> > > Saariaho, Kaija: Chamber music
Donnerstag, 28. Oktober 2021

Saariaho, Kaija - Chamber music

Aus den unendlichen Weiten des Klangs


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die 1952 geborene Finnin Kaija Saariaho gehört heute zu den anerkanntesten und meistgespielten Komponisten der Gegenwart. Ihre Musik wird nicht nur in Salzburg, Paris, London, Los Angeles, New York und vielen weiteren Musikmetropolen (ur-)aufgeführt. Auch Kompositionsaufträge zeugen von der Bedeutung dieser in Paris lebenden Komponistin.

Klangsinnlichkeit und visuelle Assoziation

Kaija Saariahos Klangwelten bestehen nicht so sehr aus Motiven, Entwicklungen und melodischen Fortgängen. Die Komponistin arbeitet vielmehr mit Klangfeldern, die langsam, changierend ineinander übergehen. Ihr Hauptaugenmerk gilt dem Klang, der Harmonie, der akustischen Realisation; Musik als dynamische, sich entwickelnde, lineare Kunst tritt hinter dem Zustand und dessen Auslotung in allen möglichen Aspekten in den Hintergrund. Vielleicht rührt diese besondere Art der Formgebung und Klanglichkeit aus Saariahos früheren Studien her, denn die Komponistin studierte vor ihrer Ausbildung an der Sibelius-Akademie in Helsinki und weiteren Studien in Freiburg im Breisgau (bildende) Kunst. Dass auch in ihrer Musik (Klang-)Oberflächen eine größere Rolle spielen als die Entwicklung eines thematischen Materials mag hier eine mögliche Wurzel haben.

Und auch das Phänomen, dass sich beim Anhören der Werke Saariahos ständig außermusikalische Assoziationen einstellen, scheint damit eng verbunden. Diese Assoziationen werden meist von der Komponistin selbst in Gang gesetzt, indem ihre Werke im Titel oft auf Außermusikalisches, eine poetische Anregung etwa, verweisen.

Ein weiterer Grund der außermusikalischen Assoziationen, nicht selten mit Naturklängen und Naturphänomenen verbunden, liegt in den misteriös-geheimnisvollen Klängen, die Saariaho in ihrer Musik erzeugt. Jedes Werk ist geprägt von einem fragilen Farbenspiel der Klänge, die ständig graduelle Abstufungen vollziehen, sich immerzu von einem Zustand in einen nächsten bewegen. Das soll nicht heißen, dass alle Werke Saariahos nur als Erforschung von Klangoberflächen zu verstehen sei. Ihr geht darum, durch die Kombination verschiedener Instrumente (oftmals unterstützt durch Live-Elektronik, die das Klangspektrum vielfältig erweitert) in jedem Werk eine neue Lösung eines Problems anzubieten; des Problems ‘ Wie lassen sich die Idiomatik eines bestimmten Instrumentes mit der eines anderen (oder ganz vieler anderer) verbinden  und sich gleichzeitig neue, ungehörte Klangräume eröffnen?’.

Feinsinnige Anwälte der Musik Saariahos

Eine älteste der hier aufgenommenen Lösungen dieses ‘Problems’ ist das Flötenstück ‘Laconisme de l´aile’ aus dem Jahr 1982. Anregung für diesen ‘Aphorismus des Flügels’ ist das Gedicht ‘Les Oiseaux’ von Saint-John Perse. Das Stück mit dem gesprochenen Text, der langsam in einen eher geräuschhaften Flötenton übergeht. Dieser Übergang, allgemein die Spanne zwischen Ton und Geräusch in der speziellen Idiomatik der Flöte stellt die Grundlage dieses Werks dar. Die famose Flötistin des Wolpe Trios, Lesley Olson, schafft diese Klangräume mit Leben und Farbe zu erfüllen. Auch wenn dieses Werk durch etwas zu viel Hall ein wenig kitschig wirkt, so werden doch die scheinbar unbegrenzten Klangwelten Saariahos sinnlich und neugierig erforscht. Ein weiteres Solostück dieser CD, ‘Petals’ für Solocello und Elektronik ad libitum wurde 1988 geschrieben. Für den Cellisten Anssi Karttunen komponiert, geht es auch in diesem Werk um den Übergang von Klang in Geräusch, diesmal an den spezifischen Möglichkeiten des Cellos. Das heißt, dass vor allem an Bogentechnik alles erfordert wird, was man sich als normal Sterblicher wahrscheinlich nicht vorstellen kann. Auch für diese beseelte Interpretation zeichnet ein Mitglied des Wolpe Trios verantwortlich, der Cellist Scott Roller. Auch ‘Noa Noa’ (1992) für Soloflöte und Live-Elektronik werden poetische Elemente eingeflochten, hier ein Gedicht mit dem Titel des Stücks von Paul Gaugin. Das Stück ‘Cendres’ wurde1998 für das Wolpe Trio geschrieben. Altflöte, Cello und Klavier gehen hier eine Verbindung ein, die einerseits jedem Instrument seine Klangmöglichkeiten erforschen, andererseits auch ein Cello nach einem Klavier klingen lässt. Zwei Version sind auf dieser Aufnahme von ‘Mirrors’ vorhanden. Ein Mal in der Originalversion für Flöte und Cello aus dem Jahr 1997, zum anderen in der Version Lesley Olsons.

Besonderen Klangreiz vermitteln die ‘Six Japanese Gardens’ für Percussion und Live-Elektronik, die dem Andenken Toru Takemitsus gewidmet sind. Durch die Mischung natürlich erzeugten und elektronisch verfremdeten Klängen ergibt sich eine Melange, die die Assoziation an asiatische Musik (wie wir sie beispielsweise von Toru Takemitsu kennen) entstehen lässt.

Empfehlung für Fans der Moderne mit Klangsinn

Im Großen und Ganzen ist mit dieser Aufnahme ein großer Teil des Schaffens Saariahos für kleinere Kammermusikbesetzungen abgedeckt. Das Wolpe Trio interpretiert diese Werke mit absoluter Hingabe und beseelter Klangsinnlichkeit. Man hat stets den Eindruck, als müssten alle klanglichen Möglichkeiten ausgeschöpft sein. Doch in den nächsten Augenblicken ergeben sich weitere faszinierende Harmonien.

Auch in Bezug auf die klangliche Realisation spielt diese CD in der Champions League. Aufgenommen vom DeutschlandRadio, atmet diese Produktion das Know-How der beteiligten Tonmeister. Alles ist fein abgestimmt, die Balance der Instrumente ist perfekt, dynamische Abstufungen subtil, die Klangwelt reich und schillernd.

Auch wenn das Booklet etwas mehr Informationen enthalten könnte, so kann man bei dieser Produktion doch von einer rundum gelungenen, bisweilen hervorragenden Aufnahme sprechen. Ein Muss.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Saariaho, Kaija: Chamber music

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
18.08.2004
Medium:
EAN:

CD
9120010280146


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Saariaho, Kaija


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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