> > > Lehár, Franz: Der Sterngucker
Mittwoch, 23. September 2020

Lehár, Franz - Der Sterngucker

Leharzwitter


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Label cpo bemüht sich in Zusammenarbeit mit dem Deutschlandradio seit Jahren erfolgreich um Franz Lehár; neben Klavierwerken, Orchesterstücken und zwei Liederalben, hat man auch seine Oper ‚Tatjana’ eingespielt und mit ‚Frühling’ bereits die erste von sieben geplanten, unbekannteren Operetten des Meisters vorgelegt. Zur erklärten Philosophie gehört es dabei, Abstand zu gewinnen vom Operettenschmäh, der dem Komponisten anhaftet und die Werke mit Künstlern einzuspielen, die nicht zwangsläufig von der Operette kommen. Ein interessantes, wenngleich historisch kaum haltbares Konzept.
Als zweite Operetten-Einspielung liegt nun Lehárs vergessener Dreiakter ‘Der Sterngucker’ vor. Eine Geschichte um einen etwas lebensfremden Astronomen, der sich auf Grund verschiedener Lustspiel-Missverständnisse im ersten Akt gleich mit drei verschiedenen Damen verlobt, was in den folgenden beiden Akten zu allerlei Verwirrungen und komischen Situationen führt, um schließlich im Happy End seine Auflösung zu finden. Die kleine Handlung kommt mehr aus der Tradition des französischen Lustspiels als von der Musiktheaterbühne und in der tat ist die Entstehungsgeschichte des Werkes äußerst spannend und aufschlussreich über Lehárs Arbeitsweise. Ein informativer Einführungstext von Stefan Frey im beiliegenden Booklet klärt darüber in den wichtigsten Stationen auf.

Eigentlich handelt es sich beim ‚Sterngucker’ um ein kammerspielartiges Experiment Lehárs und seiner Librettisten Frotz Löhner und Arthur Maria Willner. Lehar schrieb das Werk eigens für Louis Treumann, den sagenumwobenen Uraufführungs-Danilo aus der ‚Lustigen Witwe’, der in Wien in Ungnade ob einiger Eskapaden gefallen war. Die Uraufführung fand daher an Joseph Jarnos Theater in der Josefstadt statt, einem Sprechtheater mit kleinem Orchestergraben. Aus dieser Situation suchte Lehár und seine Librettisten eine Tugend zu machen, sie verzichteten auf einen Chor, schufen dafür ungewöhnlich viele Ensembleszenen und Lehár war gezwungen aus einem kleinen Orchester möglichst viel herauszuholen. Die Uraufführung am 14. Januar 1916, mitten im Ersten Weltkrieg war zunächst ein Triumph. Das Experiment, die übliche Operettendramaturgie zugunsten einer kammerspielartigen Charakterkomödie aufzugeben schien geglückt: ‘Aus jeder Nummer dieser Partitur spricht der vornehme kultivierte Musiker’, so eine Kritikerstimme über die Premiere um fortzufahren: ‘es ist wohl die feinste und entzückendste, die Lehár bisher geschrieben hat. Meisterhaft ist vor allem die sorgfältige, durchaus persönliche, farbenprächtige Instrumentation, künstlerisch und reich entwickelt die, wo es nur angeht, polyphone Führung der Stimmen. Es blüht und klingt in seinem Orchester.’

Trotzdem konnte sich dieser ‚Sterngucker’ beim Publikum nicht dauerhaft durchsetzen. Zu neuartig waren die Musiknummern, erfüllten nicht die Erwartungen an den Operettenkomponisten Lehár. Eine Zweitfassung hatte daher schon im Herbst des selben Jahres im Theater an der Wien Premiere – diesmal ohne Louis Treumann. Acht ursprüngliche Nummern wurden gestrichen, fünf neue hinzugefügt; auskomponierte Szenen wurden operettengerecht gestaltet. Die Urfassung ist zu großen Teilen verschollen und so greift die vorliegende Einspielung auf die Bearbeitung für das Theater an der Wien zurück. Von den experimentellen Absichten Lehárs ist da freilich wenig übrig geblieben. Eine editorische Entscheidung, die folgenreich war und letztlich einen erfolglosen Zwitter präsentiert. Besser dies, als gar nichts, hat man sich da wohl gesagt. Warum man allerdings beim Rückgriff auf die bewusst für ein Operettenpublikum konzipierte Zweitfassung auf Interpreten zurückgreift, die wenig Erfahrung mit Operetten haben, erschließt sich dem Rezensenten nicht. Sinn gemacht hätte dies für die experimentelle Originalfassung, die sich vom Genre zu entfernen suchte.
Und noch etwas ist widersprüchlich: da bemüht man sich erfreulicherweise um eine Edition unbekannter Lehár-Werke, gräbt längst vergessene Titel wieder aus, betreibt Quellenstudien und rekonstruiert teilweise das Aufführungsmaterial – doch dann wird das Werk sozusagen in einer amputierten Version präsentiert, denn die Dialoge fehlen in der Einspielung und auch in der dicken Doppelbox, wo genug Platz für das Libretto gewesen wäre, findet sich der Text nicht. Wie also soll man da tatsächlich den Stellenwert dieses Stückes einschätzen? Bekanntlich sind gerade in den Dialogen der Operette die dramaturgischen Fundamente gelegt. Und vielleicht hat eine weltfremde Figur, wie der ‚Sterngucker’ Franz, die Mitten im Weltkrieg das Bühnenlicht der Welt erblickt, ja doch etwas mit dem Zeitgeschehen zu tun? Wir erfahren es nicht. Statt dessen findet sich eine umständliche und zwanghaft humorige Inhaltsnacherzählung mit Track-Verweisen. Mit der ‚nur’ musikalischen Gesamteinspielung macht man gerade da weiter, wo viele Operetten in den 50er bis 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ihren letzten Schritt in die Vergessenheit des kollektiven musikalischen Gedächtnisses getan haben: in der Entstellung, in der Bearbeitung und Verkürzung, der sogenannten ‚musikalischen Gesamtaufnahme’. Doch genau gegen dieses Operettenbild wollte man erklärtermaßen eigentlich angehen.

Musikalisch finden sich einige schöne, eingängige Nummern im ‚Sterngucker’. Wirkliche Ohrwurmqualität hat allerdings nur das Duett vom Teddybären. Es gibt reichhaltig Walzermelodie und pointierte Musiknummern, jedoch fehlt ihnen meist etwas charakteristisches, das sie aus der Masse heraus heben würde.
Die Solisten erfüllen ihre Aufgaben mit merklichem Engagement, vieles hat Charme und Linie. Gelegentlich wirken sie jedoch auch etwas fremd in diesem Genre. So hat Robert Wörles Tenor zwar kraftvolle Töne, doch fehlt ihm gelegentlich auch der nötige Schmelz (und etwas die Treffsicherheit) für die Walzerseligkeit. Lothar Odinius als Titelheld hat einen schlank geführten Tenor, der, stets präsent, mancherlei schöne Akzente zu setzen weiß. Die Damen Claudia Rohrbach, Hanna Dóra Sturludóttir und Angelika Bamber haben schöne, charakteristische Stimmen und sind insgesamt stilistisch sicherer als die Männer. Johannes Goritzkis Orchesterleitung ist etwas zu beherrscht, da könnte man sich mehr Lebendigkeit und in den Tanzstücken mehr Agogik vorstellen. Insgesamt fehlt der ganzen Aufnahme ein leichterer Ton; etwas mehr Esprit und Spontaneität hätten sicher nicht geschadet.

Trotzdem, die auf zwei mustergültig klingende SACDs gebrachten gut 80 Minuten unbekannten Lehárs sind eine Bekanntschaft wert, zeigen sie doch eine andere, neue Seite des erfolgsverwöhnten Komponisten. Es wäre interessant zu sehen, wie sich der ‚Sterngucker’ heute auf der Bühne schlagen würde – vielleicht kann diese Einspielung ja Anregung dazu geben? Für kleinere Bühnen wäre es ein ideales Stück.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Uwe  Schneider Kritik von Uwe Schneider,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lehár, Franz: Der Sterngucker

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
2
20.03.2004
Medium:
EAN:

SACD
0761203987221


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Lehár, Franz


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Dirigent(en):Goritzki, Johannes
Orchester/Ensemble:Deutsche Kammerakademie Neuss
Interpret(en):Odinius, Lothar
Rohrbach, Claudia
Sturlodóttir, Hanna Dóra
Wörle, Robert
Koopman, Ton
Köhler, Markus


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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