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Montag, 29. November 2021

Beethoven, Ludwig van - Missa solemnis

Adornos Polemik gerecht geworden


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der lange Kampf des Ludwig van Beethoven: mehr als vier Jahre plagte er sich mit der Komposition seiner ‚Missa solemnis’ ab, mittlerweile vollständig taub, von der Gelbsucht heimgesucht und trotz der zu seinen Gunsten entschiedenen Vormundschaft für seinen Neffen nicht wirklich glücklich mit der Gesinnung desselben. Am Ende erklärte Beethoven 1824, dass er ‚ bei Singenden und Zuhörenden religiöse Gefühle erwecken und dauerhaft machen’ wollte. Ob die Musik dies vermochte, ob sie es überhaupt je vermag, sei dahingestellt. Dem heutigen Hörer mag inzwischen die Monumentalität lediglich wohltuende Schauer über den Rücken jagen bei stundenweisen rezeptiven Momentaufnahmen, in denen einen Großteil der breiten Hörerschaft nur noch die Relikte einer solchen liturgisch verhafteten Komposition aufzunehmen bereit ist. Man könnte an dieser Stelle mit Adorno argumentieren und behaupten, dass das Konsumfähigmachen von Musik den Blick auf das Wesentliche einer Komposition versperrt.
In der Tat hat ein Dirigent wie Karajan, was seine Bedeutung als einer der herausragenden Interpreten des 20. Jahrhunderts natürlich nicht schmälert, nicht unwesentlich Anteil an dieser lackierten, gediegenen Sicht- und Hörweise auf Beethovens Musik. Ganz in genau dem Sinne, auf den Adorno in der ‚Philosophie der neuen Musik’ seine Polemik hinsichtlich hochglanzpolierter Interpretationen ansetzte, ist in Masurs Einspielung der ‚Missa solemnis’ aus dem Jahr 1972 nichts von jener intellektuellen Sperrigkeit zu spüren, die ‚den Lack von falscher Darbietung und festgefahrenen Reaktionsweisen herunterzuschlagen’ vermag. Aus der rebellischen Intimität des tauben Beethoven herausgerissen, wird hier mit der ‚Missa solemnis’ eine Deckmantelreligiosität evoziert, eine Zeremonie der Massenkultur.

Die Sicht auf die Dinge hat sich nun mal ge- und verändert. Die Oberfläche glatt zu polieren und der Gefälligkeit des schönen Klangs zu frönen, genügt heute nicht mehr. Historisch informierte Aufführungspraxis hat die sakrosankten Opera Beethovens längst erfasst und das wütende Potential der Kompositionen seziert und freigelegt. Insofern wirkt die Neuauflage dieser Einspielung eigentümlich antiquiert und schlicht und einfach nicht mehr zeitgemäß. Wie aus einer längst versunkenen Welt glitzern die amorphen Silberklänge des Gewandhausorchesters hervor mit einem bis heute andauernden und akribisch gepflegten Leipziger Klangideal. Das hat freilich seine Reize, wenn es darum geht, den adäquaten Klang für die Musik Mendelssohns zu finden. Aber schon für das Jahr 1972 mag die Noblesse und Schönheit der Klangfarben für Beethovens Musik nicht mehr angemessen gewesen sein. Auch Masur ist ein Kind seiner Zeit und man mag es ihm nicht wirklich anlasten, Chor und Orchester ein klangliches Tribut an die Monumentalität oratorischer Werke zollen zu lassen. Der Hörer wird hier immerhin mit einer perfekten musikalischen Inszenierung belohnt.

Perfektion ist das Schlagwort in jeglicher Hinsicht: Das Solistenensemble Anna Tomowa-Sintow, Annelies Burmeister, Peter Schreier (1972 noch auf dem Höhepunkt seiner schnarrend timbrierten Gesangskunst) und Hermann Christian Polster absolvieren ihre Partien mit präzisester Tongebung und Sauberkeit, phrasieren auch recht artig und wagen ab und an flexible dynamische Ausformungen, bleiben aber eher einem distanzierten Ausdrucksgehalt verhaftet. Auch der Rundfunkchor Leipzig ist stimmlich bestens gedrillt, im Zusammenklang homogen, aber ebenso wie die Solisten merkwürdig unbeteiligt hinsichtlich der Ausdeutung des liturgischen Textes. Diese kühle Glätte wird vom Gewandhausorchester unterstrichen. Masur erlaubt dem Orchester lediglich ein geschmeidiges Weichzeichnen der Ecken und Kanten der Musik Beethovens, vermeidet aber strikt den großen zyklischen Bogen, der sich über die Messe spannt und somit kann auch die Binnenspannung nur in Ansätzen überzeugen, so sie überhaupt aufleuchtet.
Das Klangbild ist ausgewogen, leidet an den dynamisch forcierten Passagen jedoch an Übersteuerung. Das Booklet liefert neben dem Messe-Text das Nötigste zur Komposition und Entstehungsgeschichte des Werks.
Aus dem Archiv, für das Archiv.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven, Ludwig van: Missa solemnis

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
1
29.03.2004
Medium:
EAN:

CD
0782124131227


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Beethoven, Ludwig van


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Dirigent(en):Masur, Kurt
Neumann, Horst
Interpret(en):Tomowa-Sintow, Anna
Schreier, Peter
Bosse, Gerhard
Kästner, Hannes
Polster, Hermann Christian
Burmeister, Annelies


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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