> > > Pisendel & Dresden: Virtuosic Violin Sonatas from the Court of Saxony
Mittwoch, 29. Januar 2020

Pisendel & Dresden - Virtuosic Violin Sonatas from the Court of Saxony

Höchste Violinkunst am Dresdener Hof


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Von Johann Georg Pisendel wurde behauptet, er sei der erste deutsche Geigenvirtuose gewesen, der italienische und französische Einflüsse kongenial verband und mit eigenen Ideen zu einer individuellen Tonsprache verband (und so als ein ganz wichtiger kompositorischer Wegbereiter J.S. Bachs anzusehen sei). Leider geriet Pisendel über ziemlich lange Zeit in Vergessenheit, denn der Geniekult des 19. Jahrhunderts ließ sich auf einen scheinbar so unprätentiösen, selbstkritischen Interpreten und Komponisten kaum anwenden, hinterließ der gebürtige Mittelfranke doch ein relativ kleines ?uvre. Aus welchen Gründen dies auch immer geschehen sein mag, ob aus Mangel an Zeit neben der ausfüllenden Tätigkeit als Mitglied der Dresdener Hofkapelle oder aus einer selbstkritischen Haltung, bleibt weiteren Forschungen überlassen. Dass die wenigen erhaltenen Werke Pisendels für kleine Besetzungen jedoch nicht hinter Werken seiner Zeitgenossen zurückzustehen brauchen, zeigt diese hervorragende Einspielung.

Pisendel und seine Kollegen

Die vorliegende CD widmet sich nicht nur dem späteren Konzertmeister der Dresdener Hofkapelle, Johann Georg Pisendel, sondern auch einigen seiner komponierenden Zeitgenossen (und beinahe schon Nachfahren), Johann David Heinichen, Johann Adolf Hasse und Wilhelm Friedmann Bach. Im direkten Vergleich mit Werken dieser Komponisten wird deutlich, welch eigentümliche Tonsprache Pisendel entwarf, indem er zwar fingerbrechende, virtuose Spieltechniken der Violine forderte, diese jedoch nicht selbstgefällig-showmasterhaft herauskehrt, sondern in den Gesamtklang und den Satzverlauf einbettet.

Ohne Effekthascherei

Genau dies machen die Instrumentalisten dieser Aufnahme deutlich: Hier geht es nicht um Effekthascherei, sondern um spielerische, fein proportionierte Musik. Die hervorragende Barockviolinistin Martina Graulich tritt niemals zu sehr in den Vordergrund, immer bietet ihr das Instrumentalensemble eine ausgewogene Klanggrundlage. Das soll jedoch nicht heißen, dass der Ensembleklang als eine breiige Masse der Violine keine Entfaltungsmöglichkeit böte. Ganz im Gegenteil: Der Continuopart wird von der Cellistin, dem Lautenisten und dem Cembalisten sehr differenziert und feinfühlig gestaltet, so dass jeweils kleine Akzente gesetzt werden können, mal die Laute, mal mehr das Cembalo die Führungsrolle übernehmen kann. Diese Grundlage bildet eine hervorrage Basis für Martina Graulich, die mit klarer und ganz zarter Artikulation glänzen kann. Ihr stehen auch hochvirtuose Partien, wie in der ?Sonate in Es? eines nicht bekannten Komponisten, das Pisendel jedoch mit größter Wahrscheinlichkeit im Repertoire gehabt haben dürfte. Die umgestimmte Geige wird in wilder, an Heinrich I.F. Biber erinnernder Manier von der Violinistin zu einem Paradebeispiel von außergewöhnlichen Klangwirkungen der Skordatur (Umstimmen der Geige, hier in den Quarten B?Es).

Auch wenn gelegentlich in der Sonate für Violine Solo a-Moll von Pisendel das Spiel der Barockviolinistin etwas hell und spitz klingt, so bleibt dies doch eher die Ausnahme. Meist bringt sie den spezifisch klaren, reinen Ton der Barockgeige fabelhaft in den Gesamtklang des Ensembles ein. Das Ensemble verdient zudem in Bezug auf die Tempi weiteres Lob, da hier einmal nicht forciert wird, sondern die Musik fließen kann. Dass man durch Alte Musik nicht immer mit einem Affenzahn durchwetzen muss, zeigen diese Musiker. Es reicht, die Feingliedrigkeit dieser Musik hörbar zu machen; allein aus dieser Prämisse ergeben sich lebhafte, jedoch nicht rasante Tempogestaltungen. Eine beispielhafte Ausgewogenheit lässt sich in vielen Bereichen der Interpretation feststellen: Staccati werden nicht allzu spitz hervorgekehrt, dynamische Veränderungen deutlich, jedoch nicht knallig eingesetzt. Das Spiel der Instrumentalisten ist durchweg keineswegs effekthaschend, sondern differenziert und engagiert. Die Balance der Instrumentalisten ist vorbildlich, die Solostimme wirkt an keiner Stelle künstlich hervorgeholt.

Im Doppelpack

Wie das im Stuttgarter Carus-Verlag schon fast Programm wurde, werden auch die Notenausgabe und die Aufnahme in zeitlicher Nähe auf den Markt kommen. So bietet man ausführenden Musikern die Gelegenheit, neue Werke kennen zu lernen und gleichzeitig den (im Gegensatz zu den ?spielenden?) ?hörenden? Musikliebhabern die Möglichkeit, neue Werke kennen zu lernen. Wissenschaftliche Notenausgabe und Tonträgerproduktion für Interessierte geht einmal mehr Hand in Hand, eine durchaus zu lobende Art und Weise, Neuerschließungen von Quellen nicht nur den Wissenschaftlern bekannt und schmackhaft zu machen.
Alles in allem kann man diese Produktion nur loben: Das Ensemble spielt sehr homogen und differenziert. So kann Pisendels Musik wieder optimal zum Leben erweckt werden. Der Klang ist gut und trotzdem entsteht manchmal der Eindruck, als sei der Aufnahmeort nicht optimal gewählt. Was an Tiefenstaffelung des Ensembleklangs fehlt, soll durch die Weite des Raumes wiedergewonnen werden. Das geht leider nicht ganz auf. Doch ist dies nur ein kleiner, fast verschwindender Wermutstropfen. Das Booklet ist interessant geschrieben und bietet Informationen, die den Hörer vielleicht in diese Richtung (Pisendel und seine Zeitgenossen) ?weiterhören? lassen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Pisendel & Dresden: Virtuosic Violin Sonatas from the Court of Saxony

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Carus
1
01.04.2004
Medium:
EAN:

CD
4009350831629


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Bach, Wilhelm Friedemann
Hasse, Johann Adolf
Heinichen, Johann David
Pisendel, Johann Georg


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Interpret(en):Graulich, Martina
Petersilge, Ute
Boysen, Thomas C.
Demicheli, Stefano


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Carus

Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


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