> > > Kuhnau, Johann: Die Orgeln von Gottfried Silbermann Vol. 7
Sonntag, 20. September 2020

Kuhnau, Johann - Die Orgeln von Gottfried Silbermann Vol. 7

Ideale Einführung in die Silbermann’sche Wunderwelt


Label/Verlag: Querstand
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die vorletzte CD der achtteiligen Reihe ‘Die Orgeln Gottfried Silbermanns’ ist erneut eine kurzweilige Entdeckungsreise in die Welt der Orgelmusik. Dietrich Wagler war von 1986 bis 2001 Kantor, Organist und Kirchenmusikdirektor im sächsischen Freiberg, einer Stadt mit gleich zwei Silbermann-Orgeln. Durch seine langjährige Tätigkeit kennt Wagler die Freiberger Instrumente – die kleine und die große Orgel im Freiberger Dom – wie kein anderer, weiß um ihre klanglichen Möglichkeiten und Vorzüge. Die große Orgel ist eines der bekanntesten und besterhaltenen Silbermann-Instrumente überhaupt, ein prächtiges Werk mit 44 Registern, drei Manualen und Pedal. Die kleine Orgel im Dom, ursprünglich für die Freiberger Johanniskirche konzipiert, ist ein Instrument von bescheidenen Dimensionen mit nur einem Manual und lediglich drei selbständigen Pedalregistern. Von mittlerer Größe – zweimanualig mit Pedal – sind die in der CD ebenfalls berücksichtigten Orgeln von Helbigsdorf und Oederan.

Stärker als in den anderen Einspielungen der Reihe ist in Folge 7 mit einer Toccata aus Georg Muffats ‘Apparatus musico-organisticus’ sowie Kompositionen von Johann Jakob Froberger und Johann Kaspar Kerll die süddeutsch-österreichische Orgelmusiktradition vertreten. Daneben spielt Wagler eines der berühmtesten und virtuosesten Werke Johann Sebastian Bachs, Fantasie und Fuge in g-Moll BWV 542, sowie dessen Trio über ‘Herr Jesu Christ dich zu uns wend’ BWV 655. Besondere Gustostücke des mitteldeutschen Repertoires sind eine Toccata von Johann Kuhnau, Bachs Amtsvorgänger in Leipzig, zwei Choralbearbeitungen von Gottfried August Homilius, Organist an der Frauenkirche in Dresden (an einer heute nicht mehr vorhandenen Silbermann-Orgel), und Präludium und Fuge in C-Dur von Johann Schneider, der zur Bach-Zeit an der Leipziger Nikolaikirche wirkte. Am Schluß der Einspielung steht – singulär für die ganze CD-Reihe – ein Werk der Romantik, allerdings eines, das die große mitteldeutsche Tradition würdig fortsetzt und an Bach anknüpft: Präludium und Fuge in c-Mull op. 37 Nr. 1 von Felix Mendelssohn-Bartholdy.

Die eigentlichen Stars dieser Produktion sind die Instrumente, allen voran die große Domorgel von Freiberg. Mit Bachs g-Moll-Fantasie und Fuge hat Dietrich Wagler ein Werk gefunden, das alle Qualitäten dieses mächtigen Instrumentes zur Geltung bringt. Wundervoll klingen etwa das kernige, niemals dicke Plenum und der beeindruckend profunde 32 Fuß-Untersatz. Die Trompeten und allgemein die Zungenregister verraten Silbermanns tiefe Kenntnis der französischen Orgelbautradition. So klingt der Anfang von Georg Muffats Toccata septima erstaunlich französisch, als würde Wagler ein ‘Jeu d’Anches’ aufbieten. Im zweiten Teil dieser Komposition kommen auch intimere Klangfarben zum Tragen. Der Organist gestaltet dieses Stück überhaupt sehr abwechslungsreich und farbig, immer aber stilsicher und mit makelloser Technik. Dass auch kleine Silbermann-Orgeln einiges an Klangpracht entfalten können, beweist Wagler mit der einleitenden A-Dur-Toccata von Johann Kuhnau. Diesen Komponisten einmal abseits der ‘Biblischen Historien-Sonaten’ kennenlernen zu können, ist ein besonderer Vorzug dieser Aufnahme. Im Mittelteil der Toccata des Buxtehude-Typs gibt es einen Abschnitt mit Tonrepetitionen, der frappierend an das ‘Gebet der Israeliten’ aus der ersten Historien-Sonate erinnert. Auch sonst ist Kuhnaus Werk eine lohnende Repertoireergänzung, von Ulrich Wagler in einer ausgefeilten Interpretation vorgeführt.

Die beiden Canzonen von Johann Kaspar Kerll behandelt Wagler nicht als kontrapunktische Meisterstücke, sondern quasi als Charakterstücke. Dem e-Moll-Werk verleiht er einen grüblerischen Sostenuto-Charakter, während er in der C-Dur-Canzona Spielfreude und Virtuosität akzentuiert. Die drei Froberger-Stücke spielt Wagler an der Orgel von Helbigsdorf, die das, was sie an Klangpracht vermissen lässt, durch Klangschönheit kompensiert. Ob in der grüblerischen Toccata in d, dem launischen Capriccio in G oder der heiteren Canzona in G, Wagler findet stets den richtigen Ton.
Die sehr galanten, dabei aber kunstvoll gearbeiteten und sehr ansprechenden Choralvorspiele von Homilius und die von hoher Begabung zeugende Komposition von Johann Schneider sind mit ein Grund dafür, dass diese CD-Produktion allen Orgelfreunden, Kennern und Liebhabern gleichermaßen, wärmstens ans Herz gelegt sei. Waglers schlüssiges interpretatorisches und programmatisches Konzept lässt Mendelssohns Präludium und Fuge in c-Moll nicht als Fremdkörper erscheinen, sondern vielmehr als logische Fortsetzung. Die Wiedergabe dieses Werkes ist von klassischer Klarheit und Schlankheit. Der majestätische Charakter des Präludiums wird nicht durch eine vermeintlich romantische ‘Klangsuppe’ konterkariert. Die Fuge ist optimal durchhörbar.

Die CD-Reihe zeichnet sich insgesamt durch optimale editorische Sorgfalt und eine in allen Aspekten gelungene Präsentation aus.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dr. Franz Gratl Kritik von Dr. Franz Gratl,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Kuhnau, Johann: Die Orgeln von Gottfried Silbermann Vol. 7

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Querstand
1
14.11.2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4025796003048
VKJK 0304


Cover vergössern

Bach, Johann Sebastian
Froberger, Johann Jacob
Homilius, Gottfried August
Kerll, Johann Kaspar
Kuhnau, Johann
Mendelssohn Bartholdy, Felix
Muffat, Georg
Schneider, Johann


Cover vergössern

Interpret(en):Wagler, Dietrich


Cover vergössern

"Am 4. August 2003 jährt sich zum 250. Male der Todestag von Gottfried Silbermann. Diesem berühmten Orgel- und Klavierbauer widmet das querstand-Label eine Edition, die seine noch vorhandenen Orgeln komplett vorstellt. In einer Folge von 8 CDs werden die 32 Instrumente klanglich, in Bild und Text ausführlich vorgestellt. Dabei soll auf das musikalische Umfeld jener Zeit ein besonderes Augenmerk gelegt werden. So setzt sich das Repertoire der einzelnen CDs fast ausschließlich aus Werken mitteldeutscher Komponisten des 17. und 18. Jahrhunderts zusammen, wobei neben bekannteren Namen auch seltener berücksichtigte Komponisten ins Rampenlicht gerückt werden und sogar einige Ersteinspielungen zu Buche stehen. Viele Silbermann-Orgeln sind in den letzten Jahren grundlegend restauriert worden. Daher ist die CD-Edition zugleich eine reizvolle Dokumentation mitteldeutschen Kunsthandwerks, der lokalen Musikgeschichte und der Musizierpraxis. Das Orgelbauwerk, das Gottfried Silbermann schlagartig berühmt machte und ihn in die erste Reihe der Orgelbauer katapultierte, ist die große Orgel im Dom zu Freiberg. Auf Fürsprache des Leipziger Thomaskantors Johann Kuhnau erhielt Silbermann den Auftrag zum Bau dieses Instrumentes, nachdem er sein opus 1 in der Kirche seiner Heimatstadt Frauenstein erbaut hatte (welches leider nicht erhalten ist). Silbermann gelang mit der großen Freiberger Domorgel ein Werk ersten Ranges, das auch heute noch Referenzwert unter den Orgelfreunden aus aller Welt genießt. Dietrich Wagler amtierte anderthalb Jahrzehnte als Domorganist an diesem Instrument und kennt es daher wie wohl kein anderer Organist der Neuzeit. Seit 1939 steht noch ein zweites Instrument von Gottfried Silbermann im Freiberger Dom, nämlich eine kleinere Orgel, die ursprünglich in der Freiberger Johanniskirche zu finden war. Als diese baufällig wurde, setzte man die Orgel in den Dom um. Aufnahmen an den Orgeln in Helbigsdorf und Oederan, beide in unmittelbarer Nähe zu Freiberg befindlich, runden diesen Teil der Gesamtaufnahme ab. "


Cover vergössern

Querstand

Mit viel Liebe zum Detail bringt das querstand-Label dem interessierten Hörer die Vielfalt und Schönheit der klassischen Musik auf wenig ausgetretenen Pfaden näher. Das Label hat sich seit 1994 durch die Produktion hochwertiger klassischer CDs einen ausgezeichneten Ruf erworben. Über 500 Produktionen werden weltweit vertrieben, wobei ein Augenmerk auf Orgelmusik liegt. Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs (bisher 11 CDs) und des Kantaten- und Orchesterwerkes des berühmten Bachschülers bilden ein Glanzlicht des Labels, dem mit der Serie ?Die Orgeln von Gottfried Silbermann? (8 CDs) ein weiteres zur Seite gestellt wurde (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2003). Auch im kammermusikalischen und sinfonischen Bereich wurden zahlreiche CDs veröffentlicht, etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Mit der Aufnahme des Passionsoratoriums ?Der Tod Jesu? von Carl Heinrich Graun mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Howard Arman gewann das Label 2005 einen ECHO Klassik-Award. Im Jahre 2013 erhielt die 9-CD-Box mit allen Sinfonien Anton Bruckners, eingespielt von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig, den ICMA (International Classical Music Award). Mit Verlagssitz im Thüringischen Altenburg kann querstand von der einzigartigen Vielfalt der mitteldeutschen Musiklandschaft profitieren, die sich auch im Verlagsprogramm niederschlägt. Neben den vielseitigen Einflüssen der fantastischen Orgellandschaft der Region, ist es auch die Nähe zur Musikstadt Leipzig mit ihrer wunderbaren Tradition und facettenreichen Szene, auf die das Label besonderes Augenmerk richtet.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...



Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Querstand:

  • Zur Kritik... Lutherische Marienverehrung: Diese CD enthält eine Huldigung Mariens in verschiedenen Kompositionen zu verschiedenen Zeiten. Dabei sind Entdeckungen zu machen, eröffnet durch einen ambitionierten Chor. Weiter...
    (Diederich Lüken, )
  • Zur Kritik... Auf ein Großprojekt: Diese Reger-CD ist der Teaser für ein großes Onlineprojekt. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Nympha britannica: Marie Luise Werneburg wirft einen ästhetisch ambitionierten, vom Programmkonzept nicht ganz gelungenen Blick auf das englische Renaissancelied. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Querstand...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Franz Gratl:

blättern

Alle Kritiken von Dr. Franz Gratl...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Ein royaler Klassiker: Das Royal Ballet zeigt, dass die Inszenierung des Ballett-Klassikers stilvoll, fesselnd und zugleich zeitgemäß sein kann. Weiter...
    (Lorenz Adamer, )
  • Zur Kritik... Siedende Musik aus dem Norden: Der finnische Komponist Erkki Melartin ist eine Entdeckung wert. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Die ganze Welt auf 88 Tasten: Mahler wollte nach eigener Aussage 'mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen'. Kann das auch durch die, verglichen mit dem Orchester, durchaus begrenzten Mittel des Klaviers gelingen? Weiter...
    (Sebastian Rose, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2020) herunterladen (3402 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Edlira Priftuli im Portrait "Musikalisch praktizierte Ökumene"
Edlira Priftuli hat den Straßburger Wilhelmerchor zur historisch informierten Aufführungspraxis geführt

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich