesentlich überzeugender von den Fingern gleitet. Es liegt wohl an der Komposition Beethovens, die – zu diesem Zeitpunkt – nach fast hundert Werken und 15 Jahren wesentlich signifikanter für seinen Stil und seine Melodieführung ist. Das Klavier hat nun einen wesentlich höheren Stellenwert, es übernimmt große Teile der melodischen Führung wie z.B. die Einleitung des Scherzos zeigt. Der Zuhörer spürt die Freude und Erleichterung der drei Musiker, die sich nun wieder auf musikalisch sicherem Terrain bewegen. Die Unsicherheit insbesondere der Streicher aus dem vorangegangenen Trio weicht einer technisch und musikalisch überzeugenden Darbietung.

Summa summarum

Letztendlich ist die Gegenüberstellung dieser Trios eine gute Idee, an der man die kompositorische Entwicklung Beethovens ablesen kann, und es wird deutlich, wie schwer es ist, Stücke eines der bekanntesten Komponisten zu spielen, die noch eine sehr zurückhaltende eigene Handschrift enthalten. Ich war beim ersten Hören leicht irritiert über das erste Trio, weil man den erwarteten Beethoven nur schemenhaft erkennt. Hierin lag auch die Schwierigkeit für die Musiker, sich mit dem Werk zu identifizieren. Das Klaviertrio Opus 97 sorgt dafür im Anschluss für den erhofften Frieden mit sich und der Musik. Es erklingt eine eindrucksvolle Komposition Beethovens die durch die Interpretation der jungen Musiker lebendig und facettenreich klingt.
Die Aufnahme ist als Audio-CD klanglich kompakt und entfaltet sich in der Surround-Version (SACD) zu einem transparenten Klangbild mit etwas rauen Streichern. Das Booklet ist umfangreich mit geschichtlichen Hintergründen der Kompositionen in drei Sprachen bestückt und optisch ansprechend gestaltet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Steffen Dreyer,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven, Ludwig van: Piano Trio

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
29.07.2004
Medium:
EAN:

SACD
7318599911724


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Beethoven, Ludwig van


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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