> > > Sonaten für Violine und Klavier: Interpretationen von Ludwig van Beethoven, Johannes Brahms und Leos Janacek
Samstag, 25. Mai 2019

Sonaten für Violine und Klavier - Interpretationen von Ludwig van Beethoven, Johannes Brahms und Leos Janacek

Auf Augenhöhe


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Begriff ?Violinsonate? hat so seine Tücken. Üblicherweise ist zwar damit eine Sonate für Violine mit einem mehr oder weniger begleitendem Klavier gemeint, doch in vielen Fällen trifft das nicht ganz den Nagel auf den Kopf - hat doch Beethoven beispielsweise bei der hier eingespielten Violinsonate - oder genauer gesagt: ?Sonate für Klavier und Violine G-Dur op. 30/3? - das Klavier ausdrücklich zuerst erwähnt. Damit sollte klargestellt werden: das Klavier rückt hier von der Rolle als Begleitinstrument ab und wird in seiner Bedeutung aufgewertet. Nichtsdestotrotz wimmelt es von Interpretationen, wo meist prominente Geiger mit oftmals weitaus weniger prominenten Pianisten die Rollen nach traditionellem Muster verteilen: der Geiger ist der ?Solist?, der Pianist ?Assistent?, auch wenn der Notentext eine andere Sprache spricht - schließlich gibt es gerade in dieser Sonate zahlreiche Passagen, wo dem Klavier beispielsweise melodietragende und für die Entwicklung sehr bedeutende Aufgaben zukommen, während die Geige auch schon mal typische Begleitfiguren ausführt.

Bei der vorliegenden Einspielung dieser Sonate (außerdem auf der CD: die Sonaten für Violine und Klavier von Brahms op. 78 und die von Janácek) braucht man hinsichtlich der Rollenverteilung keine Bedenken zu haben. Claudia Henninger (Klavier) und Laszlo Fogarassy (Violine) befinden sich stets auf gemeinsamer Augenhöhe, haben den Notentext genau auf melodietragende sowie begleitende Elemente untersucht und sind den Indizien gefolgt, woraus gerade bei Beethoven fast automatisch ein musikalisches Zwiegespräch zwischen beiden resultiert. Der Duktus dieser Beethoven-Interpretation ist gut, auf positive Weise angriffslustig, mit Pfeffer und schöner Entschlossenheit. Nun werden weniger bekannte Interpreten gerade bei dieser Beethoven- und auch der Brahms-Sonate mit dem leidigen Problem konfrontiert, dass es natürlich unzählige Vergleichsaufnahmen gibt, darunter natürlich auch viele, die besser sind, und so ist es auch hier. In der Tat gibt es subtilere, ausgefeiltere Interpretationen, dennoch hält aber gerade die Beethoven-Sonate durchaus auch anspruchsvollen Vergleichen stand, insbesondere weil dem Grundtonfall, dem Charakter der Sonate ein großer Stellenwert zugemessen wurde. Fogarassys Ton ist schön, warm, aber nicht zu weich (und im piano allerdings manchmal recht ?bogen-haarig?). Das Vibrato wird (auch bei Brahms und Janácek) recht dezent eingesetzt, die Amplitude in dynamischer Hinsicht fällt deutlich, aber nicht extrem aus.
Was den dramatischen Auf- und Abbau betrifft, so fällt auf, dass dieser beinahe grundsätzlich in eher mittellangen ?Einheiten? stattfindet. Das ist vielleicht besonders bei Brahms ein kleines Problem, weil bestimmte Aussagen in dieser Sonate erst dann wirklich zur Geltung kommen, wenn der Aufbau in größeren Dimensionen angelegt wird. Bei Henninger und Fogarassy wird gelegentlich das dramatische Pulver zu früh verschossen, was ein bisschen schade, weil völlig unnötig ist. Das Zusammenspiel zwischen beiden ist gut, wirkt allerdings nicht in dem Maße ?verwachsen?, wie es bei Interpreten oft der Fall ist, die dem Stück eine ganz besonders subtile, mysteriöse Note geben. Ein Problem ist darüber hinaus, dass der Klavierklang im Bass vergleichsweise dumpf und etwas verwaschen ist. Das wirkt sich ganz besonders zu Beginn des 2. Satzes der Brahms-Sonate etwas unzuträglich aus, weil der recht wuchtige Beginn des Klaviers (von Henninger auch sehr offensiv gespielt) sich durch die Klangproblematik noch verstärkt, was dieser Eingangspassage, die doch wegweisend ist für den gesamten Satz, ein unnötig rustikale Note verleiht.

Grenzen von Gegensätzen

Was die Sonate von Janácek betrifft, sind natürlich weitaus weniger Vergleichsaufnahmen im Umlauf, denen sich die Interpreten stellen müssten, allerdings haben vor nicht allzu langer Zeit Ewa Kupiec und Isabelle Faust eine umwerfend mysteriöse, subtile Interpretation dieser Sonate auf den Markt gebracht und damit die Latte schon recht hoch gelegt. Da mitzuhalten, erweist sich dann auch als nicht ganz einfach, denn obwohl Fogarassy und Henninger eine mehr als solide Leistung bieten, so besticht doch die Kupiec/Faust-Interpretation durch noch mehr Entschlossenheit, Dynamik, Subtilität und auch das Herauskristallisieren von Gegensätzen. Janácek hat diese Sonate teilweise in einem geradezu kubistischen Stil komponiert, wo oft Gegensätze blockartig sehr stark aufeinander treffen. Dies wird von Kupiec und Faust dann doch stärker herausgearbeitet und darüber hinaus auch gezeigt, dass gelegentlich selbst impressionistisch angehauchte Gedanken an Janácek nicht spurlos vorbeigegangen sind, auch wenn das Stück als Ganzes natürlich in einem völlig anderen Stil geschrieben wurde. Insgesamt wogt und bebt Kupiecs und Fausts Darbietung viel stärker, es ist spannungstragender als bei Henninger/Fogarassy. Ansonsten aber bieten Fogarassy und Henninger wenig Grund zur Kritik: die Intonation ist einwandfrei, das Zusammenspiel ebenfalls gut, sie sind keine reinen Instinktspieler, gleichzeitig wirkt das Ganze nicht ?überintellektualisiert?. Gerade Fogarassy phrasiert sehr natürlich, sehr lebendig und nie schematisch wirkend, und auch wenn manche Details ausgefeilter sein könnten, so hört man doch sehr gerne zu.

Die Aufmachung der CD ist ausgesprochen elegant in schwarzer und goldener Farbe, mit aufklappbarer Papphülle und einem sehr schön gestalteten Beiheft. Einziges Manko: die Schrift im Beiheft ist winzig, dazu noch mit zwar sehr dekorativen, aber den Lesefluss nicht gerade optimierenden Schnörkelchen versehen. Es gibt Einführungstexte zu jedem der gespielten Stücke und Künstlerbiografien, alles ausschließlich in deutscher Sprache.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Annette Lamberty,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sonaten für Violine und Klavier: Interpretationen von Ludwig van Beethoven, Johannes Brahms und Leos Janacek

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
Genuin
1
60:13
EAN:
BestellNr.:

4260036250046
GMP 010301-1


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Beethoven, Ludwig van
 - Sonate für Klavier und Violine G-Dur, op.3 Nr.3 -
Brahms, Johannes
 - Sonate für Violine und Klavier G-Dur op.78 -
Janácek, Leos
 - Sonate für Violine und Klavier -


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Interpret(en):Fogarassy, Laszlo
Henninger, Claudia


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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