> > > Hans Knappertsbusch conducts Wiener Philharmoniker: Bruckner - Symphony No. 4 in E flat 'Romantic'
Freitag, 25. September 2020

Hans Knappertsbusch conducts Wiener Philharmoniker - Bruckner - Symphony No. 4 in E flat 'Romantic'

Ist das noch Bruckner oder schon Knappertsbusch?


Label/Verlag: Testament Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Anton Bruckner (1824-1896) gehört zu den rätselhafteren Künstlerpersönlichkeiten. Einerseits verfolgte er, auch als ihm ein steifer Wind ins Gesicht blies, seinen künstlerischen Weg unbeirrt fort, dann hingegen war er aber wie kaum ein anderer anfällig gegen mehr oder weniger wohlwollende Ratschläge seiner Freunde und Gönner, was sich in steten Umarbeitungen seiner Werke niederschlug, so dass von den Sinfonien kaum eine nur in einer gültigen Fassung überliefert ist. Vielleicht ist es diese Tatsache, die viele Dirigenten dazu anregte, die autorisierten Fassungen selbst weiter zu ‚verbessern’. Ältere Aufnahmen aus einer Zeit, als Werktreue noch weitgehend ein Fremdwort war, fallen dementsprechend durch eigenmächtige, jedoch unterschiedlich gravierende Änderungen auf. So auch die Einspielung der Vierten Sinfonie Es-Dur, der sogenannten ‚Romantischen’, die der bekannte, wenn auch nicht unumstrittene Dirigent Hans Knappertsbusch 1955 mit den Wiener Philharmonikern angefertigt hat, und die nun in einer technisch überarbeiteten Fassung bei dem auf historische Aufnahmen spezialisierten Label Testament erschienen ist.

Knappertsbuschs Deutung

Die Eingriffe, die Knappertsbusch vornimmt, dienen, wie man es auf einen Nenner gebracht wird formulieren können, fast ausschließlich dem Ziel der Kantenglättung. Die eigenwillig kontrastreiche, an die Register einer Orgel erinnernde Instrumentierung Bruckners wird spürbar hin zu einem milderen, aber auch anonymeren Mischklang verschoben, indem etwa zahlreiche reine Streicherstellen durch Blasinstrumente verdoppelt werden; besonders schroffe Kanten werden durch dynamische Angleichungen oder – im Finale – durch die Auslassung eines ganzen Abschnitts erreicht. Nicht jede Idee muss prinzipiell schlecht sein; der Einfall etwa, das Scherzo beim ersten Durchgang im Piano ‚austrudeln’ zu lassen, entbehrt nicht eines gewissen Reizes, eben dieses Scherzo wird aber in der Reprise auch Opfer einer völlig unmotivierten Streichung, deren Nahtstellen nicht ansatzweise gekittet werden. Viele Eingriffe, das muss allerdings auch zugegeben werden, dürften nur dem sehr gut mit dem Werk Vertrauten auffallen, was jedoch keine Rechtfertigung dieses Vorgehens darstellen soll und darf; die große Fülle der stellenweise schlicht und einfach als ‚Verschlimmbesserung’ zu klassifizierenden Änderungen wirkt auf jeden Fall beunruhigend.

Positive Seiten

Wird man aus heutiger Sicht die Substanz dieser Einspielung nicht mehr akzeptieren können, sollte man ihre positiven Seiten jedoch nicht übersehen. Knappertsbusch zeichnet sich als romantisch empfindender Dirigent aus, der dem Werk einen stets vitalen, geradezu drängenden Puls verleiht. Das Orchester, das sich einem Spitzenorchester angemessen nicht nur sauber in der Intonation und technisch präzise, sondern auch mit einem bis in die Einzelstimmen hinein tief empfundenen Spiel präsentiert, trägt einen wesentlichen Teil dazu bei. Sogar die Klangqualität dieser Monoaufnahme ist den Umständen entsprechend mehr als akzeptabel. Natürlichkeit kann man dem Ton allerdings verständlicherweise kaum attestieren, wohl aber eine überraschend gute Durchsichtigkeit, die alle wichtigen Stimmen den Umständen entsprechend klar in Erscheinung treten lässt.
Historische Aufnahmen sind in ihrer Wiederveröffentlichung nicht immer gut dokumentiert. Das ist hier zum Glück nicht der Fall, denn die Textbeilage informiert recht ausführlich über das Leben und Wirken des Dirigenten Knappertsbusch, insbesondere, und das ist in diesem Fall ja interessant, unter dem Gesichtspunkt seiner Haltung gegenüber den damals noch jungen Medien und seinen eigenen Aufnahmesitzungen.

In der Art und Weise, wie Knappertsbusch die Musik herüberbringt, wird er seinem Ruf voll und ganz gerecht. Das freudige Erstaunen beim Hören wird allerdings zu oft von ungläubigem Kopfschütteln begleitet, um sich letztlich durchzusetzen. Als Dokument einer (zum Glück) vergangenen Aufführungspraxis hat die Produktion womöglich einen nicht zu unterschätzenden Wert, dem wahren Brucknerfreund dürfte die Sinfonie in dieser Deutung jedoch ungenießbar erscheinen, so wie sie allerdings immer noch viel zu kantig ist, um einen Brucknerfeind zu bekehren. Bestenfalls für Freunde des ‚Knap’ eine Kaufüberlegung wert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hans Knappertsbusch conducts Wiener Philharmoniker: Bruckner - Symphony No. 4 in E flat 'Romantic'

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Testament Records
1
01.04.2004
Medium:
EAN:

CD
0749677133924


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Bruckner, Anton


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Dirigent(en):Knappertsbusch, Hans
Orchester/Ensemble:Wiener Philharmoniker


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Testament Records

Testament is an artist-based label, not restricted to any particular period of recording history, and its releases are selected from the archives of some of the largest record companies and radio stations in the world. With the permission and cooperation of these companies and stations.

Testament releases previously unpublished and deleted recordings from their archives, using their original master tapes and 78rpm metal parts for CD remastering. Testament also has access to their extensive photographic archives and comprehensive research facilities. Testament is thus in a unique position and one that is enjoyed by no other independent record company specialising in the reissue of archive recordings.

Testament LP's are cut onto lacquer from the original master tapes at Abbey Road Studios using full analogue techniques throughout production an pressed onto 180g virgin vinyl.


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