> > > Stölzel, Gottfried Heinrich: Cantatas for Pentecost
Sonntag, 5. Dezember 2021

Stölzel, Gottfried Heinrich - Cantatas for Pentecost

Feelgood music


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


So kann’s gehen. Da meint man’s gut, lässt den Alten machen und dann lässt der sich von einem kniefälligen Pfarrerssohn den Hof machen, anstatt die Jugend und ihre Vorlieben sprechen und den besseren Kandidaten gewinnen zu lassen. Solches muss sich Günther I. Fürst von Schwarzburg-Sondershausen gedacht haben, als sein Vater den Kandidaten für das Amt des Hofkapellmeisters Gottfried Heinrich Stölzel (1690-1749) für besagten Pfarrerssohn Johann Balthasar Freislich (1687-1764) ablehnte. Der neue Fürst bereute die Entscheidung des Vorgängers zutiefst, nachdem er Stölzels Musik näher kennen gelernt hatte (damals waren Politiker noch in der Lage, Partituren zu lesen!). Dennoch scheint er ein anständiger Charakter gewesen zu sein und bis zum Weggang Freislichs gewartet zu haben, bevor er den einst Verschmähten mit Aufträgen als Gast an seinen Hof verpflichtete. So erfolgte nach 1731 eine Rückbesinnung auf Stölzel, der inzwischen in Gotha beschäftigt war. Obwohl seine Zeit in Sondershausen keine 10 Jahre dauerte, bewahrte man sein Andenken und erhielt den reichen Notenbestand, der noch heute 339 Kirchenkantaten ausweist. Dagegen hat sich der größte Teil seiner Kompositionen in Gotha schnell verloren.

Aus schöpferischer Gegend

Auch die sechs Kantaten zum Pfingstfest die Ludger Rémy und das Telemannische Collegium Michaelstein vorstellen, stammen aus dem Fundus in Sondershausen. Stölzel ist einer der vielen Komponisten, die im 17. und 18. Jahrhundert als Exponenten einer überreichen protestantischen Kirchenmusiktradition im sächsich-thüringischen Raum wirkten. Namen wie Knüpfer, Schelle, Rosenmüller, Kuhnau, Calvisius oder Schein stehen neben dem der Bachs für zwei ungemein schöpferische Jahrhunderte zwischen 1550 und 1750, deren Hinterlassenschaften immer mehr auf CDs erschlossen werden. CPO leistet mit seiner Stölzel-Reihe einen wertvollen Beitrag. Auch tontechnisch wird sorgfältig gearbeitet, der Klang ist gestaffelt, Sänger und Instrumentalisten genießen die Vorzüge einer offenen, leicht hallenden Akustik, ohne stimmlich ineinander zu laufen. Das Booklet ist gut geschrieben und informativ, mit Künstlerbiographien und vollständigen Werktexten auf deutsch und englisch – tadellos.

Unaufdringlich

Die Musik Stölzels ist ein Ohrenschmaus, mit leichter Feder geschrieben, kurzweilig und freundlich. Die Gestalt der Chorsätze, die Rémy von seinen vier Solisten ausführen lässt, ist abwechslungsreich, die Arien sind kurz und liebenswert. Die Kontrapunktik und Harmonik bleibt den kleinen Formen angemessen und drängt sich nie in den Vordergrund, ebenso wenig wie die Instrumentation, die auf Streicher, Basso continuo und Oboe beschränkt ist und nur durch Flöten oder Hörner aufgefrischt wird.
Eine Arie mit solistischem Horn ist es auch, die Stölzels feingeistige Verarbeitung des protestantischen Chorals vermittelt. Dorothee Mields sanfter, silbern heller, strahlend jung klingender Sopran macht nicht nur die Arie ,Komm heiliger Geist’ aus der Kantate ,Siehe da, eine Hütte Gottes’ zu einem fast zu kurzen Genuss. Mit der Besetzung von Jan Kobow (Tenor) und Christian Immler (Bass) bewies Rémy ebenfalls ein glückliches Händchen. Sind doch die Stimmen der Männer farblich fast genauso klar, schlackenlos und beweglich wie die von Dorothee Mields. Der Altus von Martin Wölfel bleibt aber Geschmackssache. In den vierstimmigen Eingangssätzen oder Schlusschorälen gibt sein deutliches Vibrato dem Satz durchaus bereicherndes Leben, doch in den Rezitativen und Arien wirkt sein Vortrag für mich etwas zu überkandidelt. Die einfache Musik klingt mit seinem Altus zu opernhaft affektiert.
Ludger Remy ist mit seinem Collegium ein Anwalt der Musik, ohne sie aufzublasen oder überzuinterpretieren. Die Musik darf von Anfang bis Ende fließen, ohne starke Attacken, scharfe Akzente und Anfechtungen. Man muss ja nicht gleich alle sechs Kantaten am Stück hören, um vielleicht doch den Eindruck einer gewissen Einförmigkeit zu gewinnen. In Sondershausen hat man sich schließlich auch nur auf jeweils eine Kantate pro Sonntag gefreut. In diesen Dosen ist Stölzel ein unaufdringlicher feelgood Komponist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Stölzel, Gottfried Heinrich: Cantatas for Pentecost

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.04.2004
Medium:
EAN:

CD
0761203987627


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Stölzel, Gottfried Heinrich


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Dirigent(en):Rémy, Ludger
Interpret(en):Mields, Dorothee
Wölfel, Martin
Kobow, Jan
Immler, Christian


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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