> > > Schostakowitsch, Dimitri: Hamlet
Montag, 6. Dezember 2021

Schostakowitsch, Dimitri - Hamlet

Hamlet messerscharf


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


‘Das ist albernes Zeug, keine Musik’ – 30 Jahre alt war der Komponist Dmitri Schostakowitsch (1906 – 195), als Stalin nach einem Aufführungsbesuch der Oper ‘Lady McBeth von Mzensk’ im Moskauer Bolschoi-Theater sein Missfallen an dem Werk in dieser vernichtenden Wortwahl äußerte. Schostakowitsch, der  - wie viele russische Künstler der Zeit - den Stoff für seine Bühnenwerke lieber bei westeuropäischen Dramatikern wie William Shakespeare als bei heimischen Literaten suchte, wusste um die Bedeutung des abschätzenden Urteils des sowjetischen Diktators. Fortan hatte er sich stets auf einem schmalen Grad zwischen einer zumindest teilweisen Wahrung der künstlerischen Freiheit und einer Anpassung an die kulturpolitischen Richtlinien der KPdSU zu bewegen.

An seiner Faszination für Shakespeare änderte dies jedoch nichts. Schon in den 1920er Jahren hatte er in dem Regisseur und Hamlet-Spezialisten Grigori Kosinzew einen Freund gefunden, der diese Faszination teilte. 1928 bereits gründeten die beiden zusammen mit dem Regisseur Leonid Trauberg ein Filmteam. Unterbrochen vom zweiten Weltkrieg nahmen Schostakowitsch und Koszinew Ende der 40er Jahre ihre künstlerische Zusammenarbeit wieder auf. Und ausgerechnet 1954, dem ersten Jahr nach Stalins Tod, feierten sie mit dem Film ‘Hamlet’ einen großen Erfolg. Allerdings erst weitere 10 Jahre später erhielt die Shakespeare-Adaption ihre originale Musik. In der 1954er-Fassung fand noch Schostakowitschs ursprünglich für ‘King Lear’ komponierte Musik Verwendung. 

Kontrastreich und technisch sauber 

Es war der Filmmusik-Spezialist Andre Prévin, unter dessen Leitung das London Symphony Orchestra mit einer ersten Einspielung der Hamlet-Suite Op.116 in den 60er Jahren aufwartete. Seitdem sind einige weitere Einspielungen erschienen. Die komplette Filmmusik - also eine um zusätzlich acht Suiten aus der Feder des Schostakowitsch-Freundes Lew Atowmian ergänzte Fassung (Op.116a) - ist jedoch erst jetzt erschienen:

Dmitry Yablonsky dirigiert auf dieser bei NAXOS erschienenen SACD das Russische Philharmonische Orchester durch das dramatische Geschehen um den Prinzen von Dänemark. Es ist wohl kein Orchester geeigneter für diese Aufgabe, wurde es doch ursprünglich für genau solche Aufgaben wie die Einspielung von Filmmusik gegründet.

Man mag darüber streiten, ob es sich bei der Hamlet-Filmmusik um eines der stärkeren Werke Schostakowitschs handelt. Fest steht: es ist ein ungeheuer dynamisches, spannungsgeladenes Werk, das es schafft, beim Hörer - ohne eine Kenntnis des Films vorauszusetzen - ein geistiges Bild von den einzelnen Szenen zu erzeugen.

Schostakowitschs Partitur ist eine kontrastreiche Herausforderung für das gesamte Ensemble: Auf der einen Seite stehen Blechbläser und Schlagwerk, die in der ‘Militärmusik’, der ‘Fanfare’ oder in  ‘der Ball’ zu geradezu grotesk anmutenden Lobhuldigungen einer hohlen königlichen Repräsentanz verwendet werden. Im einem Gegensatz zu dieser Wucht stehen Stücke wie ‘Hamlets Abschied von Ophelia’: sanft zieht hier eine melancholische Melodie im ¾-Takt vorbei. Blasinstrumente und Schlagwerk pausieren. Nur ein gespenstisch-kaltes Cembalo-Zwischenspiel durchdringt die Harmonie der Streicher. Gleiches in der Szene, in der Ophelia dem Wahnsinn verfällt und kurz darauf verstirbt.

Es ist eine Kunst, diese musikalischen Kontraste pointiert herauszuarbeiten. Yablonsky, der sich in der Musikwelt vor allem als Cellist bereits einen Namen gemacht hat, und sein Russisches Symphonisches Orchester tun dies messerscharf. Das vom 42-Jährigen Dirigenten eingeschlagene Tempo ist hoch - dies wird bereits in der Ouvertüre, die im Übrigen zu einer der acht Suiten Atowmians zählt, deutlich. Und er hält dieses Tempo konsequent. Das Orchester glänzt durch erstaunliches technisches Können und saubere Intonation. An manchen Stellen schaffen es die Musiker, eine Kälte zu transportieren, die beinahe physisch spürbar wird. So beispielsweise im Hamlet-Thema, einer rhythmisch vertrackten Staccato-Bewegung. Leitmotivisch ertönt es immer wieder, sobald Hamlet in Aktion tritt. Auch den anderen Hauptfiguren des Dramas hat Schostakowitsch ein eigenes Thema zugewiesen.

  

Offene Wünsche

Aufgenommen wurden die Filmmusik-Suiten im Februar 2003 in den Studios des russischen Staatsfernsehens - offensichtlich von Toningenieuren mit wenig Know-how im Bereich der klassischen Musik. Die Aufnahme hat geradezu störend schwache Bässe und unterstreicht dadurch unnötigerweise eine Interpretation, die ohnehin die hohen, scharfen Klänge stark akzentuiert.

Auch das Booklet lässt zu wünschen übrig. Die Informationen zur Entstehungsgeschichte des Werkes sind dünn gestreut. Biografisches zu Dmitri Yablonsky und Angaben über das Russische Philharmonische Orchester gibt es ausschließlich in Englisch.

Positiv zu bewerten ist, dass es NAXOS gelungen ist, den Kaufpreis trotz des Super Audio-Formats erschwinglich zu halten.   

     

‘Sein oder nicht sein…’ – für Dmitri Schostakowitsch wurde diese wohl berühmteste aller Hamlet-Fragen zu einer geradezu persönlich-existentiellen Frage. Er hat sie trotz aller widrigen Umstände mit seinem vielfältigen und beeindruckenden musikalischen Lebenswerk klar beantwortet. Einem Lebenswerk, zu dem auch die viel zu wenig rezipierten Filmmusiken gehören. Daher ist das vorliegende Album trotz genannter Abstriche ein Tipp - nicht nur für Liebhaber anspruchsvoller Filmmusik.         

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Johannes Kloth,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schostakowitsch, Dimitri: Hamlet

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
03.05.2004
Medium:
EAN:

SACD
0747313106264


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Schostakowitsch, Dimitri


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Dirigent(en):Yablonsky, Dmitry
Orchester/Ensemble:Russian Philharmonic Orchestra


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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