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Sonntag, 5. Dezember 2021

Britten, Benjamin - Billy Budd

Billy Budd, König der Welt


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Und es ist wieder ein Seestück geworden. Mit Billy Budd begibt sich Benjamin Britten zum zweiten Mal auf die stürmische See, die ihm ja im Falle von Peter Grimes große Sympathien eingebracht hat. Zwar konnte Britten damit an die großen Erfolge des Vorgängers nicht anschließen, doch schuf er dabei ein psychologisches Werk, welches spannend wie die ‘Meuterei auf der Bounty’ den Zuschauer vom ersten Moment an fesselt. Man wird entführt in die Welt der Koalitionskriege, wo jedoch nicht das eigentliche Kriegsgeschehen im Mittelpunkt steht, sondern der Umgang der Menschen miteinadner in dieser Zeit. Schauplatz ist das britischen Kriegsschiff ‘Imdomitable’ unter dem Befehl von Edward Fairfax Vere.
Veres Erinnerungen entspringt die Geschichte, die ihm, obwohl bereits viele Jahre vergangen sind, nicht aus dem Kopf geht. Er wird von Schuldgefühlen geplagt, weil er Billy Budd, seinen ‘Engel’, wie er ihn nennt, nicht retten konnte. Billy Budd wird Opfer einer Intrige, angezettelt von John Claggart. Dieser hasst ihn bereits von dem Moment an, als er das Schiff betritt. Er will ihn loswerden und findet einen Weg, indem er ihn wegen Meuterei anklagt. Doch sein ursprünglicher Plan schlägt fehl. Als es zur Gegenüberstellung kommt, kann Billy der Meuterei nicht überführt werden. Doch es kommt zum Schicksalsschlag für Billy: Verwirrt durch die falschen Anschuldigungen, kann er sich nicht anders helfen und erschlägt Claggert.
Es ist nicht allein Brittens Faszination für die See, die in diesem Werk thematisiert wird; auch andere zentrale Themen wie die Jugend und deren Zerstörung, der Kampf zwischen Gut und Böse finden Gehör. Vor allem ersteres wird hier zum roten Faden, der den Blick von Gut und Böse, von Feind und Freund schnell verschwimmen lässt.

Wenn sich der Vorhang hebt, fällt der Blick auf einen stark gealterten Kapitän, der sich auf dem Weg zum Glauben befindet und versucht, Erlösung zu finden. Sein Weg ist metaphorisch mit Bibeln gesäumt. Doch es gelingt ihm nicht lange sich in dieser sakralen Welt zu halten. Er wird übermannt von seinen Gedanken und der Glaube, die Stütze seines Alters, wird zum Putzlumpen der Vergangenheit.
Wer nach diesem Auftakt erwartet eine besonders symbollastige Inszenierung zu sehen, wird enttäuscht. Mit Ausnahme von kleineren Ausflügen in die Symbolik liefert Tim Albery genau das, was man erwartet: ein Schiff, Matrosen, Offiziere, Seemänner, in die historischen Kostüme der Zeit der Koalitionskriege. Auf Requisiten wird fast vollkommen verzichtet. Lediglich Veres Kabine wird mit Hilfe von mehreren Stühlen umrissen. Ansonsten bleibt die Bühne weit und leer, doch vor allem dunkel. Albery versucht durch Lichteffekte die Charaktere hervorzuheben, was ihm nicht sonderlich gut gelingt. Zum einen verlaufen aktive Teile der Handlung im Dunkeln. Zum anderen unterstützt er düstere und traurigen Geschehnisse, wie den Auftritt Claggerts oder den Abschieds Billys von Dansker, nicht durch die entsprechenden Lichtstimmungen. Stattdessen zeichnet sich seine Interpretation durch gut durchdachte Personenregie aus. Dabei gelingt es ihm mit einfachen Mitteln, die Isolation und die Frustration zu verdeutlichen. Er setzt dabei jede der Figuren in eine eigene Welt, aus der sie nur erlöst werden kann, wenn ihr jemand den Weg weist. Diese Funktion übernimmt Billy für Vere. Durch seinen Fleiß, seine Loyalität und seine Liebe gelingt es ihm Vere zu überzeugen, sein Schneckenhaus zu verlassen und sich der Welt zu stellen. Claggert hingegen bleibt ein Gefangener seiner eigenen Welt, dem Billy mit Ausnahme von Respekt nur wenig entgegen bringt. Der Grund für diese Abneigung bleibt in der Inszenierung ein Rätsel.

Die tiefenpsychologische Deutung greift David Atherton in seinem Dirigat auf. Geradlinig und mit farbenreicher, expressiver Art durchleuchtet er die Abgründe der Protagonisten und liefert den Einblick in die Seele, die dem Zuschauer durch die Inszenierung versagt bleiben. Besonders die Charakterisierung von Vere und Billy Budd gelingt ihm dabei äußerst vielseitig.
Bei der gesanglichen Besetzung wurden von der English National Opera London keine Wünsche offen gelassen. Egal ob Sir Thomas Allen als Billy Budd, Philip Langridge als Edward Fairfax Vere oder Richard van Allen als John Claggert, alle drei beweisen ihr künstlerisches Potential, nutzen es in voller Bandbreite und treten damit wieder den Beweis an, warum sich alle drei gerade mit Partien Brittens einen Namen gemacht haben. Dennoch muss man im Falle Richard von Allans anmerken, dass seine Interpretation deutlich anders gewichtet scheint als üblich. Statt seiner Rolle ein bösartiges, prägnantes Profil zu verleihen, prägt er sie eiskalt und brechend. Der Charakter wird zwar grundlegend deutlich, aber trotzdem bleibt er die Antwort schuldig, warum gerade er der Mann mit der meisten Macht auf diesem Schiff ist.

Auch wenn stellenweise kleinere Ungereimtheiten auftauchen, so können sie die Wirkung dieser Aufnahme nur gering mindern. Die Einspielung besitzt sowohl szenisch als auch musikalisch Hand und Fuß.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:





Kritik von Daniel Hackenberg,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Britten, Benjamin: Billy Budd

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Arthaus Musik
1
13.04.2004
155:00
1988
Medium:
EAN:
BestellNr.:

DVD
4006680102788
100 278


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Britten, Benjamin


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Dirigent(en):Atherton, David
Handley, Martin
Drummond, David
Orchester/Ensemble:English National Opera Orchestra


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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