> > > Weber, Carl Maria von: Klavierkonzerte - Klavierkonzerte f-Moll
Montag, 26. Juli 2021

Weber, Carl Maria von - Klavierkonzerte - Klavierkonzerte f-Moll

Zwischen den Stühlen


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Für Carl Maria von Weber gilt, dass er als Komponist zwar hochgeschätzt, jedoch gleichzeitig zu wenig gewürdigt wird. Dass es ohne Weber keine Wagner-Opern gäbe und auch kein Schumannsches Klavier-Konzert liegt auf der Hand. Trotzdem bleibt Weber bis heute - von den Opern und einigen sehr populären Einzelwerken - im Musikbetrieb merkwürdig unterrepräsentiert, sowohl was den Plattenmarkt betrifft wie aber auch die Forschung (kleiner Wink an zukünftige Doktoranden). Das hat zum einen ganz triviale Gründe (wie etwa die Tatsache, dass einige Partituren lange Zeit verschollen waren), teilweise liegt es aber auch daran, dass Weber nicht leicht einzuordnen ist - weder als Mensch noch als Komponist.
Weber war synästhetisch veranlagt und darüber hinaus ein Prototyp des romantischen Komponisten-Literaten wie es auch E.T.A. Hoffmann oder Robert Schumann waren. Wenn Weber eine Alltagssituation beobachtete, erlebte er diese Situation durchaus auch in Tönen. Gleichzeitig erlebte er bei musikalischen Eindrücken auch immer einen visuellen Eindruck. Als reinen Musiker verstand er sich nicht: Obwohl er als Komponist, Pianist, Dirigent und auch Gitarrenspieler durchaus für Furore sorgte, schwankte er wie Schumann oder Hoffmann lange zwischen einer Laufbahn als Dichter und einem Leben als Musiker hin und her. Er arbeitete an Gedichten und Romanen und trat auch als Musikschriftsteller hervor. Dass Weber etwas schwieriger zu fassen ist als Schumann liegt nicht nur an seiner etwas weniger spektakulären Biographie, sondern auch daran, dass er mehr als viele prominente Kollegen zwischen zwei Epochen steckte. Während in der Musik die ‚Klassik‘ noch in vollem Gange war, hatte man in der Literatur bereits längst die ‚Romantik‘ für sich entdeckt. Es ist ein eigenartiges Phänomen, dass die Romantik in der Musik nicht nur Jahre, sondern Jahrzehnte der ‚literarischen Romantik‘ hinterherhinkte. Weber war im Geiste bereits längst ein Romantiker, komponierte aber teilweise nicht nur wie ein Klassiker, sondern sogar wie ein Vorklassiker - wenn auch mit zukunftsweisenden Anklängen. Diese Zwischen-den-Stühlen-Situation macht es nicht leicht, den richtigen Tonfall für Weber zu finden: soll man seine Musik nun als Ausdruck der Romantik auffassen und interpretieren? Oder steht Weber doch nicht viel näher an Haydn?

Poetischer Gegenentwurf
Die vorliegende CD enthält das vergleichsweise häufig zu hörende Konzertstück f-moll für Klavier und Orchester (1821) sowie die weitaus seltener aufgeführten beiden Klavierkonzerte von Carl Maria von Weber (1810, 1812). Peter Rösel wird dabei von der Staatskapelle Dresden und Herbert Blomstedt unterstützt. Die Aufnahme stammt zwar bereits von 1984, trotzdem erscheint eine Neuauflage allein schon deswegen sinnvoll, weil zumindest die Klavierkonzerte nach wie vor kaum gespielt werden. Weber schrieb seine beiden Klavierkonzerte zu einer Zeit, als die großen romantischen Klavierkomponisten wie Schumann, Chopin und Liszt noch in der Wiege lagen oder noch nicht einmal geboren waren. Ein direkter Vergleich mit den Konzerten dieser Pianisten ist daher nur bedingt sinnvoll. Tatsache ist, dass gerade im ersten Klavierkonzert Webers noch viel Vorsicht zu spüren ist: Weber scheint die Form erst zu testen, komponiert teilweise einen etwas konventionellen Stil, aber auch mit ‚Virtuosen-Futter‘ wie einer sich über sage und schreibe 14 Takte hinziehenden Oktavtrillerkette (zum Glück auf zwei Hände verteilt) oder auch einen viertaktigen Dreifachtriller (Beethoven lässt grüßen). Weitaus mutiger geht es dann schon in seinem zweiten Konzert zu, das viele rhapsodische Passagen enthält, ja auch ein bisschen kapriziös wie aber auch poetisch ist. Noch mehr gilt dies für das f-moll-Konzertstück, in dem sich Weber immer mehr Freiheiten herausarbeitet, gleichzeitig beispielsweise aber auch eine Passage aus Beethovens ‚Sturm-Sonate‘ op. 31/2 fast ‚wörtlich‘ zitiert.

Das Etikett des hochgeschätzten, aber gleichzeitig zu wenig gewürdigten Musikers, trifft nicht nur auf Weber, sondern auch auf den Pianisten Peter Rösel zu. Rösel gehört zu den Pianisten, von denen man sagen kann, dass sie nie auf billige Effekte setzen. Er könnte sich seine Karriere sicherlich heute ‚leichter‘ machen, doch er bleibt dabei - zum Glück. Gerade in den ruhigeren Passagen wird dies deutlich. Das wirkt auf geradezu erleichternde Weise nachdenklich, poetisch und versonnen - wie ein Gegenentwurf zum grellen, lauten Zirkusbetrieb, der einen nicht unerheblichen Raum im Klassik-Geschäft einnimmt. Rösels Phrasierung ist ausgesprochen sorgfältig und wird sehr durchdacht eingesetzt. Das Gleiche gilt für den Gesamtaufbau. So werden harmonische Verläufe und Verrückungen aufgezeigt, ebenso wie die Bedeutung von Brüchen, Zäsuren und Pausen für melodische Verläufe - weitaus mehr übrigens als dies Herbert Blomstedt im Orchester zeigt, der den Schwankungen und Gegensätzen weniger Bedeutung zumisst als Rösel. Die Unsicherheiten, wo denn Weber letztlich ‚einzuordnen‘ ist, scheinen sich auch ein wenig in dieser Aufnahme widerzuspiegeln: Sicher gibt es Brüche und Verrückungen in dieser Musik. Und klar ist auch: es geht nicht so weit wie bei Schubert. Aber die Ansichten darüber, wie weit man gehen sollte, scheinen zwischen Rösel und Blomstedt durchaus ein wenig unterschiedlich zu sein. Dies gilt auch hinsichtlich des dramatischen Aufbaus - eigentlich eines Spezialität Rösels. Der Auf- und Abbau von Spannung und die Steigerungen in Finalsituationen fallen hier vergleichsweise gemäßigt aus, was wieder zur Ausgangsfrage zurückwirft: ist Weber eher ein Vorklassiker oder ein romantischer Phantast, der eigentlich die Steilvorlage für das Schumann-Konzert komponiert hat? Rösel und Blomstedt versuchen einen Kompromiss, wobei Rösels Sichtweise einen Tick mehr in Richtung Romantik zu weisen scheint.

Der Klang ist leider ein bisschen scharf und erinnert daran, dass hinsichtlich der Aufnahmetechnik - trotz aller Aufbereitungen - in den vergangenen zwanzig Jahren viel passiert ist. Dazu kommt, dass das Klavier sehr im Vordergrund steht. Das hat zwar auch kompositorische Gründe, doch wird dies in der Aufnahme eher noch unterstrichen, was ein bisschen schade ist - schließlich zeigt sich gerade hinsichtlich der geistreichen Orchestrierung viel von Webers Klangsinn. Das Beiheft enthält einen kurzen Einführungstext und eine Kurzbiographie zu Rösel, beides in deutscher und englischer Sprache.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Annette Lamberty,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Weber, Carl Maria von: Klavierkonzerte - Klavierkonzerte f-Moll

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
1
29.03.2004
Medium:
EAN:

CD
0782124132620


Cover vergössern

Weber, Carl Maria von


Cover vergössern

Dirigent(en):Blomstedt, Herbert
Orchester/Ensemble:Sächsische Staatskapelle Dresden
Interpret(en):Rösel, Peter


Cover vergössern

Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Berlin Classics:

  • Zur Kritik... Tenorhits im orchestralen Luxusgewand: Peter Schreier zeigt sich auf dem erstmals digitalisierten Album 'Schöne strahlende Welt' von ungewohnter Seite und begibt sich in die Welt der leichten Muse. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Hochglanzveröffentlichung: Ein Konzertmitschnitt aus dem Corona-Sommer 2020 – ohne nachhaltige künstlerische Bedeutung. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Das Leben der anderen (Dirigenten): Auf einer bunten 5-CD-Kollektion wird die langjährige Zusammenarbeit zwischen Otmar Suitner und der Staatskapelle Berlin in der DDR gewürdigt. Die hochwertigen Mitschnitte stellen auf dem heutigen Plattenmarkt allerdings nur noch Randnotizen dar. Weiter...
    (Daniel Eberhard, )
blättern

Alle Kritiken von Berlin Classics...

Weitere CD-Besprechungen von Annette Lamberty:

blättern

Alle Kritiken von Annette Lamberty...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (1/2021) herunterladen (2500 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2021) herunterladen (3560 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich