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Sonntag, 15. September 2019

Duruflé, Maurice - Chamber Music

Zauberhafte Momente


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Flöte, Viola und Klavier – zwar keine abwegige, aber sicher auch nicht eine unbedingt alltägliche Trio-Besetzung. Wohl deshalb sind es mit Sharon Bezaly (Flöte), Nobuko Imai (Bratsche) und Ronald Brautigam (Klavier) drei ‚unabhängige’ Musiker und kein fest eingespieltes Ensemble, die sich hier zusammengefunden haben, um für das schwedische Label BIS Musik für diese Besetzung einzuspielen.

Unbekannte zeitgenössische Komponisten

Die Werkauswahl beschränkt sich im wesentlichen auf Komponisten des 20. Jahrhunderts. Maurice Duruflé (1902-1986), Mieczyslaw Weinberg (1919-1996) und Tatiana Nikolayeva (1924-1994) dürfen wohl anhand ihrer Lebensdaten als typische Vertreter des Jahrhunderts gelten, lediglich Reynaldo Hahn (1875-1947) wurde bereits deutlich vor der Jahrhundertwende geboren. ‚Prélude, Récitatif et Variations’ op. 3 von Duruflé ist das einzige Kammermusikwerk dieses äußerst selbstkritischen französischen Komponisten. Es ist nicht verkehrt, sich hier an ähnlich dreiteilig strukturierte Stücke von César Franck erinnert zu fühlen. Riesig ist dagegen das Oeuvre von Weinberg, wenn man hierzulande auch so gut wie nichts davon kennt. Von niemand geringerem als Dmitri Schostakowitsch wurde Weinberg sehr geschätzt, und sein Trio op. 127 gemahnt dann auch in manchem an diesen Kollegen. Ähnlich sieht das mit der Pianistin Tatiana Nikolayeva aus, die Schostakowitsch bei einem Klavierwettbewerb imponierte und danach in ihrem Repertoire neben Bach einen Schwerpunkt auf seine Werke legte. Zumindest in ihrer Heimat ist Nikolayeva auch als Komponistin geschätzt, und ihr unbeschwertes, unverbraucht frisches Trio op. 18 scheint das aufs Schönste zu bestätigen. Von Reynaldo Hahn, den man, wenn überhaupt, eher mit der leichteren Muse in Verbindung bringt, wird eine ‚Romanesque’ geboten; einige Werke in abgespeckterer Besetzung dieses Komponisten vervollständigen das Programm. Zum einen gibt es zwei Stücke für Flöte und Klavier, ‚L’Enchanteur’ und ‚Danse pour une déesse’, und dann noch die vier ‚Portraits de peintres’ für Klavier allein. Diese sind insofern interessant, als dass die Stücke inspiriert wurden durch kurze Gedichte des mit Hahn befreundeten Dichters Marcel Proust, der wiederum versucht hatte, in ihnen mehr oder weniger bekannte Malerpersönlichkeiten zu charakterisieren.

Schöne Musik zauberhaft dargeboten

Es ist kaum in adäquate Worte zu fassen, wie sehr die fantastischen Interpretationen der drei Musiker die Kompositionen zu beseeltem Leben erwecken. Dass hier auf technisch höchstem Niveau musiziert wird, braucht da kaum separat erwähnt zu werden. Die langsamen Sätze blühen unter einem zutiefst empfindungsvollen Spiel förmlich auf, während raschere Sätze elastisch federnd und elegant vermittelt werden; stets treffen die Musiker den erwünschten und richtigen Ton. Sowohl die ernstere Musik von Duruflé oder Weinberg, aber auch die spürbar leichtere Kost von Reynaldo Hahn werden äußerst delikat und angemessen wiedergegeben. Falscher Sentimentalität wird besonders auch hier kein Raum geboten, und die Klangergebnisse sind stets von größter Klarheit und Schärfe, was sowohl die zweifellos vorhandenen Qualitäten der Stücke Hahns hervorhebt, aber auch einem Stück wie dem Trio Nikolayevas, das in manchem den Idealen klanglicher Transparenz etwa der ‚Groupe des Six’ verpflichtet scheint, durchaus entgegenkommt. Dass hier drei Musiker und nicht ein Ensemble spielen, würde man angesichts des absolut homogenen Gesamteindrucks an keiner Stelle auch nur ahnen, wenn man es nicht wüsste. Kurz: Es sind höchst beglückende Interpretationen, und wenn in dieser Kategorie sechs Sterne zu vergeben wären, wären sie hier fällig.

Sehr gute technische Umsetzung

Die hervorragende Aufnahmequalität ist der ideale Partner für die außergewöhnlichen Interpretationen und lässt diese erst richtig zur Geltung kommen. Der Klang der 2002/03 entstandenen Einspielungen ist klar und natürlich und dazu noch hervorragend ausbalanciert; Störgeräusche müsste man schon mit einem Stethoskop suchen. Für die letzte Abrundung dieser herrlichen Produktion sorgt das schöne, mit ausführlichen und gleichermaßen verständlichen wie fundierten Texten ausgestattete Textheftchen, in dem sich sogar die vier Gedichte Prousts, die Inspirationsquelle für Hahns Klavierstücke geworden sind, abgedruckt finden – letztere entgegen der dreisprachigen Einführungstexte allerdings nur im französischen Original.

Die Produktion sollte niemanden enttäuschen dürfen, der Kammermusikfreund insbesondere muss einfach zugreifen. Zudem wird hier für das weitgehend unbekannte Oeuvre mehrerer Komponisten allerbeste Werbung betrieben. Wer die Komponisten nicht kennt, dürfte sie kaum in einem positiveren Licht kennen lernen können. Und demjenigen, der sie nicht einordnen kann, sei abschließend entwarnend gesagt, dass es keinerlei Grund gibt, sich von den Lebensdaten abschrecken zu lassen – es handelt sich ausnahmslos um Künstler, die sich der Avantgarde auf ihre Weise widersetzten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Duruflé, Maurice: Chamber Music

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
13.01.2004
Medium:
EAN:

CD
7318590014394


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Duruflé, Maurice
Hahn, Reynaldo
Nikolayeva, Tatiana
Weinberg, Mieczyslaw


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Interpret(en):Bezaly, Sharon
Brautigam, Ronald
Imai, Nobuko


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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