> > > Saariaho, Kaija: Du cristal ...à la fumée - Nymphéa - Sept papillons
Dienstag, 19. Februar 2019

Saariaho, Kaija - Du cristal ...à la fumée - Nymphéa - Sept papillons

Schillernd-gleissende Klangoberflächen


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die 1952 geborene Kaija Saariaho als Finnin zu bezeichnen fällt etwas schwer, lebt sie doch bereits seit 1982 in Paris und fühlt sich der französischen Kultur näher als ihrer Heimat im hohen Norden. Dass die Herkunft bei dieser Komponistin interessiert, liegt vielleicht genau daran, dass sie aus Skandinavien stammt; viele haben bei ?Skandinavien? und ?skandinavischer Musik? Assoziationen an Volksmelodien, düstere Mollklänge und romantische Naturbeschreibungen, etwas ?typisch Nordisches? eben. Doch wenn diese Merkmale sich überhaupt generalisieren lassen, dann passen sie auf Komponisten der jüngeren Generation noch weniger, da sich die Szene der sogenannten ?Neuen Musik? sehr internationalisiert und man ? falls das je möglich war ? nationale Spezifika eines Komponisten nicht ohne weiteres ausmachen kann. Bei Frau Saariaho kommt noch hinzu, dass sie nach ersten kompositorischen Anleitungen an der Sibelius-Akademie in Helsinki ihre Fertigkeiten an der Musikhochschule Freiburg im Breisgau bei Brian Ferneyhough und Klaus Huber ausbauen konnte. Nach dem Studienabschluss 1983 in Freiburg arbeitete sie fortan unter anderem am IRCAM in Paris und lebt seit dieser Zeit in Frankreich. Mit diesem Land verbindet sie nicht zuletzt eine musikalische Tradition, die auch in ihren Werken starken Einfluss zeigt: zum einen die geniale Instrumentationskunst eines Hector Berlioz, zum anderen ein Feingespür für Klangfarben, hierin den Traditionslinien zu Debussy folgend.

Aus eben diesen Parametern gewinnen auch die hier eingespielten Werke ihre Struktur und Form. Saariaho geht es nicht um melodische Verläufe, sondern vielmehr darum, Harmonien, Klangfarben und Klangoberflächen zu organisieren und diese einem stetigen Wandel in kleinsten Schritten und Abstufungen zu unterwerfen. Timbre, Farbe und Harmonien sind die Zutaten, aus denen die Klangwelten Kaija Saariahos bestehen. Und nicht selten benutzt sie elektronische Hilfsmittel, um Klänge zu analysieren und differenziert in den Verlauf ihrer Stücke einzubauen, zum Beispiel Glissandi über mehrere Minuten hinweg, die in dieser Langsamkeit von keinem Instrumentalisten geleistet werden können (und auch sollen). Insofern nimmt die Elektronik in Saariahos Kompositionen einen wichtigen Platz ein, ohne dass sie zum Selbstzweck verkommt oder inflationär verwendet würde.

Das 1989/90 entstandene Diptychon ?Du cristal ...à la fumée? ist als ihr erstes großes Orchesterwerk bereits von einer ausgereiften, im kleinsten Detail ausgearbeiteten Orchesterbeherrschung bestimmt. Die beiden gegensätzlichen Werke, die sich über einen Cello-Triller als Symmetrieachse wie Bild und Gegenbild (nicht Spiegelbild) verhalten, verraten viel von der hohen Kunst Saariahos, Klänge und Harmonien ineinander fließen zu lassen, ohne dass je die Spannung abfällt; ein grandioser Beweis, dass Musik nicht unbedingt eine ?Melodie? benötigt. In ?Du cristal? bestimmen flirrende Orchestertutti einerseits, andererseits klangliche Schwebezustände die Form und Klanglichkeit des Stücks. ?...à la fumée? ist dagegen geprägt von sich stetig abwechselnden, ineinander übergehenden und weniger großflächig gestalteten Strukturen.

Diese beiden großartigen Werke werden von dem Los Angeles Philharmonic Orchestra unter ihrem Leiter Esa-Pekka Salonen in fabelhafter Manier interpretiert. Salonen, selbst Komponist und Widmungsträger von ?Du cristal?, schafft es kongenial, die Klangsphären Saariahos als schillernde, glitzernde und gleißende Klangoberflächen hörbar zu machen. Wie idiomatisch Kaija Saariaho trotz ihres ?modernen? Umgangs des Orchesters die einzelnen Instrumente einsetzt, zeigen nicht zuletzt wunderschöne Blechbläserakkorde auf den Höhepunkten der Steigerungswellen. Ein wenig erinnert die elektronisch verstärkte Altflöte und das ebenfalls elektronisch verstärkte Solo-Cello, die beiden ?Lieblingsinstrumente? Saaraihos, an Vogelstimmen wie sie beispielweise im ?Cantus Arcticus? von Einojuhani Rautavaara eingesetzt werden. Nur eben hier nicht als originale Vogelstimmen vom Band, sondern in artifizieller Stilisierung. Man hat bei den Werken Saariahos fast durchweg den Eindruck, als spielten hier visuelle Komponenten eine sehr wichtige Rolle; Bilder von Meeresglitzern oder die Spektralfarben eines Edelsteins stellen sich beim Hören dieser Musik immer wieder ein (was zuletzt Jürgen Otten in einem Beitrag der Süddeutschen Zeitung anmerkte).

Ähnlich ?farbenfroh? ist die Streichquartettkomposition ?Nymphéa? (1987) gestaltet. Man hat beinahe den Eindruck, als seien hier die klanglichen Möglichkeiten eines Streichquartetts ausgereizt. Denn vom Geräusch zum Samtklang als Extreme sind hier alle Zwischenstufen, zudem durch elektronische Verfremdung, ausgelotet. Das Kronos Quartett, erster Sachwalter bei Neuer Musik für Streichquartett, überzeugt auch hier einmal mehr durch Spielfreude und Mut zu ungehörten und unerhörten Klängen. Als dritter Teil des Zyklus ?Jardin secret? ist dieses Werk aufgebaut aus der computergestützten Klanganalyse der Celloklänge. Ergebnis ist ein differenziertes, reich gestaltetes Streicherwerk, das nicht nur durch den an Claude Monets Wasserrosen erinnernden Titel außermusikalische Assoziationen aufkommen lässt.

Im Jahre 2000 entstanden die letzten auf dieser CD enthaltenen Stücke, die ?Sept Papillons? für Violoncello solo. Während der Proben zu Saariahos Oper ?L´Amour de loin? entstanden, finden sich hier Elemente, die den Bezug zur Oper geradezu verneinen wollen, wie auch andere, die sich von der Oper beeinflusst erweisen. Der finnische Cellist Anssi Karttunen verleiht diesen schmtterlingshaft-flüchtigen Kompositionen grazile Anmut und filigrane Durchsichtigkeit.

Im Großen und Ganzen kann man diese Aufnahme getrost jedem Liebhaber zeitgenössischer Musik ans Herz legen. Das Los Angeles Philharmonic Orchestra schafft es in bezaubernder Weise, das Ausloten von Grenzwerten der Artikulation, Phrasierung und Klanggebung, die Kunst des kleinsten Übergangs als Grundkomponenten der Farb- und Klanggestaltung Saariahos hörbar zu machen. Eine wahre Freude und Breite an Klangfarben, die einem hier geboten werden. Diese CD zeigt einmal mehr, dass zeitgenössische Musik nichts mit Nüchternheit oder Vergeistigung zu tun haben muss, sondern unmittelbar und sinnlich daherkommen kann.

Der Klang der Aufnahme überzeugt absolut. Auch wenn die Orchesterwerke stellenweise ein wenig dunkel daherkommen, so genügt doch die Balance und Dynamik dieser Einspielung hohen Ansprüchen. Und das viersprachige Booklet bietet eine Menge an Informationen, was die gesamte Produktion, die als Kompilation schon veröffentlichter CDs des Labels Ondine herauskommt, zu einem großartigen und rundum gelungenen Beispiel zeitgenössischer Klangmagie werden lässt!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Saariaho, Kaija: Du cristal ...à la fumée - Nymphéa - Sept papillons

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
29.03.2010
EAN:

0761195104729


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Saariaho, Kaija


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Dirigent(en):Salonen, Esa-Pekka
Orchester/Ensemble:Los Angeles Philharmonic Orchestra
Interpret(en):Alanko, Petri
Karrtunen, Anssi
Harrington, David
Sherba, John
Dutt, Hank
Jeanrenaud, Joan


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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