> > > Lindberg, Magnus: Piano Concerto
Samstag, 20. April 2019

Lindberg, Magnus - Piano Concerto

82 Zentimeter


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Es ist eine nette Idee, den Anspruch einer Komposition mit einer Höhenangabe auszudrücken. Der Autor des Einführungstextes zu Magnus Lindbergs Stück ,Kraft? von 1985 ergötzt sich an den 82 Zentimetern der Partitur und rühmt ihre Komplexität, die einem beim Studium offensichtlich würde. Fast erliegt der Schreiber also wieder jenem alten Diktum der modernen Musik, das meinte, man könne sie nur mittels einer genauen Auseinandersetzung mit den Noten verstehen. Der Tonfall der Booklettexte zur Aufnahme von Lindbergs Klavierkonzert und ,Kraft? unter Esa-Pekka Salonen (Ondine) kann sich dieser elitären Naseheberei nicht ganz erwehren. Dabei wirkt Lindbergs Musik, auch ohne den Blick auf die Noten gerichtet zu haben, beeindruckend, entwickelt einen Sog, bleibt aber auch oft kühl und nicht selten unnahbar.

In den letzten Jahren hat sich der finnische Komponist verstärkt einer Musik zugewandt, die sich immer häufiger wieder der Tonalität annähert. Esa-Pekka Salonen hat diesem jüngsten Teil von Lindbergs Schaffen, den Stücken Cantigas, Fresco, Parada und dem Cellokonzert bei Sony eine CD gewidmet. Tonales und Gefälliges hatte Lindberg im ersten Abschnitt seiner Komponistenlaufbahn weidlich gemieden. ,Kraft? mit seinen Akkordsäulen, die bis zu 72 Töne hoch aufragen können, war der Gipfelpunkt seiner atonalen Phase und bildete für den Komponisten eine Wegmarke, an der er sich erst einmal erholen musste. Eine längere Schaffenspause folgte.

Figuratives Klimpern

 

Das Ergebnis dieser Reflexion ist das Klavierkonzert (1990-1994), das zwischen den Stücken der späten 90er Jahre und denjenigen der 80er zu vermitteln weiß. Lindberg verabschiedet sich hier von einer Spielart des Klavierkonzert des 20. Jahrhunderts, die das Instrument vor allem perkussiv, gar als Schlaginstrument eingesetzt hatte. Bei Lindberg übernimmt das Klavier vor allem figurative Aufgaben. Skalen, Läufe, perlende Figuren, Triller und anderes aus dem Arsenal verspielter Ornamentik beherrschen das Geschehen. Man möge mir die Unbotmäßigkeit verzeihen, aber man beschreibt dies wohl am ehesten mit Klimpern. Dieses Klimpern, welches auf Melodik oder Rhythmik als Ordnungsprinzipien weitgehend verzichtet, macht den schnellen Zugang zum Werk nicht einfach. Zudem begleitet das Orchester den Pianisten nicht im herkömmlichen Stil, sondern webt in Parallelbewegung eigene, spannend orchestrierte, manchmal impressionistisch inspirierte Muster. Es bedarf vielleicht nicht des Lesens der Partitur, doch immerhin wiederholten Hörens, um sich die Musterungen von Klavier und Orchester einprägen zu können. Durch den ausgezeichneten transparenten Klang der Aufnahme fließt dann alles hie und da zu einem Gewebe zusammen, das besonders im zweiten Satz durch Sinnlichkeit überrascht.

Von oben autorisiert

 

Lindberg gestaltet den Klavierpart selbst. Wenn man so will, ist dadurch die Interpretation gewissermaßen von oben autorisiert. Sein Stil ist durchweg elegant und nicht auf Vordergründigkeit bedacht. Die Interpretation der Figurationen balancieren gekonnt am Grat zwischen Klarheit und zartem Ineinanderfließen der Einzeltöne entlang.  Der Philharmonia unter Salonen gelingt es wundersam die Komposition farbig und schillernd auszuleuchten, trotz der vielen Einzelereignisse hält die Spannung und die Konzentration der Musiker.

In ,Kraft? stehen eruptive Ausbrüche zwischen Momenten kontemplativen Innehaltens, ein Kontrapunkt, für den häufig solistische Instrumente sorgen. Kraftvoll muss demnach nicht nur laut und gewaltig heißen, sondern auch intensiv ruhig. Salonen vermeidet eine allzu orgiastische Wiedergabe der wuchtigen Stellen und bewahrt die Komposition damit vor dem Vorwurf, sie beziehe ihre Aufmerksamkeit einzig aus dem Effekt der schieren Masse. Niemand braucht vor den 82 Zentimetern erschrecken.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lindberg, Magnus: Piano Concerto

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
29.03.2010
EAN:

0761195101728


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Lindberg, Magnus


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Dirigent(en):Salonen, Esa-Pekka
Orchester/Ensemble:Finnish Radio Symphony Orchestra
Interpret(en):Lindberg, Magnus


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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