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Sonntag, 16. Januar 2022

Monteverdi - Cavalli - Missa

Musik der Zeitenwende


Label/Verlag: Stradivarius
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Vor allem mehr oder weniger klar abzugrenzende Stilepochen prägen das Bild, das unsere Zeit von der musikalischen Vergangenheit hat: Was schon Klassik und was noch Barock sei, kann da – zugegeben nicht selten allzu oberflächlich – unterschieden werden und macht manchem den Überblick etwas leichter. Doch stets sind die Situationen von besonderem Interesse, in denen sich die Komponisten schon dem Neuen zuwenden, da das Alte noch die bestimmende Größe des musikalischen Lebens ist. Wenn dann ein Meister beider Stile, des traditionellen wie des modernen, sich daran macht, das Überkommene noch einmal im Licht der Innovation herauszustellen und als Exempel zu präsentieren, dann verspricht das etwas Besonderes. Zweifellos kann dies für Claudio Monteverdis ‚Missa in illo tempore’ nach Themen der Motette Gomberts gelten. 1610 als Teil einer größeren Sammlung geistlicher Musik veröffentlicht, komprimiert Monteverdi in dieser Messe alle Techniken und Tugenden der ‚prima prattica’, also jenes Stils, der die Renaissancemusik bestimmt hatte und für die katholische Kirchenmusik noch lange von herausragender Bedeutung blieb. Die zeitgleich veröffentlichte ‚Marienvesper’ dagegen stellte bereits einen frühen Höhepunkt des neuen konzertanten Stils dar, der sich im folgenden Jahrhundert immer weiter entwickeln sollte.
Mit größter Akribie arbeitete Monteverdi daran, ein geradezu idealtypisches Beispiel kontrapunktischer Messvertonung zu geben. So entstand ein Werk strenger Spätblüte des vokalpolyphonen Stils, dessen klare Regeln aber immer wieder durch das Genie des Komponisten individuell transzendiert wurden. Dieser persönliche Zugriff auf das Material und die Regeln findet seinen Ausdruck in außerordentlich expressiven Durchgängen und charakteristischen Dissonanzen. Doch auch der schon reife und musikalisch außerordentlich potente Modernisierer zeigt sich, wenn im ‚Et incarnatus est’ des ‚Credo’ überraschende harmonische Wendungen beeindrucken. Monteverdi war ohne Zweifel ein Großmeister des Übergangs, der sowohl einen gleichsam beschließenden Höhepunkt des Traditionellen markierte als auch den neuen Stil ganz wesentlich mitprägte.

Und noch immer: Die Auseinandersetzung mit der Tradition

Francesco Cavalli hingegen, mehr als eine Generation jünger als Monteverdi, war bereits ein Meister der neuen Zeit. Gleichwohl finden wir ihn 1617 als Sänger an San Marco in Venedig, zu einer Zeit, in der dort bereits Claudio Monteverdi als Kapellmeister wirkte. So geprägt, avancierte der junge Komponist zu einem der bedeutendsten Opernkomponisten jener Zeit, unter anderem mit der ehrenvollen Komposition der Festoper zur Hochzeit Ludwigs XIV. 1662 betraut. Zwar spielte die Sakralmusik in seinem Schaffen eine untergeordnete Rolle, doch war er als Organist und später auch als Kapellmeister - und damit einer der Nachfolger Monteverdis am Markusdom in Venedig – der Kirchenmusik zeitlebens verbunden. 1675, im Jahr vor seinem Tod, führte Cavalli ebendort eine große Totenmesse auf, die sich durch eine Hinwendung zu den musikalischen Wurzeln auszeichnet: Nach der jahrzehntelangen Dominanz des Instrumentalen, des Solistischen, des Dramatisch-Affektvollen folgt Cavalli mit diesem Werk einem Trend der Hinwendung zum Schlichteren, zum bloß orgelbegleiteten a-cappella-Gesang. Dass dies zwar am alten Stil orientiert ist, die Erfahrungen des langen 17. Jahrhunderts gleichwohl nicht leugnen kann, überrascht nicht.
Cavalli führt den Chor und die kleinen eingelagerten Ensembles mit viel Sinn für dramatische Wechsel und kontrastiert das lineare Moment mit einer übersichtlichen Binnengliederung. Den gewichtigen kompositorischen Höhepunkt bildet das umfangreiche ‚Dies Irae’ mit seiner freieren Führung der Stimmen, mit den bewusst gesetzten vokalen Effekten. Die eher stillen Ensembles gehören denn auch zum kompositorischen Kern des Werkes. Vor allem der Verzicht auf das Instrumentale und auf den affektgeladenen Sologesang bildet den stilistischen Rückgriff auf die vorbarocke Zeit. Gleichwohl zeigt sich Cavalli auch in dieser Komposition als Meister des Dramatischen, als einfühlsamer Kenner des menschlichen Seelenlebens.

Zwei Seiten: Die Musik und die Interpretation

Angemessen schmal besetzt präsentiert sich das italienische Ensemble ‚Cantica Symphonia’, das bei ‚Stradivarius’ bereits mit Einspielungen von Motetten und Messen Guillaume Dufays und Constanzo Festas hervortrat. Vergleichsweise frische Tempi lassen keinen unnötig großen Respekt vor der Musik erkennen – es geht dem Ensemble um das Musizieren. Das vollzieht sich in einem eher kraftvollen Zugriff, die Differenzen werden plastisch herausgearbeitet. Zwar verrät die Intonation keine erkennbaren Schwächen, sind vor allem die solistisch vorgetragenen Ensembles hervorragend ausgehört und in geglückter Balance besetzt, jedoch weiß der Gesamtklang nicht so recht zu befriedigen: Vielleicht ist manch breite Schlussgestaltung doch zu sehr forciert, ist die Mischung der Stimmen zuungunsten der Durchhörbarkeit zu stark, sind einige verunklarende Raumeffekte auch der technischen Realisierung anzulasten – allerhöchsten Ansprüchen an einen reinen, fließenden Klang vokalpolyphoner Prägung genügt die vorliegende Aufnahme nicht immer. Auch die Entscheidung, Monteverdis Messe mit einer unterstützenden Orgel zu interpretieren, muss in diesem Zusammenhang zumindest als unglücklich bezeichnet werden.
Gleichwohl ist dies eine Aufnahme, die ein diszipliniertes und stilerfahrenes Ensemble präsentiert, das in großen und tragfähigen Bögen gestaltet. Chorisch liegen die Stärken sicher in den bewegteren Abschnitten, wurde vielleicht hier und da zu sehr auf die Klangwirkung gesetzt, anstatt der Musik noch mehr zu vertrauen und ihr noch mehr Raum zur Entfaltung zu geben – denn dass es sich um große und gehaltvolle Musik handelt, steht ganz außer Zweifel.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Monteverdi - Cavalli: Missa

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Stradivarius
1
24.11.2006
Medium:
EAN:

CD
8011570336651


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Cavalli, Francesco
Monteverdi, Claudio


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Dirigent(en):Maletto, Giuseppe
Orchester/Ensemble:Cantica Symphonia


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Stradivarius

Das 1988 gegründete Label STRADIVARIUS hat sich auf dem internationalen Markt als unabhängige Schallplattenfirma durchgesetzt, die vor allem auf zwei musikalische Gattungen spezialisiert ist: klassisch - aus der Renaissance und dem Barock - (mit der Reihe Dulcimer) und zeitgenössisch (mit der Reihe Times Future). Diese programmatische Entscheidung kommt aus dem Willen, eine ganz bestimmte und bezeichnende Rolle im heutigen Schallplattenumfeld zu spielen. Insbesondere hat STRADIVARIUS immer das Ziel verfolgt, den Vorrang italienischen Komponisten und Interpreten zu geben, um die bemerkenswertesten italienischen Kulturdarsteller auf aller Welt kennenlernen zu lassen.

In einem weiten Bereich ist STRADIVARIUS tätig: geistige, säkulare, Vokal-, Instrumental-, Solo-, Kammer- und Orchestermusik. Es gibt viele Beispiele seltener Registrieren, die als außerordentliche Kunstwerke weltweit betrachtet werden, wie zum Beispiel die Serie Un homme de concert, die die Zusammenarbeit mit dem berühmten Sviatoslav Richter offiziell festgelegt hat.

Was das zeitgenössische Repertoire betrifft, ist STRADIVARIUS im Laufe der Jahre, dank der Reihe Times Future, ein Bezugspunkt geworden, indem sie Werke von Franco Donatoni, Salvatore Sciarrino, Bruno Maderna, Goffredo Petrassi, Ivan Fedele, Luis De Pablo, Toshio Hosokawa und viele andere veröffentlicht hat.

Bruno Canino, René Clemencic, Alan Curtis, Emilia Fadini, Monica Huggett, Lucas Pfaff, Arturo Tamayo, Maggio Musicale Fiorentino, Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI, Orchestra Verdi di Milano, Orchestre Philarmonique de Radio France, Orquesta y Coro de Madrid: Sie sind nur einige der Musiker und Formationen, die CDs für STRADIVARIUS aufgenommen haben.

Mit der Zeit ist das Bedürfnis entstanden, den Verlegervorschlag weiter zu diversifizieren; dadurch sind wichtige Reihen geboren, und zwar Guitar Collection (unter der Leitung von Frédéric Zigante), Ricordi Oggi (Ergebnis der Zusammenarbeit unter Stradivarius, dem Ricordi Universal Verlag und den Erben des Malers Emilio Tadini) und Milano Musica Festival (in Zusammenarbeit mit Milano Musica und RAI Radio3). Letzte in zeitlicher Reihenfolge ist die Landscape Serie, mit der STRADIVARIUS ihre Bereitschaft beweist, innovative Projekte zu verwirklichen.


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