> > > Raff, Joseph Joachim: Symphonies 8-11 "Four Seasons"
Montag, 26. September 2022

Raff, Joseph Joachim - Symphonies 8-11 "Four Seasons"

Spätromantische Vier Jahreszeiten


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Jahres- und auch Tageszeiten waren immer schon Inspirationsquelle für Komponisten und haben zu unzähligen kleineren Werken, aber auch größeren Zyklen angeregt. Sicher denkt man sofort an Vivaldis Violinkonzerte ‚Die Vier Jahreszeiten’ oder Haydns Oratorium. Auch im sinfonischen Bereich gibt es zahlreiche Werke, etwa die drei Sinfonien zu den Tageszeiten von Haydn oder eine Jahreszeiten-Sinfonie von Spohr. Gegen Ende seines Lebens schuf auch der aus der Schweiz stammende Komponist Joachim Raff (1822-1882), der zu Lebzeiten zu den meistgespielten Komponisten gehörte und heute eigentlich nur noch als Liszts Sekretär und Gehilfe bekannt ist, einen sinfonischen Zyklus zu den Jahreszeiten. Gleich vier klassisch proportionierte Sinfonien legte es vor; in einer Zeit jedoch, in der jede Sinfonie ein individuelles Werk, eine stets neue Auseinandersetzung mit der Form und ihrem Anspruch zu sein hatte, und in der sich die Gattung der sinfonischen Dichtung als neue Norm durchgesetzt hatte, musste Raffs Zyklus wohl gestrig wirken.

Raffs Jahreszeiten-Sinfonien

Und tatsächlich – schon bald nach seinem Tod geriet Raffs Musik in Vergessenheit. Von einem Komponisten, der dem Lager um Liszt und Wagner zugehörig gewesen war, erwartete man mit Sicherheit eine entsprechende kompositorische Schreibweise, der Raffs spätere Werke aber nicht mehr entsprachen. Denn die meisten seiner Sinfonien tragen wohl programmatische Titel, drückten diese jedoch, so die Kritiker, musikalisch nicht aus. Raffs Prioritäten hat man in der Tat auf anderen Gebieten zu sehen: denen des Kontrapunkts und der Form. Der musikalische Ausdruck hatte sich der viersätzigen sinfonischen Anlage unterzuordnen, und so beschränkte sich Raff oft auf Andeutungen. Ein schönes Beispiel für die kontrapunktische Gestaltung ist der Kopfsatz der 9. Sinfonie e-Moll ‚Im Sommer’ op. 208, der streng gearbeitet ist und sogar ein Fugato enthält. Als erste war die Sinfonie ‚Frühlingsklänge’ op. 205 entstanden, die in der heiteren Tonart A-Dur steht, gefolgt von der Wintersinfonie op. 214 a-Moll, die jedoch erst einmal in der Schublade verschwand. Auf den bereits erwähnten ‚Sommer’ folgte dann noch als letztes Werk des Zyklus die Sinfonie f-Moll op. 213 ‚Zur Herbstzeit’. Die Wahl der Tonarten deutet an, dass Raff seine Sinfonien tatsächlich als Zyklus verstanden wissen wollte. Darüber hinaus wird der Komponist selbstverständlich auch in diesen seinen letzten Sinfonien seines Rufs als hervorragender Kenner des Orchesters gerecht; Klangeffekte wie etwa der in tiefen Streichern und Pauke brummelnde Beginn des Gespenster-Reigens aus der Sinfonie ‚Zur Herbstzeit’ verweisen trotz der ‚gestrigen’ Form ganz klar in die Zukunft.

Nachruf an ein großes Orchester

Die Aufnahmen dieser Sinfonien entstanden in den Jahren 1992-1994 mit der heute bereits dem allgegenwärtigen Rotstift zum Opfer gefallenen Philharmonia Hungarica und sind jetzt sozusagen posthum auf einer prall gefüllten Doppel-CD beim Label cpo, das zur Zeit einige dem Schweizer Komponisten gewidmete Produktionen veröffentlicht und dabei auch die fast gänzlich in Vergessenheit geratene Kammermusik würdigt, erschienen. Beim Hören dieser Einspielungen wird deutlich, was die Musikwelt mit der Philharmonia Hungarica verloren hat. Unter der sicheren Führung von Werner Andreas Albert gelingen hier rundum überzeugende Wiedergaben der Sinfonien. Wer Raffs Musik als müde bezeichnet, solle hier einmal hereinhören, denn in der vorliegenden Einspielung bekommt die Musik die Vitaminspritze, die bei anderen Aufnahmen oftmals zu vermissen ist: Stets gibt es einen Drang vorwärts, gerade die Schlusssätze, wie das hornschmetternde Jagdfinale der Herbstsinfonie, oder der Karnevalssatz des ‚Winters’, profitieren ungemein davon. Aber in den langsamen Sätzen fehlt es den Musikern auch nicht an dem nötigen Schmelz, um der Musik einen tiefen und innigen Ausdruck zu verleihen und Raff als romantischen Ausdruckskomponisten erscheinen zu lassen. Die Sinfonie ‚Im Sommer’ erklingt auf dieser Aufnahme zudem erstmals in der vollständigen Version; vorige Einspielungen haben einen Teil des Finales gestrichen und somit einen verfälschten Eindruck hinterlassen.

Die Aufnahmequalität ist recht gut, so dass dem Hörvergnügen von dieser Seite aus kein Abbruch getan wird. Die Dokumentation ist, wie von cpo gewohnt, nicht nur fachkundig, sondern auch höchst ausführlich und dem Sujet gegenüber mit der nötigen kritischen Distanz eingestellt. Die CD ist für Einsteiger wie Kenner gleichermaßen geeignet, denn der Neuling erfährt Raff hier von seiner besten Seite, und auch für denjenigen, der bereits die ein oder andere dieser Sinfonien in seinem Plattenschrank aufbewahrt, dürfte diese Einspielung, die den Rang einer Referenzaufnahme beanspruchen darf und keine Konkurrenz zu fürchten hat, eine Bereicherung darstellen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Raff, Joseph Joachim: Symphonies 8-11 "Four Seasons"

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
2
20.04.2004
Medium:
EAN:

CD
0761203953622


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Raff, Joseph Joachim


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Dirigent(en):Albert, Werner Andreas
Orchester/Ensemble:Philharmonica Hungarica


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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