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Dienstag, 29. November 2022

Soliva, Carlo - Giulia e Sesto Pompeo

Emigrationszeit


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Große Fans von Chopin dürften den Mann kennen: Carlo Soliva (1791-1853). Der Italiener dirigierte die Uraufführung von Chopins Klavierkonzert in e-Moll im Jahre 1830 mit dem Komponisten am Klavier. Soliva war 1821 nach Warschau gekommen, um dort sein Glück als Direktor des Institutes für Musik und Rhetorik zu versuchen. Während es lange üblich war, dass Italiener das Musikleben andernorts organisierten - man denke nur an Giovanni Paisiello in St. Petersburg oder Luigi Cherubini in Paris - blieben die Musiker zu Solivas Zeiten bereits lieber zu Hause. Hätte es nicht Rossini und dessen alles in den Schatten stellende Erfolge gegeben, Soliva wäre wahrscheinlich ebenfalls in Italien geblieben. So stand er nach seinen ersten Opern, die an der Scala im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts durchaus die Anerkennung des Publikums fanden, vor der Wahl: Anpassung an den Stil des viel Erfolgreicheren oder Emigration. Soliva ging und starb schließlich 1853 in Paris, vier Jahre nach seinem Freund Chopin.

Dramatische Zuspitzung

Die Oper ,Giulia e Sesto Pompeo’ hat freilich mit Chopin nichts zu tun. Solivas Musik gehört deutlich hörbar in das frühe 19. Jahrhundert. Sie hat manches aus der verlebten Tradition der Opera seria übernommen, etwa die krude Handlung, eine Liebes- und Rachegeschichte aus dem Alten Rom. Die Arien folgen dem bekannten Schema mit langsamer Einleitung und schneller Stretta. Manche Floskel könnte ebenso aus Werken von Rossini und Donizetti stammen. Der solistische Gesang ist jedoch für Soliva nicht der unangefochtene Hauptgegenstand seiner Musik. Natürlich können Sänger auch hier ihre geläufige Gurgel, eine mit Koloraturen gespickte Gesangskunst und großen Tonumfang zur Schau stellen, doch rückt ihnen Soliva Chor und Orchester als Partner an die Seite. Der Komponist durchwirkt die Begleitung mit zahlreichen Facetten, so lässt er zur Cavatina der Giulia ,Tacita, Tacita’ einen hübschen Frauenchor und die leichte Melodik einer solistischen Klarinette treten. Charakteristisch sind auch die zahlreichen Ensembles, von denen besonders das große Finale des ersten Aktes durch dramatische Zuspitzung ohne Durchhänger beeindruckt. Reizvoll sind auch die drei aufeinander folgenden Terzette des zweiten Aktes.

Kaum lyrisches Innehalten

An solchen Stellen, die kaum lyrisches Innehalten kennen, zeigt sich der klanglich gut gelungene Livemitschnitt aus Lugano mit dem Orchestra della Svizzera Italiana von seiner besten Seite. Angelo Campori leitet die Oper, ohne bei den Tempi zu Lasten der Plastizität der Koloraturen seiner Sänger aufs Tempo zu drücken. Der Orchesterklang ist füllig, wirkt aber zu Gunsten der Stimmen etwas in den Hintergrund gerückt. Mit zupackendem, kraftvollem, beweglichem Gesang punktet der Chor von Radio Svizzera, der immer wieder gewissermaßen das ,Hintergrundrauschen’ des Zeitgeschehens (Beginn 1. Akt!) bildet, das die Schicksale der Protagonisten beeinflusst.
Francesca Pedaci als Fulvia schleudert ihre groben Flüche mit dramatischem, leicht scharfem aber in der Höhe gleichmäßig vollem Sopran wie Giftpfeile auf ihr Ziel Marc’Antonio. Dagegen sieht der schlanke Tenor von Donato di Stefano ziemlich klein aus. Wesentlich heldischer gibt sich Carlo Vincenzo Allemano als Ottavio, der über einen schön geführten Tenor ohne Stahl aber mit Strahlkraft verfügt. Bei der Giulia von Elisabetta Scano bin ich als Hörer durch verschiedene Stadien gegangen; anfangs bezaubert, dann gelangweilt war ich schließlich genervt. In der Auftrittsszene klingt ihr Sopran jung, frisch metallisch, gut fokussiert und in den Registern ausgeglichen. Doch der Mangel an Farben und tief gehender emotionaler Gestaltung weckt den Eindruck eines monochromen Singens, das nicht mehr begeistern kann. Dagegen singt Partricia Spence die Partie des Sesto Pompeo mit schattenhaftem Mezzosopran und beachtlicher tiefer Lage. Die Wahl einer Frauenstimme ist hier ausnahmsweise nicht dem heutigen Mangel an Kastraten oder den Preisen guter Countertenöre geschuldet, sondern dem Eigensinn des Komponisten selbst. Das Booklet enthält erfreulicherweise neben dem Libretto in italienisch auch eine deutsche und englische Übersetzung. Die Einführungstexte sind leider etwas unwirsch geraten, statt einfacher und nötiger Grundinformationen zu Werk und Komponist verliert sich der Verfasser etwas im Nebel wissenschaftlicher Gelehrtheit.

CPO hat uns noch weitere Aufnahmen von Carlo Solivas Opern versprochen. Wahrscheinlich hat man es auch dann nicht mit Geniestreichen zu tun, doch ,Giulia e Sesto Pompeo’ beweist, dass die Ausgrabungen den Hörer durch ihren hochdramatischen Anstrich durchaus vor den Lautsprechern halten können. Bei ähnlichem Niveau der Darbietung dürfte das fast sicher sein.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Soliva, Carlo: Giulia e Sesto Pompeo

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
2
20.01.2004
Medium:
EAN:

CD
0761203982523


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Soliva, Carlo


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Dirigent(en):Campori, Angelo
Orchester/Ensemble:Orchestra della Svizzera Italiana
Interpret(en):Pedaci, Francesca
Scano, Elisabetta
Allemano, Carlo Vincenzo
Spence, Patricia
Bosi, Carlo
Stefano, Donato di


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