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Sonntag, 21. Juli 2019

Wagner, Richard - Lieder

Altlust II


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Gott sei Dank ? sie sind vorbei, die Zeiten, in denen ein Stacheldrahtzaun quer durch Deutschland ging. Die DDR ist Vergangenheit, aber Unterschiede gibt es dafür immer noch genug in den Städten an Oder und Main, selbst wenn sie beide Frankfurt heißen. Der Lebensstandard ist im Osten noch ein Stück davon entfernt, westliches Maß zu erreichen und es wird wohl noch lange dauern, bis das schwere Erbe des Kommunismus aufgearbeitet ist. Aber nicht jede Altlast der DDR lastet wirklich so schwer. Auf wenigen Gebieten wird das deutlicher als in der Musik. Besonders im Bereich der Oper ist längst klar, dass die neuen Stars an deutschen Bühnen eher aus Sachsen, Brandenburg oder Thüringen, als vom Bodensee oder aus dem Schwarzwald kommen. Und das ist kein Zufall. In der hermetisch vom westlichen Einfluss abgeschirmten Ostzone konnte sich etwas bis in unsere globalisierte Zeit hinein retten, was in allen westlichen Kulturnationen längst ferne Vergangenheit ist: eine lebendige Ensemblekultur mit einem eindeutig wieder erkennbarem, idiomatischen Klang und Charakter. Nicht vergessen sei die massive staatliche Unterstützung, die das ihrige dazu tat, wahre Spitzenkräfte auszubilden. Von solcher Qualität und Förderung ist man im Westen Deutschlands seit Jahrzehnten meilenweit entfernt und kann nur hoffen, dass dies nun nicht auf den Osten übergreift, wenn es das nicht schon längst getan hat.

Kunst unter Stasi-Einfluss
Dennoch sollte man sich davor hüten, in eine vergangenheitsselige Verklärung eines unmenschlichen Systems abzugleiten. Die DDR hatte an Schattenseiten mehr als genug; und die konnten auch schnell die sonst so privilegierten Künstler zu spüren bekommen, wenn sie ihrer kommunistischen Heimat aus welchen Gründen auch immer verdächtig vorkamen. Auf die Spuren dieser dunklen Kapitel trifft man auch heute noch allerorten. Das Label Berlin Classics widmet sich in seiner kleinen aber feinen Serie reference den großen Opernstimmen ostdeutscher Sänger. Dass manche der dort veröffentlichten Namen dem westeuropäischen Publikum so gut wie gar nichts sagen wollen, geht eindeutig auf das Konto der SED. Die hat unter anderem dafür gesorgt, dass eine Sängerin wie Hanne-Lore Kuhse bis heute im Westen längst nicht so bekannt ist, wie sie es verdient hätte. Die in Schwaan in Mecklenburg geborene Sopranistin studierte in Rostock und Berlin. Danach kam sie über Gera, Schwerin und Leipzig 1964 an die Berliner Staatsoper. Ihr Repertoire konzentrierte sich auf die dramatischen Partien der italienischen wie deutschen Oper, so dass sie von Mozart über Verdi und Puccini bis hin zu Wagner und Strauss fast alles singen konnte. Hanne-Lore Kuhse stieg in der DDR und dem kommunistischen Ausland schnell zu Ruhm. Ausflüge an die Opernhäuser des Klassenfeindes gab es dafür nur wenige und die Stasi verhinderte, dass die Einladungen der MET in New York sie je erreichten.

Wertvoll
Umso wertvoller ist diese Wiederveröffentlichung, die das Können der Sängerin bestens dokumentiert. Ausschnitt aus den Möglichkeiten einer besonderen Stimme bietet. Der volle und weich dahinströmende Klang ihres Soprans entfaltet sich in den Wesendonck-Liedern Richard Wagners und den Vier letzten Liedern von Strauss, die Vaclav Neumann sängerfreundlich und fein nuanciert vom Gewandhausorchester begleiten lässt. Gerade Titel wie Wagners ?Träume? oder Straussens ?Beim Schlafengehen? zeigen die lyrischen Qualitäten der Kuhse. In den expressiven frühen Liedern von Alban Berg werden dafür ihre dramatischen Fähigkeiten gefordert. Diese Frühwerke Bergs werden selten genug und dann meistens in der Orchesterfassung eingespielt. In der vorliegenden Aufnahme wurde auf die Klavierfassung der Lieder zurückgegriffen, die eine überraschend romantische Lesart dieser doch modernen Stücke ermöglicht. Die agogische Behandlung der Melodiebögen und das feine Zusammenspiel mit dem Pianisten Helmut Oertel offenbaren die formale Nähe dieser Stücke zu Brahms. Einen schönen und nicht minder seltenen Abschluss der CD bilden die subtil-humorvollen Lieder Max Regers, in denen sich die Darstellerin Hanne-Lore Kuhse ausleben kann. Auch wenn die CD nur die Liedinterpretin Kuhse vorstellt, so ermöglicht sie doch ein ziemlich genaues Bild einer Sängerin, die in Rollen wie Senta, Elsa, Isolde und Brünnhilde brillierte.

Traumhaft
Theo Adam war zwar auch ein Sänger in der DDR, seine Karriere blieb aber vom negativen Einfluss der Staatsführung mehr oder weniger unberührt. Das brachte ihm auch die Popularität ein, die er bis heute unter Wagnerfreunden hüben wie drüben genießt. Theo Adams Bedeutung ist unbestritten, sein Hans Sachs, sein Holländer Legende. Mit dieser CD erscheint ein Querschnitt durch seine wichtigsten Rollen. Otmar Suitner bringt die Staatskapellen Dresdens und Berlins zum Jubeln und atmet mit dem warmen und äußerst voll timbrierten Bass Adams.
Wenn man Adams Opernrecital nach den Aufnahmen Hanne-Lore Kuhses hört, so kommt man nicht umhin zu bedauern, dass nicht beide Sänger zusammen eine Weltkarriere machen konnten. Die präzise Deklamation und das intelligente Spiel mit Nuancen Theo Adams hätten eine wundervolle Ergänzung zum strahlend schlanken und dennoch durchsetzungsfähigen Sopran der Kuhse sein können. Ein besseres Holländer-Paar, eine bessere Brünhilde an der Seite von Adams Wotan kann man sich für diese Zeit kaum vorstellen. So kann man wenigstens mit diesen beiden CDs, die klanglich hervorragend und mit sehr ordentlichen Booklets ausgestattet sind, ein wenig von einer Welt träumen, in der die Kunst schwerer wiegt als Politik.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wagner, Richard: Lieder

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
1
29.03.2004
Medium:
EAN:

CD
0782124132422


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Berg, Alban
Reger, Max
Strauss, Richard
Wagner, Richard


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Dirigent(en):Neumann, Václav
Orchester/Ensemble:Gewandhausorchester Leipzig
Interpret(en):Kuhse, Hanne-Lore
Oertel, Hartmut


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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