> > > Media vita in morte sumus: Ein Spiel um die letzten Dinge/ A game of death and the life to come
Dienstag, 29. November 2022

Media vita in morte sumus - Ein Spiel um die letzten Dinge/ A game of death and the life to come

Spiel um höchsten Ehren


Label/Verlag: Raumklang
Detailinformationen zum besprochenen Titel


So kann man sich dem Jenseits natürlich auch musikalisch nähern: Eine Handklapper klackert fröhlich, die Laute jauchzt und immer wieder verbinden sich die Stimmen zu gutgelauntem Gesang. Das Mittelalter, so haben wir inzwischen dank der Aufklärungsarbeit ehrgeiziger Geschichtler und eifriger Hobby-Historiker gelernt, hat viele Gesichter. Nach dem Genuss dieser CD wird man auch die eingerosteten Denkmuster bezüglich der damaligen Todesbilder überdenken müssen. Wahr ist, dass der Tod dem Durchschnittsbürger nicht fern von Zuhause in sterilen Krankenhäusern oder in den Fünfminutenausschnitten der Tagesschau gegenübertrat, sondern in seiner ganzen pestzerfressenen Fratze und mit einer direkt fühlbaren Präsenz. Ein Trugsschluss allerdings, daraus zu folgern, sein Schrecken sei ein größerer gewesen. Die konsequente Enttabuisierung und metaphysische Überhöhung führten ganz im Gegenteil nicht nur dazu, dass der Sensemann Teil des täglichen Lebens wurde (wie es der Titel des Albums impliziert), sondern sogar zum Ehrenbürger, dem man mit freundlichen Ritualen und ausgestreckter Hand begegnete.

Wie einen guten alten Freund, den man nur länger nicht mehr gesehen hat, heißt man auch die Ioculatores willkommen, ein Kollektiv aus Leipzig, das sich nun schon seit 20 Jahren in wechselnden Besetzungen dem Mittelalter und seiner Musik widmet. Und dies im Übrigen bevor der Zug der Spielleute Mainstream, Pop und Rock erreichte, auch wenn die bunte Truppe dank zweier Beiträge für die Moderne und Vergangenheit verbindende Kompilationsreihe ‘miroque’ zumindest finanziell an dessen Erträgen beteiligt war. Den Sprung von einem Lager zum anderen hat das Kollektiv indes genauso wenig geschafft, wie die Bands des populären Segments: Die Ioculatores dürften in der Gothic-Szene über genauso wenige Anhänger verfügen wie Corvus Corax, Schandmaul und Qntal in der Klassik-Fraktion. Dabei verfügen ihre Mitglieder über eine Umtriebigkeit, die zumindest den einen oder anderen zumindest unwissentlich bereits einmal mit ihnen in Kontakt hat treten lassen. Susanne Ansorg organisiert als künstlerische Leiterin seit 1991 das Montalbane-Festival auf der Neuenburg, Veit Heller war an dem sensationellen Projekt zur Auswertung der Instrumentensammlung aus der Freiburger Begräbniskapelle beteiligt und Gastsängerin Miriam Andersen ist selbst eine bekannte und engagierte Solistin. Zudem ist ‘media vita in morte sumus’ nicht eine weitere dieser zwar korrekten, aber nur für eingefleischte Liebhaber zugänglichen Spezialistenscheiben geworden. Dank spannender Arrangements, die auch deklamierte Texte, Gewittergrollen und Dialogfetzen mit einbeziehen, sowie abwechslungsreicher Instrumentierungen gerät das Album zu einer filmischen Reise mit Konzeptcharakter.

Dass sich diese Vielzahl an Stilen und Gesangsvarianten zu einem kohärenten Ganzen verbinden können, sieht auf dem Papier höchst unwahrscheinlich aus, gelingt aber in der Praxis gänzlich mühelos. Gerade der Fluss und innere Zusammenhang der ersten Stücke ist beeindruckend - man schiebt die CD in den Spieler und schon ist man mittendrin im Geschehen. Das dreimal auftauchende Titelstück gliedert das Programm dabei in zwei gleich lange Teile, einen extrovertierten und abwechslungsreichen ersten sowie einen eher in sich selbst zurückgezogenen und atmosphärischen zweiten. Weiß einen der erste durch seine Lebendigkeit und schnelle Stimmungsumschwünge zu erfreuen, zieht einen der zweite mit seiner am Rand der Stille balancierenden Ätherik in den Bann.
‘Totengeläut’ bietet ein wunderbares Wechselspiel zwischen einstimmig und harmonisch gesungenen Passagen und ‘Der doten dantz’ tritt mit dem Tod in Dialog. Die in jeder Strophe wechselnden Instrumente mögen dabei als ferner Vorläufer von Mike Oldfields ‘Tubular Bells’ durchgehen. Auf einen zu sehr mit Hall verhangenen Klang hat man zum Glück verzichtet, die Produktion geriet auch ohne zu drastische Eingriffe plastisch und räumlich.

Nur im Design hat sich das ansonsten so geschmackssichere Raumklang-Label vergriffen. Bereits das Cover bereitet mit seinen flimmernden Schwarz-Weiß Kontrasten Kopfschmerzen und die vielen, in Collage-Technik wie Memorysteine aneinandergelegten Bildausschnitte im Digipack wollen nicht so recht zum objektivierten Ansatz des Projekts passen, bei dem die Gruppe hinter dem Konzept zurücktritt. Ansonsten ist den Ioculatores ein Werk gelungen, das gekonnt Erwartungshaltungen und Szenedenken umschifft. Das Album trägt den Untertitel ‘Ein Spiel um die letzten Dinge’, doch spielt es ganz im Gegenteil um die höchsten Ehren mit.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von tocafi,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Media vita in morte sumus: Ein Spiel um die letzten Dinge/ A game of death and the life to come

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Raumklang
1
18.08.2004
61:15
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4018767097078
RK 9707


Cover vergössern

Interpret(en):Adler, Gesine
Andersén, Miriam
Ludwig, Tilmann
Schaffrath, Michael
Seidel, Ingolf


Cover vergössern

Raumklang

Das Label RAUMKLANG wurde 1993 von Sebastian Pank in Leipzig gegründet. Nach wie vor steht der Name Raumklang für ein authentisches Klangerlebnis. Die Aufnahmen entstehen überwiegend mit nur einem Stereo-Kugelflächen-Mikrophon (One-Point-Recording).
Den Schwerpunkt aller RAUMKLANG-Veröffentlichungen bildet die Alte Musik. In jüngster Zeit ergänzt neben experimenteller/zeitgenössischer Musik eine Reihe mit Weltmusik das RAUMKLANG-Programm. Für seine aufwendig produzierten und anspruchsvoll gestalteten CDs mit ausführlichem Begleitheft erhielt RAUMKLANG bereits zahlreiche begehrte Auszeichnungen, darunter "Grand Prix de l'Académie Charles Cros" und den "Diapason 5".
Seit 1998 liegt der Hauptsitz des Labels auf Schloss Goseck in Sachsen Anhalt, auf dem sich in den letzten Jahren das "Europäsiche Musik- und Kulturzentrum" sowie ein Zentrum für Archäologie (7000 Jahre altes Sonnenobservatorium) etabliert haben. Nicht zuletzt aus dieser Verknüpfung ergeben sich zahlreiche Kontakte zu renommierten Künstlern der Alten Musik im In- und Ausland.
Seit 2003 veröffentlicht RAUMKLANG verschiedene Editionen. Jede Edition wird von einem anderen Produzenten herausgegeben und erweitert damit die Vielfalt des Labelrepertoires. So erscheint neben edition raumklang von Sebastian Pank (Schloss Goseck) die marc aurel edition in Köln, gegründet von Aurelius Donath. Aus der Zusammenarbeit mit der berühmten Schola Cantorum Basiliensis (SCB) in Basel hat sich die schola cantorum basiliensis edition ergeben. In dieser Reihe stellt der Produzent Thomas Drescher (stellv. Direktor der SCB) viel versprechende Absolventen aus Basel vor. 2005 entstand aus den engen Kontakten zur Musikstadt Leipzig eine weitere neue Edition: Unter dem Namen edition apollon veröffentlicht nun das international bekannte Vokalesemble "amarcord" seine CDs.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Raumklang:

  • Zur Kritik... Ambition und Klangsinn: Ein sehr schöner Erstling des Ensembles L'ultima parola: Johannes Ockeghems ambitionierter Satz ist hier in den besten Kehlen. Der hoffentlich weitere Weg wird mit Interesse zu verfolgen sein. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Gipfelwerk: Das Ensemble Polyharmonique macht bei den Motetten der 'Geistlichen Chor-Music', diesem Schwergewicht der Musikgeschichte, wie schon vorher bei der Musik von Schütz' Kollegen eine glänzende Figur. Mehr davon! Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Die Ordnung der Kräfte: Das Ensemble Ars Choralis Coeln bringt eine CD-Fassung des 'Ordo virtutum' von Hildegard von Bingen heraus. Weiter...
    (Anneke Link, )
blättern

Alle Kritiken von Raumklang...

Weitere CD-Besprechungen von tocafi:

blättern

Alle Kritiken von tocafi...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Unterhaltungsmusik à la Great Britain : Die siebte Folge der British-Light-Music Serie von Naxos präsentiert die kompositorische Vielfalt von Robert Docker. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Innere Intimität: Das Minguet Quartett betont bei der Streicherkammermusik Walter Braunfels' das Invertierte. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Klarinetten-Fantasien: Georg Arzberger und Julia Riem spielen bekannte und seltene Werke für Klarinette und Klavier von Schumann, Gade, Reinecke, Winding und Eschmann. Weiter...
    (Dr. Jan Kampmeier, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (3/2022) herunterladen (5000 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (11/2022) herunterladen (2700 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Sergej Tanejew: Quartett für Klavier, Violine, Viola und Violoncello E-Dur op.20 - Adagio piu tosto largo - Allegro agitato

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich