> > > Bach, Johann Sebastian: Cantatas Vol. 25
Sonntag, 15. September 2019

Bach, Johann Sebastian - Cantatas Vol. 25

Ruhiges Jubiläum


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


1998 bekam ich die Ausgabe Nr. 1 von Masaaki Suzukis Bach-Kantaten-Zyklus? in die Hände. Die CD war nicht nur voller Bach, sondern mit Zugaben wie Händels ,Halleluja? und anderen Kompositionen gewürzt. Vielleicht glaubte das schwedische Label BIS, das Projekt aus Japan für europäische Ohren auf eine breitere musikalische Basis stellen zu müssen, nach dem Motto: Hört, die können nicht nur Beethovens Neunte singen oder Bach-Kantaten spielen, sondern auch andere Musik trefflich interpretieren. Die Taktik ging auf, der Kantatenzyklus, der nun beileibe nicht mehr der erste der Plattengeschichte war, erregte Interesse und wurde in den Folgejahren mit zahlreichen Lobeshymnen überschüttet. Vollkommen zurecht, wie sich ein ums andere Mal bis zur jetzigen 25. Ausgabe nachprüfen ließ. Das kleine Jubiläum wird ruhig begangen, mit einem zusätzlichen Pappschuber und einem etwas reduzierten Preis.

Gewohnte Standards

Qualitativ wächst die CD mit drei Leipziger Kantaten vom September 1724 nicht über ihre Vorgängerinnen hinaus, bleibt aber auch nicht hinter den Erwartungen zurück. Wieder einmal kann man den typischen Suzuki-Bach-Klang hören. Seit der 1. Ausgabe bleibt der sich ebenso treu, wie die interpretatorische und philologische Sorgfalt mit der Suzuki jeder Kantate zu ihrem Recht verhilft. Wie beschreibt man diesen Klang? Er ist warm, kompakt und rund, was bisweilen daran liegt, dass er auf den Holzbläsern, vor allem den nasalen, leicht klagenden Oboen zu ruhen scheint, die den Mittelstimmenbereich reif klingen lassen. Der Chorklang ist ebenso kompakt, die technische Ausführung löblich und das exakte Deutsch legendär. Die Raumakustik der Kapelle der Frauenuniversität Kobe und die bewährte Tontechnik helfen diese Qualitäten vollgültig ausprägen. Diesmal tritt der Chor für meine Begriffe aber gelegentlich zu stark hinter das Orchester, etwa im Eingangschor ,Was Gott tut, das ist wohlgetan?.

Mühevoll emsig

Wer erwartet, ein Musiker müsse sich mit jeder Aufnahme neu erfinden, den wird Suzuki bald enttäuschen. Seine Interpretationen ruhen in ihrer Unaufgeregtheit und neigen in den langsamen Arien oft zum meditativen, wenngleich spannungsvollen Ton und Tempo. Spektakulär wird?s allenfalls in den Eingangssätzen, wenn sich einmal Trompeten und Pauken die Ehre geben.
Diese Musizierhaltung findet sich in Ausgabe 25 wieder. Fast jedem Satz wird Suzuki damit gerecht. Zweifel kommen mir jedoch bei den Tenorarien aller drei Kantaten (,Jesu, der du meine Seele? BWV 78, ,Was Gott tut, das ist wohlgetan? BWV 99 und ,Ach, lieben Christen, seid getrost? BWV 114). Zwar spürt man die orchestrale Spannkraft und genießt das Spiel von Liliko Maeda auf der solistischen Traversflöte, doch wirkt Tenor Makoto Sakurada trotz seiner weitgehend exakten deutschen Diktion und seines schlanken Timbres etwas blass. Ich habe das Gefühl, was für gewöhnlich nicht mit Suzukis Interpretationen assoziiert werden kann, jemand wisse nicht, wovon er eigentlich singt. Die Anteilnahme fehlt, vielleicht der opernnähere, weniger protestantische Zugriff auf den Text.
Interessanter gelingt das Duett ,Wir eilen mit schwachen, doch emsigen Schritten? aus BWV 78. Hier glänzt Suzuki im Gegensatz etwa zu Helmuth Rilling, der Solisten und Begleitung regelrecht nageln ließ, durch Dialektik. Die Akzente des Cellos sind maßvoll und die Orgel versucht ebenso wenig den Solisten zu spielen. Alt und Sopran bleiben die Protagonisten. Suzuki nimmt die schwachen Schritte ernster als die emsigen. So spielt sich das Stück auf zwei Ebenen ab, die Frauenstimmen klingen entrückt fließend, während die Begleitung die mühevolle Emsigkeit müder Schritte markiert.
Besondere Erwähnung verdient der schöne Countertenor von Daniel Taylor. Ist es eine Gabe, wenn Countertenöre feminin klingen, dann ist Taylor diese auf betörende Weise eigen. Er besitzt einen geraden Ton, der noch über ausreichend Vibrato verfügt, um nicht stumpf zu klingen, das Timbre leuchtet, nur die Tiefe ist etwas schwach. Hörenswert.

Trotz kleiner Einschränkungen mag man Suzuki und dem Bach Collegium Japan zur 25. CD herzlich gratulieren. In unserer hektischen Alltagswelt haben ihre Einspielungen den Effekt, dass man sich fühlt, als käme man von einer lauten Straße urplötzlich in eine wundersam abgeschottete Welt, die mit Ruhe und Ausgeglichenheit sofort gefangen nimmt. Dies ist nicht hoch genug zu bewerten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Cantatas Vol. 25

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
20.07.2004
Medium:
EAN:

CD
7318590013618


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Bach, Johann Sebastian


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Dirigent(en):Suzuki, Masaaki
Orchester/Ensemble:Bach-Collegium Japan
Interpret(en):Nonoshita, Yukari
Taylor, Daniel
Sakurada, Makoto
Kooij, Peter


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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