> > > Ye, Xiaogang: The Last Paradise
Montag, 29. November 2021

Ye, Xiaogang - The Last Paradise

Aus dem Reich der Mitte


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wenn chinesische Komponisten Musik für den Konzertsaal schreiben, streben sie darin häufig eine Synthese zwischen traditionellen Elementen ihrer Heimat und europäischen Einflüssen an. Dies kann in Form eines uns exotisch erscheinenden Instrumentes wie der Pipa (einer Kurzhalslaute) geschehen, für die der Komponist - in diesem Fall Xiaogang Ye (geb. 1955) - ein Konzert schreibt. Die europäische Gattung Konzert wird also mit dem chinesischen Instrument Pipa gekoppelt. Die Solistin des 2001 entstandenen Konzertes kommt natürlich ebenfalls aus China: Man Wu gehört zu den führenden Interpreten ihres Instrumentes in unserer Zeit. Dirigent Günther Herbig und das Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken entstammen dagegen dem "westlichen" Kulturkreis - so bietet diese CD einen Brückenschlag zwischen chinesischen und deutschen Interpreten. Drei weitere Werke des Komponisten stehen neben dem Pipa-Konzert, bei allen drei wird das Orchester von Yi Zhang geleitet. Das Violinkonzert "The Last Paradise" (1993/2001) mit dem Solisten Wei Lu, das 1988 entstandene Orchesterwerk "Winter" und die 2. Symphonie "Horizon" (1984/85) für Sopran, Bariton und Orchester. Yanyan Wang (Sopran) und Song-Hu Liu (Bariton) sind hier die Solisten.

Das Violinkonzert ist einsätzig und mit einer Dauer von 16 Minuten deutlich kürzer als die meisten klassisch-romantischen Konzerte. Der Solopart verlangt Wei Lu sei gesamtes Können ab, wiederholt muß er in irrwitzig hohen Lagen agieren, was ihm meist gelingt. Diverse Abweichungen von der "europäischen" chromatischen Skala klingen beim ersten Hören ungewohnt, machen aber einen wesentlichen Reiz des Werkes aus. Das Orchester bleibt weitgehend auf seine Begleitfunktion beschränkt, nur zu Beginn gibt es eine einer Exposition vergleichbare Passage, in der der Solist pausiert. Am Ende darf er in einer kurzen Kadenz brillieren. Yi Zhang leitet das SR-Orchester sicher und präzise, die Entfaltungsmöglichkeiten des Solisten werden nicht gehemmt. Das "Verschwinden" der Musik am Ende des Werkes, als nur noch ein leises Klappern des Schlagzeugs erklingt, erinnert deutlich an das Ende von Shostakovichs 15. Symphonie. Ein anderes Vorbild Yes scheint Hindemith zu sein, dessen Violinkonzert mit "The Last Paradise" tonsprachliche (nicht formale) Ähnlichkeiten aufweist. Insgesamt vermag das Werk aber trotz guter Interpretation und Klangqualität nicht so recht zu überzeugen, denn zwischen den beeindruckenden Anfangs- und Schlußpassagen fällt der Spannungsbogen ab.

Spritziger und ideenreicher erklingt dagegen "Winter", ein gattungsgeschichtlich schwer einzuordnendes Werk; man muß sich mit dem Begriff  "Orchesterstück" behelfen. Erneut leitet Yi Zhang das SR-Orchester; die an- und abschwellenden Klangbögen des Werkes sind in seiner Interpretation problemlos nachzuvollziehen. Wiederum muß man sich allerdings ein Stück von traditionellen Hörgewohnheiten verabschieden: die scheinbaren "Unsauberkeiten" in den einzelnen Instrumenten sind sicherlich integraler Bestandteil des Werkes. Dies gilt auch für das Pipa-Konzert, das sich sowohl durch seine musikalische Substanz als auch durch Man Wus hervorragende Interpretation als bestes Werk der CD präsentiert. In vier relativ kurzen Sätzen lotet der Komponist die Möglichkeiten des Instrumentes aus, wobei die Klangbalance durch Herbigs Leitung stets gewahrt bleibt. Die Sätze tragen keine Vortragsbezeichnungen, aber die traditionelle Abfolge scheint zumindest im Hintergrund wirkam zu sein.

Das, wenn man so will, "europäischste" Werk dieser Zusammenstellung ist die 2. Symphonie, die nicht nur in ihrer Besetzung für Vokalsolisten und Orchester an Mahler erinnert. Ob die beiden Solisten ihre chinesischen Texte korrekt artikulieren, kann ich natürlich nicht beurteilen. Die Abstimmung mit dem Orchester ist jedenfalls gut, die breiten Bögen, in denen Ye sein Werk "gemalt" hat, finden in Zhang und dem Orchester hervorragende Interpreten. Die mit viel Arbeit bedachte Schlagzeuggruppe hat sich ein Sonderlob verdient.

Wer Yes Musik kennenlernen möchte, ist mit dieser ausschließlich Ersteinspielungen umfassenden CD bestens bedient. Traditionelle chinesische Musik darf man allerdings nicht erwarten, eher gemäßigt moderne Konzertmusik des 20. Jahrhunderts. Den Höhepunkt der Platte bildet, wie erwähnt, das faszinierend neue Klangwelten eröffnende Pipa-Konzert. Die drei anderen Stücke stehen dagegen auch interpretatorisch zurück.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ye, Xiaogang: The Last Paradise

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
01.06.2004
Medium:
EAN:

CD
4010228664621


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Ye, Xiaogang


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Dirigent(en):Herbig, Günther
Zhang, Yi
Interpret(en):Wang, Yanyan
Liu, Song-Hu
Lu, Wei
Wu, Man


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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