> > > Schneider, Johann: Die Orgeln von Gottfried Silbermann Vol. 6
Sonntag, 20. September 2020

Schneider, Johann - Die Orgeln von Gottfried Silbermann Vol. 6

Fortsetzung eines Erfolgskonzeptes


Label/Verlag: Querstand
Detailinformationen zum besprochenen Titel


An Folge 6 der Reihe ‘Die Orgeln Gottfried Silbermanns’ können alle Tugenden dieser überaus verdienstvollen Edition erneut hervorgehoben werden: Ein optisch ansprechendes Cover, erstklassige Texte zu Silbermann, seinen Werken, den in der Einspielung akustisch vorgestellten Orgeln insbesondere, den erklingenden Werken, dem Organisten und dem für die Bildausstattung des Booklets verantwortlichen Fotografen, dazu ein abwechslungsreiches, repräsentatives Programm mit mitteldeutscher Orgelmusik, stets ideal auf das jeweilige Instrument abgestimmt.

Wolfgang Baumgratz betreut als Domorganist in Bremen ein Silbermann-Instrument, nämlich die Orgel in der Bremer Domkrypta. Er ist Präsident der Gesellschaft der Orgelfreunde und unterrichtet an der Hochschule für Künste in Bremen; daneben hat er sich durch internationale Konzerttätigkeit als Organist und Chorleiter einen hervorragenden Ruf erworben. Neben ‘seinem’ Bremer Instrument, einem kleinen Positiv mit acht Registern ohne Pedal, widmet sich Baumgratz in der Aufnahme drei weiteren Silbermann-Orgeln: dem kleinen einmanualigen Werk, das in der Schlosskapelle Burgk steht, sowie den zwei mittelgroßen zweimanualigen Orgeln von Mylau und Freiberg/St. Jakobi.
Es gehört zu den großen Vorzügen der CD-Reihe, dass im Programm Bekanntes mit weniger Bekanntem gemischt wird. Überaus instruktiv ist beispielsweise die Berücksichtigung eines Präludiums von Johann Schneider, der ab 1729 an St. Nikolai in Leipzig im unmittelbaren Umkreis Johann Sebastian Bachs wirkte. Sein pathosgeladenes Präludium in g-Moll kann sich neben Bach durchaus behaupten und ist als Eröffnungsstück gut gewählt. Die ganze klangliche Palette der Orgel von Freiberg/St. Jakobi demonstriert Wolfgang Baumgratz mit den Variationen über ‘Allein Gott in der Höh‘ sei Ehr’ von Johann Philipp Kirnberger. Schade, dass – wie auch bei anderen eingespielten Variationenreihen – nicht der gesamte Zyklus erklingt. Der Organist beweist hohe Sensibilität in Bezug auf die Registerwahl: Der zwischen kontrapunktischer Tradition und Empfindsamkeit angesiedelten Tonsprache Kirnbergers begegnet er angemessen durch mehrfachen Gebrauch des Tremulanten. Klare Linienführung zeichnet Baumgratz‘ Wiedergabe eines Ricercars von Johann Christoph Altnickol aus. Auf der Mylauer Orgel erklingt zunächst ein Präludium von Gottfried Ernst Bestel, das in der ‘Mylauer Tabulatur’ (1730) überliefert ist, einem Dokument der Orgelmusikpflege in Mylau aus der Zeit der Errichtung der Silbermann-Orgel.

Eine wirkliche Entdeckung war für mich das Choralvorspiel über ‘Schmücke dich, du liebe Seele’ von Gottfried August Homilius mit seiner galanten Melodik und seiner nie aufdringlichen, aber gediegenen kontrapunktischen Faktur. Eine Hommage an einen weitgehend unbekannten Bach-Schüler ist die Einspielung des eleganten, von Baumgratz exemplarisch linear und schlicht vorgetragenen g-Moll-Trios von Friedrich Christian Morchheim.
Eigenwilliger sind die Orgelkompositionen eines anderen Bach-Schülers, Johann Gottfried Müthel. Seine Variationen über ‘Jesu meine Freude’ sind Stimmungsbilder voller Kontraste und unerwarteter Wendungen. Die Orgeln in der Bremer Domkrypta und in der Schlosskapelle Burgk erlauben aufgrund ihrer Größe weniger Entfaltungsmöglichkeiten und eignen sich für intimere Stücke, wie etwa Bachs Fantasia in C-Dur BWV 570, die berühmte Canzona BWV 588 (hier einmal manualiter!) und die Variationen über ‘Allein Gott in der Höh‘ sei Ehr’ von Johann Caspar Vogler, einem weiteren Bach-Schüler, in dessen Werk bereits ein galanter Tonfall vorherrscht, angereichert durch einen virtuosen Gestus.
Einem Gottfried Silbermann besonders verbundenen Komponisten widmet sich Baumgartz mehrfach, nämlich Georg Andreas Sorge, der sich mit intensiv mit Fragen der Stimmung beschäftigte und 1748 zum Beispiel die Stimmung der Silbermann-Orgel von Schloss Burgk nach dem Gehör aufzeichnete. Seine schlichten Choralvorspiele zeigen ihn als Komponisten der mitteldeutschen Tradition, während seine ‘Toccata per ogni modi’ (durch alle Tonarten) seinem Interesse an Stimmungsproblemen entsprang. Auf der heute in der sogenannten Silbermann-Sorge-Temperatur gestimmten Orgel von Burgk zeigt sich exemplarisch, was der Gang in entferntere Tonarten in der Barockzeit bedeutete. Da klingt dann schon mal etwas schräg... Das von Wolfgang Baumgratz schwungvoll vorgetragene Stück ist so ein besonderes Gustostück. Kirnbergers c-Moll-Präludium klingt auf der kleinen Orgel von Schloss Burgk intim und weniger pathetisch als wahrscheinlich intendiert. Mit den schlichten Choralvariationen über ‘Wer nur den lieben Gott lässt walten’ von Johann Christian Kittel stellt Baumgratz einen weiteren Bach-Schüler vor. Am Schluß steht dann erneut ein Werk des großen Bach selbst, nämlich das streng kontrapunktisch gearbeitete Allabreve in D-Dur BWV 589.

Die Interpretationen von Wolfgang Baumgartz bewegen sich durchwegs auf hohem Niveau, das Programm ist abwechslungsreich, die Klangtechnik schlichtweg ideal, die Präsentation ist vorbildlich, kurzum: Eine rundum gelungene Einführung in die Silbermann’sche Klangwelt!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dr. Franz Gratl Kritik von Dr. Franz Gratl,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schneider, Johann: Die Orgeln von Gottfried Silbermann Vol. 6

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Querstand
1
14.11.2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4025796003031
VKJK 0303


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Altnickol, Johann Christoph
Bach, Johann Sebastian
Bestel, Gottfried Ernst
Homilius, Gottfried August
Kirnberger, Johann Philipp
Kittel, Johann Christian
Mohrheim, Friedrich Christian
Müthel, Johann Gottfried
Schneider, Johann
Sorge, Georg Andreas
Vogler, Johann Caspar


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Interpret(en):Baumgartz, Wolfgang


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"Am 4. August 2003 jährt sich zum 250. Male der Todestag von Gottfried Silbermann. Diesem berühmten Orgel- und Klavierbauer widmet das querstand-Label eine Edition, die seine noch vorhandenen Orgeln komplett vorstellt. In einer Folge von 8 CDs werden die 32 Instrumente klanglich, in Bild und Text ausführlich vorgestellt. Dabei soll auf das musikalische Umfeld jener Zeit ein besonderes Augenmerk gelegt werden. So setzt sich das Repertoire der einzelnen CDs fast ausschließlich aus Werken mitteldeutscher Komponisten des 17. und 18. Jahrhunderts zusammen, wobei neben bekannteren Namen auch seltener berücksichtigte Komponisten ins Rampenlicht gerückt werden und sogar einige Ersteinspielungen zu Buche stehen. Viele Silbermann-Orgeln sind in den letzten Jahren grundlegend restauriert worden. Daher ist die CD-Edition zugleich eine reizvolle Dokumentation mitteldeutschen Kunsthandwerks, der lokalen Musikgeschichte und der Musizierpraxis. Der Bremer Domorganist Wolfgang Baumgratz hat in seiner Kirche die einzige Orgel Gottfried Silbermanns stehen, die heute außerhalb Mitteldeutschlands zu finden ist. Das kleine Instrument hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich; ursprünglich stand es im sächsischen Etzdorf bei Mittweida. Für dieses und das zweite kleine "seiner" vier Instrumente, dasjenige auf Schloß Burgk, wählte der Organist u.a. die Orgelchoräle von Georg Andreas Sorge aus, die erst in den 1980er Jahren in den USA wiederentdeckt wurden und zur sogenannten Neumeister-Sammlung gehören. Sorge hatte eine besondere Beziehung zu der Silbermann-Orgel auf Schloß Burgk; er kannte sie sehr genau und zeichnete gehörsmäßig ihre Stimmung auf, die er mit den von anderen Orgelbauern verwendeten Stimmungen verglich und wissenschaftlich analysierte. Die Silbermann-Orgeln in Freiberg (St. Jakobi) und Mylau komplettieren diese CD. Dabei hat auch letztgenannte ein besonderes Lokalkolorit zu bieten, denn im Jahre 1910 entdeckte der Musikwissenschaftler Georg Schünemann im Kirchenarchiv Mylau eine handschriftliche Sammlung von Kompositionen, die ein Mylauer Kantor in der Mitte des 18. Jahrhunderts zusammengestellt hatte (er amtierte also bereits an der Silbermann-Orgel) und die einige sehr rare Werke enthält, so u.a. auch das hier eingespielte Praeludium c-Moll von Gottfried Ernst Bestel."


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Querstand

Mit viel Liebe zum Detail bringt das querstand-Label dem interessierten Hörer die Vielfalt und Schönheit der klassischen Musik auf wenig ausgetretenen Pfaden näher. Das Label hat sich seit 1994 durch die Produktion hochwertiger klassischer CDs einen ausgezeichneten Ruf erworben. Über 500 Produktionen werden weltweit vertrieben, wobei ein Augenmerk auf Orgelmusik liegt. Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs (bisher 11 CDs) und des Kantaten- und Orchesterwerkes des berühmten Bachschülers bilden ein Glanzlicht des Labels, dem mit der Serie ?Die Orgeln von Gottfried Silbermann? (8 CDs) ein weiteres zur Seite gestellt wurde (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2003). Auch im kammermusikalischen und sinfonischen Bereich wurden zahlreiche CDs veröffentlicht, etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Mit der Aufnahme des Passionsoratoriums ?Der Tod Jesu? von Carl Heinrich Graun mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Howard Arman gewann das Label 2005 einen ECHO Klassik-Award. Im Jahre 2013 erhielt die 9-CD-Box mit allen Sinfonien Anton Bruckners, eingespielt von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig, den ICMA (International Classical Music Award). Mit Verlagssitz im Thüringischen Altenburg kann querstand von der einzigartigen Vielfalt der mitteldeutschen Musiklandschaft profitieren, die sich auch im Verlagsprogramm niederschlägt. Neben den vielseitigen Einflüssen der fantastischen Orgellandschaft der Region, ist es auch die Nähe zur Musikstadt Leipzig mit ihrer wunderbaren Tradition und facettenreichen Szene, auf die das Label besonderes Augenmerk richtet.


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