> > > Schnittke, Alfred: Symphony No. 6 / Concerto grosso No. 2
Sonntag, 5. Dezember 2021

Schnittke, Alfred - Symphony No. 6 / Concerto grosso No. 2

Harte Kost von Schnittke


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wenn von Alfred Schnittke (1934 – 98) und dessen Werk die Rede ist, fehlt selten der Begriff ‘Polystilistik’. Damit wird auf die Existenz mehrerer, oft unvereinbar scheinender Stilebenen in vielen Kompositionen Schnittkes angespielt; so konfrontiert er etwa in seinen Concerti grossi barocke Prinzipien mit einer atonalen Klangsprache. Das Concerto grosso Nr. 2 (1981/82) schrieb Schnittke für Violine, Violoncello und Orchester; Tatiana Grindenko und Alexander Ivashkin haben es zusammen mit dem Russian State Symphony Orchestra unter Valeri Polyansky bei Chandos eingespielt. Zweites Werk auf dieser CD ist die 1992 komponierte 6. Symphonie, die Mstislav Rostropowitsch und dem National Symphony Orchestra der USA gewidmet ist.

Versteckte und offene Traditionsbezüge charakterisieren die 6. Symphonie, der Charakter des Werkes ist allerdings trotzdem rauh und herb. Der erste Satz, ‘Allegro moderato’, dauert beinahe so lange wie die drei folgenden Sätze zusammen. Während des gesamten Werkes wird den Blechbläsern Gelegenheit zur Entfaltung gegeben, beginnend mit dem brutal hereinbrechenden Einleitungsakkord. Somit stellt die Symphonie die Toningenieure vor die Herausforderung, das Blech ausreichend zu Geltung kommen zu lassen, ohne dass die anderen Instrumente des Orchesters dahinter verschwinden. Dies gelang bei Chandos bestens: Das Klangbild der Symphonie ist so natürlich und präsent, wie man es sich nur wünschen kann.
Interpretatorisch hingegen gibt es leichte Einschränkungen, die wohl auch der hohen Schwierigkeit des Werkes geschuldet sind. Die immer wieder abreißenden Klang- und Melodiefetzen des ersten Satzes, die schroffe Klangballungen und langsame, ausgedünnte Passagen miteinander verbinden, bereiten dem Orchester gelegentlich Schwierigkeiten. Polyansky dürfte bei der höchst anspruchsvollen Aufgabe, die Musiker durch die Partitur zu leiten, so manches Mal ins Schwitzen gekommen sein. Im zweiten Satz setzt Schnittke sein Vexierspiel mit der Tradition fort: Einerseits ähnelt das ‘Presto’ einem romantischen Scherzo, andererseits ist von der gewohnten dreiteiligen Form mit einem Trio in der Mitte nicht mehr viel übriggeblieben. Die Nähe zu Schostakowitsch ist hier am deutlichsten hörbar, zumal im penetranten Solo der Piccoloflöte. Die Darbietung des Orchesters ist auch im zweiten Satz gut, aber nicht perfekt, die Stimmungsgegensätze zum ersten Satz werden dagegen ausgezeichnet wiedergegeben.
Das depressive ‘Adagio’ ist ein für Schnittke typischer Satz; wie viele Werke des Wolgadeutschen ist die Stimmung hier düster bis nachtschwarz, ohne jeden Raum für Hoffnung. Kaum verwunderlich, wenn dieser Teil der Symphonie dem russischen Orchester am besten liegt. Im relativ knappen Finale wird die Gestik des Kopfsatzes wieder aufgegriffen, die verklingenden Glockenschläge am Ende erinnern ein wenig an Berlioz´ ‘Symphonie fantastique’, wo sie freilich programmatisch bedingt sind. Bei Schnittke hingegen bleiben viele Interpretationsmöglichkeiten offen – die Symphonie schließt quasi mit einem Fragezeichen. Polyansky und das russische Staatsorchester nehmen sich des Werkes hingebungsvoll an, wenn auch mit den erwähnten kleinen Einschränkungen.

Das zweite Concerto grosso ist ebenfalls viersätzig, der wichtigste Satz des Werkes ist laut Schnittke das abschließende ‘Andantino’. Gleichwohl sind die ersten drei Sätze nicht zu unterschätzen: Im zweigeteilten Kopfsatz können Grindenko und Ivashkin ihre Virtuosität voll ausspielen, wobei Schnittke dem Violinpart mehr Aufmerksamkeit zugedacht zu haben scheint. Das ‘Pesante’ an zweiter Stelle, mit über zehn Minuten der längste Satz des Werkes, setzt im wesentlichen die barockisierenden Tendenzen des ersten Satzes fort, zu denen auch das dem Orchester beigefügte Cembalo gehört. Ganz im Gegensatz zur 6. Symphonie sitzt dem Komponisten nun gelegentlich der Schalk im Nacken, wenn das eifrige Konzertieren der Solisten plötzlich von jazzigen Klängen des Orchesters unterbrochen wird.
Das ‘Allegro’ an dritter Stelle ist durch seine harte Atonalität schwer genießbar, während das abschließende ‘Andantino’ eine eigenartige, verhaltene Stimmung heraufbeschwört. Der Satz mit seinen zahlreichen Andeutungen und Anspielungen ist von einer Komplexität, der die Ausführenden weitgehend gerecht werden. Zum Einhören in Schnittkes Oeuvre gibt es geeignetere Platten als diese. Vor allem die 6. Symphonie ist relativ ‘harte Kost’. Wer sich aber in den polystilistischen Welten des Komponisten wohlfühlt, kann hier unbesorgt zugreifen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schnittke, Alfred: Symphony No. 6 / Concerto grosso No. 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
01.04.2012
Medium:
EAN:

CD
0095115118023


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Schnittke, Alfred


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Dirigent(en):Polyansky, Valeri
Orchester/Ensemble:Russian State Symphony Orchestra
Interpret(en):Ivashkin, Alexander
Grindenko, Tatiana


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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