> > > Honegger, Arthur: Kammermusik der Groupe des Six
Sonntag, 29. Mai 2022

Honegger, Arthur - Kammermusik der Groupe des Six

Versöhnlich


Label/Verlag: Musicaphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die französische Komponistenvereinigung, wegen der Anzahl ihrer Mitglieder ‚Groupe des Six’ getauft, dürfte wohl jedem Musikfreund ein Begriff sein. Schwieriger wird es schon, will man die einzelnen Namen einmal aufzählen, denn nach Arthur Honegger, Francis Poulenc und Darius Milhaud kommt man leicht ins Stocken. Die drei sind es nämlich im wesentlichen, die auch heute noch im Musikleben lebendig geblieben sind; für Georges Auric, Louis Durey und die Komponistin Germaine Tailleferre indessen ist eher das Gegenteil der Fall. Erklärtes Ziel der Gruppe war, grob gesprochen, in Abkehr des in Frankreich grassierenden Wagnérisme zu einer national eigenständigen Tonsprache, aber auch, im Sinne der Ideale der Klassik, zu einer rational gestalteten, formal ausgewogenen Musik zu finden.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Wie sieht es aber im einzelnen aus? Was verbindet die einzelnen Tonsetzer über ihr oberstes Ziel hinaus? Gibt es so etwas wie ‚die’ Tonsprache der Groupe des Six? Oder trug jedes Mitglied auf ganz persönliche und individuelle Weise zu diesem Ziel bei? Eine Produktion mit dem Titel ‚Kammermusik der Groupe des Six’ verspricht, Antworten auf diese Fragen zu geben. Natürlich erwartet man, um den jeweiligen Personalstil möglichst genau und objektiv abschätzen zu können, dass jeder der sechs Komponisten etwa gleichstark repräsentiert wird. Diese Erwartung wird leider nur gewissermaßen ‚im Kleinen’ erfüllt, denn mit dem ‚Album des Six’ liegt eine kleine Klaviersuite vor, für die jeder der sechs Tonsetzer so etwas wie eine musikalische Visitenkarte abgegeben hatte. Der große Rest der CD wird ausschließlich unter den etablierten drei Komponisten aufgeteilt.

Was findet sich sonst noch?

Die ‚Groupe’ ist also ungleichmäßig repräsentiert. Der Titel ‚Kammermusik’ ist zudem schwammiger als eigentlich nötig, denn neben erwähntem Klavieralbum finden sich ausschließlich Sonaten für Cello und Klavier. Neben den Beiträgen von Poulenc, Milhaud und Honegger gibt es noch ein Stück des Letztgenannten zu hören, das eine vom Komponisten angefertigte Bearbeitung einer Klarinettensonatine darstellt. Daher auch zeigen sich mit der Cellistin Bettina Barbara Bertsch und dem Pianisten Mathias Weber nur zwei Künstler für die Einspielung verantwortlich. Die einzelnen Kompositionen stützen im übrigen die Vermutung, dass jeder der Komponisten einen eigenen Personalstil entwickelt und gepflegt hat. Die schwergewichtige Sonate Honeggers, die jazzigen Anleihen in seiner Sonatine, der durchsichtige, helle (‚mediterrane’) Klang bei Milhaud oder der frisch-humoristische Ton Poulencs zeigen: Hier regiert die Vielfalt in der Einheit.

Überzeugende Darbietung 

Die Darstellung der Werke weiß zu überzeugen. Die gewählten Tempi sind stets lebendig und frisch, das Spiel von Bettina Bertsch ist vielseitig, technische Präzision und hohe Ausdrucksstärke gehen Hand in Hand. Breit gesungene Bögen, ergreifende Dramatik und verspielt humorvolle Passagen gelingen gleichermaßen, angesichts der angesprochenen Vielfalt der Musik ist das sicher auch vonnöten. Der Klavierpart ist pointiert und präzise dargeboten, das Zusammenspiel der beiden souverän. Die Stücke erscheinen in einem klaren, unverfälschten Licht, bestens in Einklang also mit den Zielen der ‚Groupe’. Das Klavieralbum wird von Mathias Weber sehr geschmackvoll präsentiert und zeigt deutlich, dass die drei unbekannten Namen den anderen in ihren kompositorischen Fähigkeiten keineswegs nachstanden und auch Interessantes zu bieten haben.

Auch technisch gibt es nichts zu bemängeln. Der Ton der Aufnahme ist natürlich und rein, die Abstimmung zwischen den beiden Instrumenten ist ausgezeichnet. Das sehr ausführliche Begleitheft, dessen Texte übrigens aus der Feder der beiden Künstler stammen, löst einiges des im Programm Versäumten nachträglich ein. Denn unter anderem wird hier jedem (!) der sechs Komponisten ein prägnantes und informatives Portrait gewidmet, was dieses Textheftchen nicht nur auch unabhängig der CD zu einer interessanten Informationsquelle macht, sondern auch den anfänglich aufgrund der Werkauswahl leicht enttäuschten Rezensenten versöhnlich zu stimmen vermochte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Honegger, Arthur: Kammermusik der Groupe des Six

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Musicaphon
1
23.03.2004
Medium:
EAN:

CD
4012476568621


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Auric, Georges
Durey, Louis
Honegger, Arthur
Milhaud, Darius
Poulenc, Francis
Tailleferre, Germaine


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Interpret(en):Bertsch, Bettina Barbara
Weber, Mathias


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Musicaphon

Ende der 50er Jahre gründete Karl Merseburger, Inhaber des Tonkunstverlages in Darmstadt, das Label CANTATE. Etwa zur gleichen Zeit rief Karl Vötterle (Bärenreiter-Verlag) in Kassel MUSICAPHON ins Leben. In beiden Fällen sollte vorrangig das jeweilige Verlagsprogramm auf Tonträgern dokumentiert werden. Nachdem Merseburger den Tonkunstverlag 1963 aufgeben mußte, übernahm Bärenreiter das Label CANTATE und führte beide gemeinsam unter dem Dach der 1965 gegründeten Vertriebsfirma "Vereinigte Schallplattenvertriebsgesellschaft Disco-Center" fort. Auf beiden Labels erschienen in den 60er und 70er Jahren bedeutende Aufnahmen. Besondere Schwerpunkte setzte Wilhelm Ehmann, Leiter der Westfälischen Kantorei in Herford, mit seinen historischer Aufführungspraxis verpflichteten Interpretationen der Werke von Heinrich Schütz. Bach-Kantaten wurden von Helmuth Rilling mit der Gächinger Kantorei und dem Figuralchor der Gedächtniskirche Stuttgart eingespielt. MUSICAPHON gewann daneben Profil mit der Veröffentlichung musikethnologischer Aufnahmen, herausgegeben von der UNESCO (Musik des Orients und Musik Afrikas) bzw. vom musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel (Musik Ozeaniens und Musik Südostasiens). 1994 erwarb der Musikwissenschaftler Dr. Rainer Kahleyss (Kassel) die Label, 1996 auch die Vertriebsfirma von Bärenreiter, die jetzt als "Klassik Center Kassel" firmiert. Seitdem werden auf CANTATE geistliche Musik, auf MUSICAPHON weltliche Musik vom Frühbarock bis zur Gegenwart veröffentlicht. Auch für die Rezeptionsgeschichte bedeutsame Aufnahmen der Altkataloge werden sukzessive auf CD umgestellt.


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