> > > Vasks, Péteris: Violin Concerto "Distant Light"
Dienstag, 9. August 2022

Vasks, Péteris - Violin Concerto "Distant Light"

Fernes Licht


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs in den Jahren 1989/90 ermöglichte es vielen Komponisten aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, sich im ‘Westen’ Gehör zu verschaffen. Insbesondere Tondichter aus dem geographisch nahen Baltikum brachten es in den letzten Jahren zu einiger Bekanntheit. Der Este Arvo Pärt ist hierfür ein Beispiel, ebenso Peteris Vasks (geb. 1946), den man zu den führenden Komponisten Lettlands rechnen darf. Vasks hatte auch schon zu Sowjetzeiten einen gewissen Namen in Westeuropa, in den 80ern wurden seine Werke unter anderem in Münster und Berlin gespielt. 1996/97 komponierte er sein Konzert für Violine und Streichorchester ‘Tala Gaisma’ (übersetzt etwa ‘Fernes Licht’), das von Gidon Kremer uraufgeführt wurde. Zusammen mit den Werken ‘Musica dolorosa’ (1983) und ‘Viatore’ (2001) ist das Violinkonzert nun bei BIS erschienen; Katarina Andreasson spielt den Solopart und leitet das Swedish Chamber Orchestra.

Innerhalb der guten halben Stunde, die das Violinkonzert umspannt, wird der Hörer fast so sehr gefordert wie die Solistin. Bereits zu Beginn muß sich Andreasson in halsbrecherische Höhen begeben, die Begleitung des Streichorchesters bleibt zunächst sparsam. Erst allmählich werden die leisen, spukhaften Töne von deutlicheren Gesten abgelöst. Andreasson bereitet ihre anspruchsvolle Doppelrolle keinerlei Schwierigkeiten: mit einem schlanken, präzisen Ton bewältigt sie ihre Rolle als Solistin, gleichzeitig hält sie das Orchester zu einer aufmerksamen, ihre Dominanz aber nie in Frage stellenden Begleitung an.
Stilistisch könnte man Vasks als gemäßigt Modernen bezeichnen, die langsamen Passagen des Konzertes erinnern durch ihre Melancholie gelegentlich an den späten Mahler. Dennoch ist die musikalische Sprache des Letten höchst originell, in der differenzierten Behandlung der Streicher ebenso wie in den Kadenzpassagen der Solostimme. Das Swedish Chamber Orchestra legt hier zusammen mit der überzeugenden Katarina Andreasson eine gelungene Interpretation des Werkes vor, in dem Vasks zwischen individueller Traditionsfortführung und gelegentlichen Modernismen pendelt.

In der ‘Musica dolorosa’ spielt Mats Levin den Cellopart, die solistische Dominanz ist hier allerdings nicht so deutlich wie im Violinkonzert. Vasks schreib das Werk als Requiem für seine verstorbene Schwester, entsprechend verhalten und tragisch ist hier die Grundstimmung. Wer sich mit dem Ton des Konzertes anfreunden kann, wird auch diese Musik schätzen; Anhänger der Avantgarde werden Vasks dagegen abfällig als ‘Neoromantiker’ bezeichnen. Interpretatorisch gibt es an der ‘Musica dolorosa’ jedenfalls nichts auszusetzen, Levin hat sein Cello jederzeit im Griff und vermag durch vornehme Sanglichkeit ebenso zu überzeugen wie die restlichen Streicher des Kammerorchesters.

Das dritte Werk auf der CD, ‘Viatore’ für Streichorchester, entstand 18 Jahre nach der ‘Musica dolorosa’ und läßt viele Parallelen erkennen. Auch hieran können sich die Geister scheiden: Vasks hält, hierin Arvo Pärt vergleichbar, unbeirrbar an seinem Personalstil fest – sagen die einen. Er schreibt einfach immer nur das Gleiche – sagen die anderen. Wie so oft dürfte die Wahrheit in der Mitte liegen: Die differenzierten Variationen, die dieser Musik innewohnen, erschließen sich möglicherweise erst nach wiederholtem Hören. Die Interpreten verlieren nun gelegentlich den zuvor so hervorragend gehaltenen Spannungsbogen, können aber immer noch überzeugen. Klanglich ist die CD erstklassig, die feinen Abstufungen der Streicher sind bis ins Detail nachvollziehbar.
Trotz der scheinbaren Einfachheit und der kaum angetasteten Tonalität vieler Passagen ist die Musik von Vasks schwer zugänglich. In vielem ähnelt sie dem Schaffen Alfred Schnittkes, doch insgesamt bleibt sie auf einer einheitlicheren Stilebene – eine Tatsache, die sich wiederum auch als Mangel an Abwechslung kritisieren läßt. Das Swedish Chamber Orchestra gibt sein Bestes, um dem Hörer diese Klangwelten zu übermitteln; besonders zu loben ist die gleichzeitig kraftvolle und feinnervige Interpretation des Violinkonzertes durch Katarina Andreasson.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Vasks, Péteris: Violin Concerto "Distant Light"

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
28.06.2004
Medium:
EAN:

CD
7318590011508


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Vasks, Péteris


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Dirigent(en):Andreasson, Katarina
Orchester/Ensemble:Swedish Chamber Orchestra
Interpret(en):Andreasson, Katarina


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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