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Montag, 6. Juli 2020

Frescobaldi, Girolamo Alessandro - Canzoni

Intim, kammermusikalisch


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Label alpha hat sich exklusiven, optisch opulenten Produktionen verschrieben. Die Covers sind stets wunderschön, so auch in diesem Fall: Das Gemälde ?Die Auffindung von Romulus und Remus durch Faustulus? von Pietro da Cortona ziert ganz oder Ausschnittsweise Cover und Booklet, nicht nur das: Ein kanadischer Kunsthistoriker unterzieht das Bild im Booklet einer ikonographischen Analyse. Bild und Ton sollen nach der Label-Philosophie von alpha ein Ganzes bilden, frei nach der humanistischen Losung ?ut pictura musica?. Schade nur, dass alpha seine Exklusivität so weit treibt, dass sich die Booklet-Sprachen auf Französisch und Englisch beschränken. Liebe Leute, eure CDs sind gut, es kann doch nicht so schwierig sein, einen Übersetzer für eine deutsche Version zu finden!

Nun aber zum musikalischen Teil des Gesamtkunstwerkes:
Girolamo Frescobaldi ist eine der zentralen Figuren in der Musikgeschichte des frühen 17. Jahrhunderts. Sein Einfluss auf die Entwicklung der Tastenmusik war riesig und lang anhaltend. Wie fast alle seiner komponierenden Zeitgenossen veröffentlichte Frescobaldi auch Canzoni; diese aus der Intavolierung von französischen Chansons hervorgegangene Gattung erfreute sich großer Beliebtheit und wurde in den unterschiedlichsten Besetzungen musiziert ? oft nur mit einem Tasteninstrument, aber auch in verschiedensten Ensemblekonstellationen. Genaue Instrumentationsanweisungen gibt es bis weit ins 17. Jahrhundert hinein nicht, also sind die Fantasie und Kreativität des Interpreten gefordert, zumal die Canzoni aufgrund von recht strikten Gattungskonventionen rhythmisch manchmal stereotyp wirken (stets gibt es eine Eröffnung im geraden Takt mit einem typischen ?Canzonen-Rhythmus?, gefolgt von einem Abschnitt im Dreiertakt, usw.).

Das Ensemble ?Les Basses Réunies? unter Bruno Cocset tritt mit Tenor- und Bassvioline, Violone, Zinken, Theorbe, Harfe, Cembalo und Claviorganum an, um Frescobaldis abwechslungsreiche Canzoni zu musizieren. Ein Fest der unterschiedlichen Klangfarben! Höchst bemerkenswert ist das Zinkenspiel von William Dongois. In der Canzona ?detta la Bernardina? zum Beispiel klingt dieses sonst oft strahlend auftrumpfende Instrument außerordentlich intim und fügt sich kammermusikalisch in das Ensemble ? schön! Noch zurückhaltender gerät die Canzona ?detta l?Alexandrina?: Jetzt erst weiß ich, was ein ?stiller Zink? ist! Die Instrumente der Violinfamilie klingen ebenfalls intim und fast schon gambenartig näselnd. Die Streicher dominieren über weite Strecken, was manchmal etwas monochrom wirkt. Die Continuospieler und alle Musiker des Ensembles zeichnen sich durch höchste rhythmische Flexibilität aus. Die Linienführung und kontrapunktische Strukturen werden klar herausgearbeitet. Durch Tempowahl und Instrumentation verleihen die Musiker jeder Canzona eine eigene Grundstimmung, was wiederum für Abwechslung sorgt. Insgesamt überwiegen die introspektiven Momente, da und dort wäre mehr energischer Einsatz wünschenswert gewesen.

Insgesamt handelt es sich um eine sehr stilsichere, fantasievolle und klangprächtige Interpretation von Frescobaldis Canzoni. Die Abwechslung der Klangfarben sorgt für ein größeres Hörvergnügen als bei einer Beschränkung auf ein Tasteninstrument. Empfehlenswert!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Dr. Franz Gratl Kritik von Dr. Franz Gratl,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Frescobaldi, Girolamo Alessandro: Canzoni

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
1
01.05.2004
Medium:
EAN:

CD
3760014190537


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Frescobaldi, Girolamo


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Dirigent(en):Cocset, Bruno


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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