> > > Mahler, Gustav: Das Lied von der Erde
Freitag, 25. September 2020

Mahler, Gustav - Das Lied von der Erde

Mahlers Stellvertreter auf Erden


Label/Verlag: Profil - Edition Günter Hänssler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Abergläubische Furcht vor dem Mythos einer 9. Symphonie, die wie bei Beethoven und Bruckner seine letzte sein könnte, veranlasste Gustav Mahler, das Werk, das er nach seiner 8. Symphonie komponierte, nur im Untertiel als ‘Sinfonie’ zu bezeichnen – ‘Das Lied von der Erde’. In den Jahren 1908 und 1909 schrieb er diesen sechsteiligen Liederzyklus für Alt, Tenor und Orchester; die Uraufführung durch Bruno Walter im November 1911 konnte er nicht mehr miterleben. Walter, Mahlers Assistent an der Wiener Hofoper, war ein entschiedener Förderer des Werkes, seine Einspielungen dürfen aufgrund seiner Vertrautheit mit dem Schaffen des Komponisten als wegweisend gelten.
Solches kann auch von der nun erschienenen, klanglich restaurierten Aufnahme des ‘Liedes von der Erde’ gesagt werden, die im Mai 1936 aufgezeichnet wurde; Walter leitet die Wiener Philharmoniker, die Solisten sind Kerstin Thorborg und Charles Kullmann. Bei den von Mahler ausgewählten Texten handelt es sich um an chinesischer Lyrik orientierten Nachdichtungen von Hans Bethge. Deren Grundstimmung ist insgesamt eher negativ, deutlich erkennbar etwa an den berühmten Worten ‘dunkel ist das Leben, ist der Tod’ im ersten Lied, dem ‘Trinklied vom Jammer der Erde’. Kullmann trägt gerade diese Zeile mit großer suggestiver Kraft vor. Die Differenziertheit der Orchesterbegleitung kann natürlich trotz aller Mühe der Restauratoren nicht so gut eingefangen werden, wie bei einer aktuellen Aufnahme. Mit leichten Nebengeräuschen muss der Hörer leben, die Qualität der Interpretation lässt diese aber leicht verschmerzen. Denn Walter hat in Kullmann nicht nur einen erstklassigen Tenor an seiner Seite, sondern in Kerstin Thorborg eine mindestens ebenbürtige Altistin, wie das zweite Lied ‘Der Einsame im Herbst’ zeigt.

Die Live-Aufnahme bedingt allerdings neben den erwähnten Nebengeräuschen auch ‘Publikumsgeräusche’ in Form des typischen Hustens und Räusperns zwischen den einzelnen Liedern. Diese sind aber schnell vergessen, sobald die Musik wieder anhebt: nun mit dem dritten Lied, ‘Von der Jugend’, dem kürzesten, aber keineswegs leichtgewichtigsten der sechs Lieder. Der bisweilen kammermusikalische Stil und die exotische, zum Teil pentatonische Harmonik weisen musikgeschichtlich weit in die Zukunft. Kullmann kann nahtlos an seine Leistungen im ersten Lied anknüpfen, die Wiener Philharmoniker beweisen ihre hochgradige Vertrautheit mit der Partitur. Einige der Musiker dürften selbst noch unter Mahler gespielt haben.
‘Von der Schönheit’ handelt das vierte Lied, Kerstin Thorborg verfügt darin über erstaunliche Gestaltungsmöglichkeiten ihrer Stimme und kann so die streckenweise angebrachte Naivität (‘Junge Mädchen pflücken Blumen’) ebenso glaubwürdig klingen lassen, wie Melancholie oder Pathos an anderen Stellen. Das fünfte Lied, ‘Der Trunkene im Frühling’, wirkt mit seinen viereinhalb Minuten wie eine Einleitung zum weitaus längsten und gewichtigsten Lied, dem beinahe halbstündigen ‘Abschied’. Der Schwerpunkt des gesamten Werkes liegt so deutlich auf dem letzten Satz – eine Tendenz, die Mahler in seiner 9. Symphonie wieder aufgriff. Berühmt wurde unter anderem der Schluss des Liedes mit dem C-Dur-Akkord mit hinzugefügter Sexte; streng genommen eine nicht aufgelöste Dissonanz, die viele Interpreten in Mahler eine Propheten der Neuen Musik sehen lässt.
Walters Interpretation des ‘Abschiedes’ ist dem gegenüber deutlich dem 19. Jahrhundert verpflichtet, was nicht heißt, dass er um eine Glättung der zweifelsohne vorhandenen klanglichen Härten bemüht wäre. Kerstin Thororgs Altstimme bleibt schlank und schön, das Textverständnis ist ausgezeichnet. Im Laufe des Liedes scheint sie mit einzelnen Orchesterinstrumenten geradezu zu konzertieren, insgesamt bleibt ihre solistische Rolle aber unangetastet.
Mit dem hauchzarten Schluss endet eine denkwürdige Aufnahme des ‘Liedes von der Erde’, die auch ein Stück Interpretationsgeschichte der ersten Generation nach Mahler festhält. Anhänger eines aufpolierten Klangs werden freilich einer der zahlreichen neueren Einspielungen den Vorzug geben.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mahler, Gustav: Das Lied von der Erde

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Profil - Edition Günter Hänssler
1
01.07.2004
57:05
1936
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
UPC881488404326
PH04043


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Mahler, Gustav
 - Das Lied von der Erde -


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Dirigent(en):Walter, Bruno
Orchester/Ensemble:Wiener Philharmoniker
Interpret(en):Thorborg, Kerstin
Kullmann, Charles


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"Ein erdiger Himmel Hier dirigiert der Sach- und Nachlaßverwalter Bruno Walter - seit Mahlers dritter und als noch ganz junger Mann dessen Adlatus und Erfüllungsgehilfe, schließlich eine der zentralen Dirigentenpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Und er leitet eine der gleichviel intensivsten, verblüffendsten und authentischsten Aufnahmen dieses Abschiedswerkes, das Mahler gar nie selbst gehört hat. Historische Einspielung aus dem Jahr 1936 mit den Wiener Philharmonikern. "


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Profil - Edition Günter Hänssler

Profil - The fine art of classical music
EDITION GÜNTER HÄNSSLER - EIN LABEL MIT "PROFIL"
Bei der Gründung seiner "EDITION GÜNTER HÄNSSLER" und dem neuen Label "PROFIL" betrat Produzent Günter Hänssler, der ehemalige Chef des erfolgreichen Labels Hänssler Classics, mit einer ganz klaren Philosophie und Zielsetzung den Klassik-Markt:
"Nur ein Label mit einem klaren PROFIL, mit einem eindeutigen Wiedererkennungseffekt hat heute noch eine Chance auf dem heiß umkämpften CD-Markt - um die Liebhaber klassischer Musik heute mit einem Produkt zu überzeugen braucht man Originalität, Innovation und optimierte Vertriebswege."
Der Name PROFIL ist Programm. Günter Hänssler denkt in Serien. Nur groß angelegte Projekte haben heute noch eine Chance, sich nachhaltig auf dem Markt wiederzufinden. So entstanden international hoch gepriesene und mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnete Editionen wie die EDITION STAATSKAPELLE DRESDEN oder die GÜNTER WAND EDITION.
Die Repertoire-Politik ist charakteristisch. Eine Auswahl erster internationaler Künstler finden sich im Programm von PROFIL ebenso wieder wie erfolgreiche Newcomer der Klassikszene, darunter das mehrfach preisgekrönte Klenke-Quartett, das in der Interpretation von Kammermusik in den letzten Jahren neue Maßstäbe setzen konnte.
Ergänzt wird das Repertoire durch ausgewählte, digital aufwendig restaurierte historische Aufnahmen, Interpretationen von legendärem Ruf in neuer, bisher nicht gekannter digitaler Klangqualität. Auf diese Weise schlägt PROFIL die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und versteht sich so auch als Bewahrer musikalischer Traditionen.
PROFIL: Ein Programm - eine Verpflichtung aus Tradition!


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