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Sonntag, 29. Mai 2022

Charpentier, Marc-Antoine - Vêpres pour Saint Louis

Nationale Traditionspflege


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Olivier Schneebeli trägt nichts Unnötiges an die Musik heran, lässt sie aus sich selbst heraus wirken.

In vielen europäischen Ländern ist die Tradierung wichtiger Teile des musikalischen Erbes an das Schaffen bedeutender kultureller Zentren gebunden: In Deutschland gilt das für die großen, aus höfischer Musikkultur und bürgerlichem Engagement hervorgegangenen Orchester wie auch für die berühmten Knabenchöre.

Da in Frankreich manche Tradition der älteren Zeit die politischen Umwälzungen der letzten 200 Jahre nicht überstehen konnte, wurde die 1988 durch das Centre de Musique Baroque de Versailles vollzogene Gründung einer musikalisch ausgerichteten Schule zum Ausgangspunkt frischer Traditionspflege. Die Kinder und jungen Erwachsenen werden nicht nur musikalisch ausgebildet, sie arbeiten durch ihr aktives gesangliches Mitwirken vielmehr an der Neuerschließung eines wertvollen musikalischen Erbes mit.

Beredter Ausdruck davon sind diverse CD-Produktionen, die das gestiegene Niveau der Protagonisten präsentieren. Nicht zufällig steht in der vorliegenden Aufnahme die Musik eines der großen und einflussreichen Komponisten des französischen Barock, Marc-Antoine Charpentier, im Mittelpunkt.

Die durch die musikwissenschaftliche Abteilung sowie den Direktor des Zentrums und künstlerischen Leiter der Einspielung, Olivier Schneebeli, rekonstruierte Fassung einer Vesper zum Fest des heiligen Ludwig zeigt sich als elegantes, leichtes, durchsichtiges Werk, dem noble Zurückhaltung mehr zu eigen ist als der vordergründige Affekt. Dennoch gewinnt die stark gegliederte Komposition einen wesentlichen Reiz aus dem ständigen Wechsel zwischen solistischen Passagen und der Entfaltung einer vollen Chorwirkung. Im eigentlichen Sinn handelt es sich in der Mehrzahl der einzelnen Stücke wohl eher um Kammermusik mit einem dynamisch erweiterten Ausdrucksrepertoire, das neben der Intimität der solistischen Sphäre auch die kraftvolle Deklamation des Chores kennt.

Chancen & Grenzen

Der gemischt aus Kinderstimmen und jungen Erwachsenen besetzte Chor hat seine Stärken in klarer, durchsichtiger Klanglichkeit, in der anmutigen Mischfähigkeit der jungen Stimmen. Ebenfalls wenig überraschend sind die Grenzen eines im Kern mit Kinderstimmen besetzten Chores: Bewegtere Linienführungen geraten zuweilen etwas ungenau, Nachlässigkeiten in der Textbehandlung trüben den Gesamteindruck, ein gewisser Mangel an klanglichem Kern wird gelegentlich deutlich. Ein Teil dieses Befundes geht auf Kosten eines nicht ganz ausgeglichenen Klangbildes, das besonders den Chor gelegentlich benachteiligt und ihm durch eine unnötig wolkige und diffuse Entfernung schadet.

Vorzüglich präsentieren sich dagegen die drei hauptsächlich agierenden Vokalsolisten, der Altus Robert Getchell, der Tenor Hervé Lamy und der Bassist Alain Buet: Sie musizieren stilsicher, können vor allem auch gestalterisch überzeugen. Sie profitieren dabei von ihrem durchweg hohen technischen Niveau, das sie auch im Bereich der Verzierungen völlig souverän agieren lässt.

Gestützt und begleitet werden die Vokalisten von einer geschmackvoll agierenden, kleinen Continuogruppe, die in den großflächigeren Passagen durch die Wirkung der großen Orgel der königlichen Kapelle von Versailles verstärkt wird.

Olivier Schneebeli trägt nichts Unnötiges an die Musik heran, lässt sie aus sich selbst heraus wirken. Bei dieser nicht selten intimen, zumindest aber keinesfalls groß dimensionierten Musik besteht die Schwierigkeit vor allem darin, den zusammenhängenden Charakter herauszustellen, den großen Bogen zu spannen. Vor allem die Vokalsolisten haben großen Anteil daran, dass dieser Teil der Interpretation gelingt, das Konzept der mehrteiligen Komposition aufgeht und einen schlüssigen Eindruck macht.

Schneebelis verdienstvolle Arbeit umfasst jedoch nicht nur die konkrete Aufnahme, vielmehr ist die langfristige Etablierung einer breiter angelegten Rezeption französischer Musiktradition sein Ziel, verbunden mit der Ausbildung musikalischen Nachwuchses – die Plattenproduktion gewissermaßen als ambitionierter Arbeitsnachweis.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Charpentier, Marc-Antoine: Vêpres pour Saint Louis

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
1
01.03.2004
Medium:
EAN:

SACD
3760014190506


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Charpentier, Marc-Antoine


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Dirigent(en):Schneebeli, Olivier
Interpret(en):Salles, Alexandre
Perrot, Benjamin
Saïto, Yuka
Lusson, Matthieu
Desenclos, Frédéric
Buet, Alain
Lamy, Hervé
Getchell, Robert


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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