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Montag, 6. Dezember 2021

Bach, Johann Sebastian - Apocryphal Cantatas II

Apokryphes


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Lange wird man darüber streiten können, was bei Bach-Kantaten ‘apokryph’ sein soll. Zieht man ein Lexikon zu Rate, meint das entsprechende Stichwort in erster Linie unechte oder untergeschobene Schriften: Der angegebene Verfasser ist nicht der wirkliche. Diese falsche Zuschreibung ist keine ‘Fälschung’ im heutigen Sinne, sondern diente dazu, einer Schrift oder einem Werk höhere Würde und Autorität zu verleihen. So gab es in der Frühzeit des Christentums ein ‘Petrus-Evangelium’. Der Rückgriff auf den Apostel Petrus sollte für Authentizität und religiöse Geltung sorgen – umsonst, wie wir heute wissen.
Bei den Bach-Kantaten verhält es sich jedoch etwas anders: Aufgrund des Überlieferungsbefunds (etwa weil die Kantaten in der Handschrift Johann Sebastian Bachs vorlagen) wurde sie von Musikhistorikern oder von den Herausgebern der alten Bach-Ausgabe als Werke Bachs angesehen. Es handelt sich also dabei um fehlerhafte Zuschreibungen.

Zu Weihnachten und Ostern

Die Praxis, solche Fehlzuweisungen aus dem Kanon der ‘echten’ Werke auszugrenzen, hatte allerdings eine unbeabsichtigte Folge: Sie schieden aus dem Konzertleben aus und werden nur noch selten eingespielt – ungeachtet ihrer musikalischen Qualität. Das Alsfelder Vokalensemble unter ihrem Leiter Wolfgang Helbich hat sich nun zum Ziel gesetzt, derartige Werke wieder zum Leben zu erwecken. Dabei wollen sie nicht die Echtheitsdiskussion neu entfachen, sondern ‘einstmals bekannte und geschätzte Werke dem an Kirchenkantaten des frühen 18. Jahrhunderts nicht gerade reichen Konzertrepertoire’ wieder zuführen.
Die CD-Aufnahme bietet zwei Weihnachts- und zwei Osterkantaten. Das erste der eingespielten Werke, ‘Uns ist ein Kind geboren’ (BWV 142), stammt von einem unbekannten Komponisten. Die zweite Kantate ‘Das ist je gewißlich wahr’ (BWV 141) und die vierte ‘Ich weiß, daß mein Erlöser lebt’ (BWV 160) konnten mittlerweile Georg Philipp Telemann zugewiesen werden – einem Komponisten, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts überaus erfolgreich war. Die dritte Kantate der Aufnahme, musikalisch vielleicht auch die interessanteste, stammt von einem Verwandten Johann Sebastian Bachs, nämlich von dem Meininger Kapellmeister Johann Ludwig Bach (1677–1731). Dessen Werk hat sich bereits die Rheinische Kantorei unter der Leitung von Hermann Max zugewandt: In den vergangenen Jahren hat die Rheinische Kantorei nicht nur die Motetten von Johann Ludwig Bach eingespielt, sondern auch dessen groß angelegte Trauermusik – ein Paradebeispiel für die fulminante Inszenierung barocker Bestattungen.

Angemessene Interpretation

Wolfgang Helbich, der 1971 das Alsfelder Vokalensemble gegründet hat, arbeitet mit dem Orchester ‘I Febiarmonici’ zusammen. Dieses besteht seit 1998 und fühlt sich der historischen Aufführungspraxis verpflichtet. Der Musik der ‘apokryphen’ Bach-Kantaten wird das Ensemble mehr als gerecht. Zu Beginn erklingt ein edel musiziertes Concerto mit obligaten Blockflöten und Oboen. Leicht und frisch erklingt diese ‘Hirtenmusik’. Opulente Klangeffekte kann das Ensemble in der Kantate ‘Denn du wirst meine Seele nicht in der Hölle lassen’ setzen. Die Komposition arbeitet mit starken Kontrasten: sowohl das Rasen des höllischen Hundes als auch die Fanfaren des Jüngsten Gerichts gereichen dem Komponisten und den Interpreten zur Ehre.
Den Chorpart übernimmt das Alsfelder Vokalensemble, das mit hoher Textverständlichkeit und warmen, runden Klang überzeugt. Die Solisten (Dorothee Mields, Henning Voss, Henning Kaiser und Ralf Grobe) fügen sich gut in die musikalische Gesamtkonzeption ein. Zur Höchstform gelangen sie in der bereits erwähnten Kantate von Johann Ludwig Bach: Hier ist Theatralik im Sinne von differenziertem Affektausdruck am Platz! Angenehm ist, dass Helbich Übertreibungen nicht zulässt: Alles bleibt gefasst und damit im Rahmen dessen, was eine Kantate im 17. und 18. Jahrhundert sein wollte: Verkündigung mit künstlerischen Mitteln, eine Predigt in Tönen.

Drei Fragezeichen

Wenig Vergnügen bereitet das Booklet. Dies liegt nicht an der gediegenen Einführung von Peter Wollny, sondern an der fehlerhaften Übersicht auf den Seiten 1 bis 3 und dem Textabdruck. Dort werden geradezu Häresien produziert – zu Zeiten Bachs hätte das wohl mindestens die Entlassung aus dem Amt bedeutet. So soll Jesus nicht nur den Tod bezwungen, sondern auch ‘die Seele besiegt’ haben. Glücklicherweise singen die Vokalisten, hier der Sopran, diesen Unsinn nicht, sondern richtig: ‘die Sünde besiegt’.
Die Fehler in der Übersicht sollen gar nicht alle aufgezählt werden: Hier stehen falsche Besetzungsangaben und übrig gebliebene Bearbeitungsvermerke wie eckige Klammern mit drei Fragezeichen. Bei der Auflistung der beteiligten Musiker wird schließlich noch auf ein Werk verwiesen, das auf der Compact Disc gar nicht erklingt (‘only Magnificat’). Eigentlich hätte dieses Booklet neu gedruckt werden müssen; es stellt dem Label cpo jedenfalls kein gutes Zeugnis aus. Und auch gegenüber den Interpreten (werden überhaupt die richtigen Namen genannt?) ist dies eine Zumutung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Apocryphal Cantatas II

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.05.2004
Medium:
EAN:

CD
0761203998524


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Bach, Johann Sebastian


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Dirigent(en):Helbich, Wolfgang
Interpret(en):Mields, Dorothee
Voss, Henning
Kaiser, Henning
Grobe, Ralf


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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