> > > Bach, Johann Sebastian: Die Kunst der Fuge BWV 1080
Samstag, 28. Mai 2022

Bach, Johann Sebastian - Die Kunst der Fuge BWV 1080

Alles, was möglich ist…


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das technisch Mögliche hat die Aufnahme beseelt.

Das Mögliche kann das Umzusetzende beeinflussen – und häufig profitiert der Hörer auf diese Weise von genutzten Chancen, einmalig auftretenden personellen Konstellationen oder Geniestreichen künstlerischen Gestaltens. Manchmal steht das technische Ermöglichen jedoch so im Mittelpunkt der fertigen Aufnahme, dass die Ergebnisse musikalisch nicht so recht zu befriedigen vermögen.

Im Falle der vorliegenden CD handelt es sich um eine bereits historisch zu nennende Aufnahme aus dem Jahr 1974, deren aktuelle Publizierung der damaligen Aufnahmetechnik zu verdanken ist: Das bei Philips damals entwickelte Verfahren der ‚Quadrophonie’ ermöglichte es, die klingende Musik auf vier voneinander unabhängigen Kanälen einzuspielen. Da das Verfahren sich nicht durchsetzen konnte und die als einziges Übertragungsmedium zur Verfügung stehende Schallplatte der technischen Umsetzbarkeit ohnehin im Wege gestanden hätte, blieben auch zahlreiche der Aufnahmen unveröffentlicht. Heute steht die SACD als gängiges Mehrkanalverfahren zur allgemeinen Verfügung, weshalb das Label ‚Pentatone’ sich daran gemacht hat, sich dieser bislang nicht verfügbaren Aufnahmen in einer eigenen Serie ‚RQR’ zu widmen.

In den vergangenen dreißig Jahren haben sich nicht nur die Aufnahmetechniken verfeinert – es haben sich in vielen Bereichen des Musizierens Revolutionen ereignet. Nichts klingt heute mehr wie 1974, nichts wird mehr so gespielt wie damals – weder technisch, noch klangästhetisch, noch interpretatorisch. Das gilt natürlich vor allem für die Alte Musik, aber auch die großen Werke der Romantik und der Klassik haben in dieser Hinsicht manche Veränderung erfahren. Nun spricht das alles nicht zwingend gegen ein ‚Wiederhören’ mit einer älteren Bachauffassung: Neville Marriners kundigen Spielern der Academy of St Martin in the fields gelingen auf modernen Instrumenten und unter Verwendung moderner Spieltechniken doch erstaunliche Ergebnisse. Den interessantesten Aspekt stellt dabei die von Marriner geschickt und effektvoll arrangierte Abfolge der einzelnen Sätze des Bachschen ‚opus ultimum’ dar: In variierenden Besetzungen stellen sich Streichquartett, ein einfach besetztes Orchester, zwei Cembali oder Orgel vor. In dieser gelungenen Mischung und einer immer wieder erkennbaren zyklischen Auffassung der spröden Fugen durch die Musiker liegen wesentliche Stärken der Aufnahme. Die manchmal trockene ‚Konstruktionshaftigkeit’ der Musik gewinnt dadurch etwas unmittelbar Musikalisches.

Doch wird auch deutlich, welchen Verlockungen die an den Traditionen einer klassisch-romantischen Auffassung geschulten Ohren und Finger nicht widerstehen konnten: In häufig allzu musikantischem Überschwang werfen sich Marriner und sein klanglich dann gar nicht mehr so kleines Orchester in die Schlüsse und produzieren damit so manchen unpassend knalligen Effekt.

Es bleibt zweischneidig

Und so kann am Ende der Betrachtungen auch kein geschlossenes Urteil stehen: Es ist zweifellos interessant, diesen aus heutiger Sicht etwas antiquierten Versuch zu hören, etwa den später mit seiner ‚Academy of Ancient Music’ stilprägenden Christopher Hogwood an Orgel und Cembalo zu erleben. Doch bleibt fraglich, ob das Ergebnis des Aufnahmeexperiments auch dreißig Jahre später noch notwendigerweise zu veröffentlichen war, wenngleich, auch das sei nicht verschwiegen: Der Klang ist wirklich von erstaunlicher Klarheit und Präsenz, die Aufnahme lotet das polyphone Geschehen vielschichtig aus.

Das technisch Mögliche hat die Aufnahme beseelt. Ob sie damit in der Gegenwart etwas anderes als eine rare Kuriosität in der Geschichte aufgenommener Musik ist, sei dahingestellt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Die Kunst der Fuge BWV 1080

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pentatone Classics
1
01.01.2013
Medium:
EAN:

SACD
0827949014062


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Bach, Johann Sebastian


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Orchester/Ensemble:Academy of St. Martin in the Fields
Interpret(en):James, Cecil
Nicklin, Celia
Miller, Tess
Black, Neil
Gray, John
Heath, Kenneth
Shingles, Stephen
Latchen, Malcolm
Kaine, Carmel
Davis, Sir Andrew


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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