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Montag, 12. April 2021

Prokofieff, Sergei - War and Peace

Klippen umschifft!


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


‘Krieg und Frieden’ gehört nicht gerade zu den Opern, die es einem leicht machen, sich in sie zu verlieben. Dieses Monumentalwerk, das in den Schrecken des zweiten Weltkrieges entstand, sprengt jegliche Dimensionen. Nicht weniger als 60 Akteure sind für die Bühnenhandlung notwendig. Das ist zwar rekordverdächtig, birgt aber auch die Gefahr, das Publikum zu erschlagen, das seine liebe Not damit hat, die handelnden Personen auseinander- und Orientierungspunkte festzuhalten. Die episodenhafte Adaption der berühmten Vorlage Tolstois erschwert eine Identifikation mit den Charakteren, was in Konflikt zu dem inhaltlich wie erzählerisch konventionellem Libretto steht. Diese Gegensätze erklären sich jedoch nicht allein aus der Breite der literarischen Vorlage, sondern haben vor allem mit der Entstehungsgeschichte der Oper zu tun.

Stalinistische Grand Opéra
Prokofieff hatte sich zwar schon vor dem Eintritt der Sowjetunion in den Zweiten Weltkrieg für den Roman Tolstois interessiert, während der Arbeiten am Werk wurde ihm jedoch vom Regime die platte Parallelisierung des Stoffes zum damals aktuellen, kriegerischen Zeitgeschehen aufgezwungen. Das ging nicht nur auf Kosten der detaillierten gesellschaftskritischen Schilderung Tolstois, sondern gefährdete auch die Struktur des Werkes insgesamt. Die Folgen des Ringens mit der stalinistischen Zensur sind bis heute nachhaltig spürbar. Vor allem die Rolle des Chores wurde, wie vom Regime angeordnet, überbetont und als das agierende sowjet-kommunistische Kollektiv in Szene gesetzt.
Musikalisch bleibt die Oper ganz im Sinne des sowjetischen Realismus der Vergangenheit zugewandt. Vor allem die Rückbezuge auf die russische Operntradition sind unverkennbar. Schmachtende Geigen, über die die Gesangsstimmen frei dahinfließen, erinnern aber auch an Puccini oder zeitgenössische italienische Komponisten. Modernität entfaltet sich lediglich durch die Hintertür, wo Dissonanzfärbungen den Ton karikieren. Die Betonung des heldischen Volkes in breit angelegten Chorpassagen, die Korrekturen der Handlung, sowie diverse fremde Texteinschübe scheinen das Thema und die kompositorischen Fähigkeiten Prokofieffs überspannt, ja behindert zu haben. Somit zeigt er sich in seinem Spätwerk leider nicht als der authentische und in vielen Momenten geniale Musiker, der uns in anderen seiner Kompositionen entgegentritt.

Kritiklos
Kann man sich damit noch arrangieren, stößt man sich spätestens an den schier endlosen, fast oratorienhaften Lobliedern auf das russische Volk, das ‘großartigste aller Völker’, seine Stärke, seine Größe und seine tapferen Söhne, die immer wieder variiert, vor allem den zweiten Teil der Oper beherrschen. Ebenso fremdartig-patriotisch wirken die Arien, in denen Pathos und Todesverachtung, blinde Vaterlandsliebe und kriegerische Töne einander ablösen. Besondere Brisanz erhalten diese Passagen auch heute noch dadurch, dass so mancher Begriff nicht nur überholt wirkt, sondern in seiner Aussage auch vor dem Hintergrund des Stalinistischen Terrors bedenklich bleibt.
Gerade für die heutigen Bühnen bietet ein solches Thema nicht nur Schwierigkeiten, sondern auch ein gerütteltes Maß an Entfaltungsmöglichkeiten und Stoff für Auseinandersetzung. 1991 versuchte sich die Kirov-Oper in Zusammenarbeit mit der Opéra de la Bastille und dem Royal Opera House an einer Inszenierung. Mit dem Briten Graham Vick wurde ein bekannter Regisseur verpflichtet, dessen Inszenierung leider stets dicht an der Vorlage verblieb. Inhaltliche Klippen umschiffte er virtuos und ließ eine differenzierte Sicht, ja Distanz vermissen. Lediglich die Bühnenbilder Timothy O’Briens, nahm umso entschiedener Abstand ein. Die abstrahierten Bühnenbilder ermöglichten geschickte Verwandlungen und hielten sich von sentimentalem Glatteis fern. Dafür schien die Requisite dieses Konzept torpedieren zu wollen. Die Kubischen Mauern und expressiven Spielebenen O’Briens hatten es gegen üppige Chaiselongues mit aufmontierten Plüschpapageien und echte Windhunde schwer.

Große Sängerleistung
Dagegen stehen die großen künstlerischen Leistungen der Sänger, sowie der hervorragende Chor und das präzise Orchesters der Kirov Oper unter Valéry Gergiev. Gergiev ging die Partitur energetisch an und ließ sich auf den elegischen Ton der Musik ein. Dies kam vor allem den Sängern zugute. Allen voran überzeugte das Liebespaar Andrei und Natalya, die von Alexander Gergalov und Yelena Prochina mit schönen, lyrischen Stimmen und eleganter Stimmführung gesungen wurden. Aber auch Olga Borodina, deren Leistungen fast immer überzeugen, als Helène und vor allem der Napoleon Bonaparte von Vassily Gerrelo, der die interessanteste Partie der Oper stimmlich und darstellerisch mit Leben erfüllte, hielten das hohe Niveau der Aufführung. Von daher ist die neue DVD, die Arthaus zu der Inszenierung des Kirov herausgegeben hat, dank solider Aufnahmetechnik und ansprechender technischer Umsetzung eine echte Alternative zu den dünn gesäten Gesamtaufnahmen des Werkes auf dem Plattenmarkt. Wer das Werk gerne kennenlernen möchte und nicht gerade auf der Suche nach einer idealen Inszenierung ist, sollte diese Möglichkeit überdenken.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Prokofieff, Sergei: War and Peace

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Arthaus Musik
2
13.04.2004
240:00
1991
Medium:
EAN:
BestellNr.:

DVD
4006680103709
100 370


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Prokofieff, Sergej


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Dirigent(en):Gergiev, Valery
Orchester/Ensemble:Kirov Orchestra


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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