> > > Bruckner, Anton: Symphony No.4
Montag, 6. Dezember 2021

Bruckner, Anton - Symphony No.4

Würde, Kraft und Ruhe


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Österreicher Anton Bruckner gehörte zu jenen Komponisten, die selten ein selbstverfasstes Werk als abgeschlossen betrachteten. Zeit seines Lebens korrigierte und überarbeitete er so seine Kompositionen, auf der beständigen Suche nach der ‘richtigen’ Fassung. Dieses Verhalten zeugt einerseits von einer gewissen Unsicherheit seitens des Komponisten gegenüber seinem eigenen Schaffen, verweist aber zugleich auch auf den verantwortungsvollen Umgang Bruckners mit ‘seinen’ Noten. Auch seine vierte Symphonie, der er den Beinamen ‘Die Romantische’ gab (wobei das ‘romantische’ keinesfalls programmatisch verstanden werden darf), durchlief mehrere Stationen des Reifens, sodass verschiedene Fassungen von ihr existieren. Die vorliegende Aufnahme des Orchestre de Paris unter Leitung von Christoph Eschenbach, die von dem Label Ondine im Sommer dieses Jahres veröffentlicht wurde, greift auf die von Nowak editierte Variante der Symphonie zurück, die u.a. im Finalsatz noch einmal den Hornruf des Kopfsatzes wiederholt.

Wenn Christoph Eschenbach einen Tonträger veröffentlicht, der ein so bekanntes und berühmtes Werk wie Bruckners Vierte zum Gegenstand hat, so sind die Erwartungen der Rezipienten entsprechend groß. Sehr hoch liegt die Messlatte, die andere Dirigenten mit ihrer Interpretation dieser Symphonie gelegt haben (z.B. Günter Wand), aber auch der Maßstab, den Eschenbach mit seinen früheren Arbeiten gesetzt hat, ist nicht zu verachten. Schon die ersten Takte des Kopfsatzes überraschen: Das Tempo - der erste Satz ist mit ‘Bewegt, nicht zu schnell’ überschrieben - ist deutlich langsamer als erwartet. Der signalartige Hornruf verklingt ruhig, ohne die Symphonie so recht ins Rollen zu bringen. Auch das zweite Thema wirkt aufgrund des geringen Tempos ungewohnt träge. Doch die vermeintliche ‘Fehlinterpretation’ erweist sich im Verlaufe des Satzes als wahrer Glücksfall, denn Eschenbach gelingt es mit zunehmender Laufzeit, Spannungsbogen unglaublicher Intensität zu schlagen, die einem den Atem rauben. Spätestens Mitte des Kopfsatzes wird der Zuhörer von der Wucht des grandios aufspielenden Orchestre de Paris nahezu überwältigt. Wo andere Dirigenten auf den vordergründigen Effekt aus sind (z.B. Harnoncourt), gibt Eschenbach der Sinfonie Zeit, ihre auskomponierten Steigerungen von ganz alleine zu entfalten.

Diese eingeschlagene Linie zieht sich tatsächlich durch alle vier Sätze der vorliegenden Aufnahme. Im zweiten Satz wird das Signalhafte des ersten aufgegeben und es erklingen endlos scheinende Melodiebogen, die ohne Übertreibung und Künstlichkeit auf die Zuhörer wirken können. Das Orchester bewältigt diese Aufgabe mit Bravour - wobei sich vor allem die Bratschen ein Extralob verdienen -, auch wenn gelegentliche Nebengeräusche (es handelt sich um eine Live-Aufnahme) den Hörgenuss ein wenig mindern. In die Ruhe hinein platzt das Scherzo, das in einem aberwitzigen Tempo vorgetragen wird, welches an die Grenzen der Spielbarkeit heranreicht. Trotzdem wirkt es nie hektisch und der würdevolle Charakter der Symphonie bleibt weiterhin erhalten. Der Finalsatz vollendet schließlich eine wirklich gelungene Interpretation des bekannten Werkes. Die Wechsel zwischen dramatisch-gewaltigen Themen und lyrischen Passagen gelingen ausgesprochen angenehm und natürlich und sind darüber hinaus in ihrer Dynamik wohl dosiert. Eine choralartige Coda (mit störendem Huster...) mit einer finalen spannungsreichen Steigerung beschließt Bruckners vierte Symphonie ausgesprochen feierlich und lässt die Zuschauer in einem angenehmen Hochgefühl zurück.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Martin Ballmeier,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bruckner, Anton: Symphony No.4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
29.03.2010
Medium:
EAN:

CD
0761195103029


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Bruckner, Anton


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Dirigent(en):Eschenbach, Christoph
Orchester/Ensemble:Orchestre de Paris


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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