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Freitag, 19. Juli 2019

Glinka, Michail - Ruslan & Lyudmila

Märchenhaft gut!


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Besprechung der Neuerscheinung einer russischen Oper auf CD muss schon fast zwangsläufig mit Valery Gergiev beginnen. Seine Verdienste für die russische Oper sind kaum Hoch genug einzuschätzen, hat er doch seit Jahren das russische Standardrepertoire durch meist hochkarätige Aufführungen, seines scheinbar stets auf Gastspielreise befindlichen Marinskij-Theaters, sowie mit einer großen Anzahl von Video- und Audioproduktionen, weltweit bekannt gemacht. Ohne Frage eine Bereicherung des mancherorts festgefahrenen Opernkanons. Bei Gergievs, den Plattenmarkt geradezu überflutenden, Aufnahmen russischer Opern sieht man sich jedoch allzu oft dem ewig gleichen Interpretationsansatz ausgesetzt: zügigen Tempi, der Abfolge orchestraler Effekte und einem an dynamischen Feinheiten nicht eben reichen Breitwandklang; dies bleibt meist vorhersehbar und erweckt nicht selten den Eindruck einer auf Hochglanz poliert Deutung der Werke. Ganz anders nun Alexander Verdernikov mit den Kräften des Bolshoi Theaters auf dem nun bei PentaTone erschienen Mitschnitt von Michail Glinkas Märchenoper "Ruslan und Lyudmila" vom April 2003.

Hier ertönt plötzlich eine Musik, deren Klangentwicklung aufregend unberechenbar ist, hart werden hier mitunter dynamische Extreme aneinander gesetzt, werden immer wieder kleine Zellen von schillernden Klangfarben offengelegt, die in ihrer Umgebung fremd wirken, aber gerade dadurch die Ausdruckspalette bereichern. Verdernikov und das Orchester des Bolshoi-Theaters kultivieren einen trockener, ja manchmal geradezu ruppigen Streicherklang, dem jeglicher selbstverliebter Hochglanz fremd ist; man hört Soloinstrumente, die in das Klanggeschehen wie selbstverständlich eingebunden sind und nicht wie auf einem Podest um des Effektes willen musizieren. Voraussetzung für dieses Ergebnis waren unter anderen intensive Quellenstudien, die zu einer Rekonstruktion der vermutlich ursprünglichen Instrumentierung und Gestalt des Werkes führten (das Uraufführungsmaterial und die Originalpartitur Glinkas haben sich nicht erhalten). Wenn man so will, der Versuch einer historischen Aufführung. So finden sich im Orchesterapparat neben einer reduzierten Streichersektion auch zwei Glasharmonikas, wie wir sie heute noch aus Strauss? "Frau ohne Schatten" oder der Urfassung von Donizettis "Lucia di Lammermoor" kennen. Es sind solche grundlegenden Interpretationsüberlegungen und Feinheit in der Ausführung, die diese Einspielungen zu einer der bislang interessantesten und aufregendsten Opernneuerscheinungen des Jahres machen.

Glinkas auf Alexander Puschkin basierende Märchenoper um Ruslan und Lyudmila ist eine bunte, an exotischen Schauplätzen einer Zauberwelt angesiedelte Parabel auf Fürstentum und Volk. Glinka komponierte dazu eine geradezu magische Musik, voller Melodienreichtum, mit Passagen voller betörender Schönheit und Eingängigkeit. Der Reichtum an ungewöhnlichen Klangfarben und mitreißenden Rhythmen weist dabei deutlich in die Moderne des späten 19. Jahrhunderts voraus.
Die ausufernde Partitur ist - in dieser Interpretation - äußerst kurzweilig und voller Überraschungen. Daran haben auch die exzellenten, größtenteils jungen Solisten des Bolshoi Theaters maßgeblichen Anteil. Die frischen, von jeglichen Manierismen freien Stimmen klingen alle volumenreich und tragfähig. Sie werden angeführt vom Titelpaar: Taras Shtoda imponiert als Ruslan mit kräftigem, beweglichen Bassbariton und Ekatarina Morozova singt mit herben Sopran eine makellose Lyudmilla, der auch die Piano-Stellen ihrer großen Arie im letzten Akt überzeugend gelingen. Auch das zweite Paar Ratmir (Aleksandra Durseneva mit üppig dahinströmenden Contraalt) und Gorislava (Maria Gavrilova mit sattem Sopran) und der Zauberer Finn (der Tenor Vitaly Panfilov mit intensiv-lyrischer Tongebung) singen auf sehr hohem Niveau. Das gesamte Ensemble würde so manch deutschem Opernhaus gut anstehen ? wo sind hier die Talentsucher und Intendanten, die solche Stimmen offenbar nicht entdecken?

Die Ausstattung der Box mit mehrsprachigem Libretto, Inhaltsangabe, Einführungstext und biographischen Notizen zu den Interpreten ist gut gelungen. Zudem ist der Klang der drei SACDs hervorragend ausbalanciert, das Verhältnis von Sängern und Orchester ist stimmig und transparent. Man erhält den überzeugenden Eindruck eines live-Erlebnisses, bei dem keine nennenswerten Nebengeräusche stören. - Schon lange nicht haben dreieinhalb Stunden Oper so viel Spaß beim Hören gemacht. Ein besonderer Genuss ist dabei die Ballettmusik des vierten Aktes, die in ihrer rhythmischen Raffinesse den kleinen, kontrastierenden Episoden und dem Einfallsreichtum der Instrumentation am Anfang einer Tradition stehen, die bis hin zu Stravinskys Ballettmusiken reichen wird.
Diese Einspielung setzt Maßstäbe, denn in einer Interpretation wie dieser muss Glinkas ?Ruslan und Lyudmila? zu den großen Opern des 19. Jahrhunderts gerechnet werden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Uwe  Schneider Kritik von Uwe Schneider,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Glinka, Michail: Ruslan & Lyudmila

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pentatone Classics
3
17.05.2004
Medium:
EAN:

SACD
0827949003462


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Glinka, Michail


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Dirigent(en):Vedernikov, Alexander
Orchester/Ensemble:Orchestra of the Bolshoi Opera Moscow
Interpret(en):Dolzhenko, Maria
Paster, Maksim
Gilmanov, Valery
Gavrilova, Maria
Durseneva, Aleksandra
Lynkovsky, Vadim
Morozova, Ekaterina
Shtonda, Taras


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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