> > > Pachelbel, Johann: Die Orgeln von Gottfried Silbermann Vol. 5
Sonntag, 20. September 2020

Pachelbel, Johann - Die Orgeln von Gottfried Silbermann Vol. 5

Optimal


Label/Verlag: Querstand
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Folge 5 der achtteiligen CD-Reihe, mit der das Label Querstand den 250. Todestag des großen Orgelbauers Gottfried Silbermann feiert, ist ein weiterer Glanzpunkt einer ebenso verdienstvollen wie empfehlenswerten Edition. Des editorische Großprojekt umfasst die klangliche Präsentation sämtlicher erhaltener Silbermann-Orgeln. Für die Einspielungen hat Querstand einige der besten Organisten Deutschlands sowie je einen Berlgier, Holländer und Österreicher gewonnen. Die sorgfältig konzipierte und wissenschaftlich bestens betreute Reihe ist nicht nur zu einer eindrucksvollen Hommage an Gottfried Silbermann geraten, die acht CDs bilden ein Kompendium vor allem mittel- und norddeutscher Orgelmusik mit Schwerpunkt auf Barock und Klassik.

Folge 5 bestreitet der Leipziger Thomasorganist Ullrich Böhme. Er spielt auf den Orgeln von Forchheim (1726), Pfaffroda (1715), Nassau und Ponitz (1737). Die Instrumente sind zum Teil weitgehend original erhaltenen, zum Teil in neuerer Zeit wieder in den Originalzustand zurück versetzt worden. Die Orgel von Pfaffroda ist einmanualig, die anderen Orgeln zweimanualig. Böhme widmet sich vier der bedeutendsten und einflußreichsten Komponisten Mitteldeutschlands um 1700, nämlich Johann Pachelbel, Johann Kuhnau, Johann Gottfried Walther und Georg Böhm. Die eingespielten Werke sind seit längerem in Editionen zugänglich und daher in Organistenkreisen recht bekannt.
Die Werke von Pachelbel – die Variationen über ‘Ach was soll ich Sünder machen’, drei Fugen und die f-Moll-Ciacona – spielt Böhme auf der Silbermann-Orgel von Forchhheim. Die Variationenreihe macht der Organist durch abwechslungsreiche Registrierung und eine mächtige Schlußsteigerung zu einer farbenreichen Demonstration der klanglichen Möglichkeiten dieses Instrumentes. Sehr intime Klangfarben wählt Böhme für die f-Moll-Ciacona, die sich in ihrer Ausdruckskraft weit über die Sphäre bloßer ‘liturgischer Gebrauchsmusik’ erhebt. Exemplarisch macht Ullrich Böhme das kontrapunktische Geflecht in den unprätentiösen Fugen nachvollziehbar. Auf der kleinen Orgel von Pfaffroda erklingt – den begrenzten Möglichkeiten des Instrumentes entsprechend – ein Werk, das auch auf einem Cembalo ausgeführt werden kann, nämlich die erste von Johann Kuhnaus ‘Biblischen Sonaten’. Für den Thomasorganisten mag bei der Wahl dieses Werkes vielleicht ausschlaggebend gewesen sein, dass Kuhnau Thomaskantor war; man kann diese Entscheidung nur als geglückt bezeichnen, denn die programmatische Sonata über den Streit Davids mit Goliath bietet Böhme Gelegenheit zu mannigfaltigen klanglichen Abstufungen. Auch überzeugt er durch historisch korrekte ‘sprechende’ Artikulation.

Die Orgel von Nassau wählt Böhme als Medium für die Wiedergabe dreier Choralvorspiele und einer Orgeltranskription von Johann Gottfried Walther. Der als Lexikograph und Freund Johann Sebastian Bachs bekannte, aber auch als Komponist sehr bedeutende langjährige Stadtorganist in Weimar schuf fantasievolle und originelle Choralsätze, die auf dem Nassauer Instrument sehr gut zur Geltung kommen. Mit viel Geschick differenziert Böhme zum Beispiel in den zwei Strophen von ‘Was Gott tut das ist wohlgetan’ zwischen der zackigen, primär rhythmisch determinierten ersten Variation und der zweiten mit der Choralmelodie in langen Notenwerten im Baß und fließenden Oberstimmen in imitativer Führung. Möglichkeit zu virtuoser Entfaltung bietet dann Walthers Orgeltranskription eines Konzertes von Antonio Vivaldi. Auf der Ponitzer Orgel interpretiert Böhme schließlich drei Choralbearbeitungen und ein freies Orgelwerk von Georg Böhm, dessen Einfluß etwa auf Johann Sebastian Bach erst in letzter Zeit in vollem Umfang aufgedeckt wurde. Böhms Werke sind von einem ausgeprägten Personalstil und sehr starken Reminiszenzen an die französische Orgelmusik geprägt. Dem Pedal kommt eine bedeutende Rolle zu. Das abschließende Werkpaar Präludium und Fuge in C-Dur zeigt Böhm im Einflußbereich der norddeutschen Tradition (Buxtehude!). Im Passagenwerk der virtuosen Toccata kann Böhme erneut seine Fähigkeit zu sprechender Artikulation ausspielen, aber auch seine makellose Fingerfertigkeit.

Die Reihe ‘Die Orgeln Gottfried Silbermanns’ besticht durch Gediegenheit. Das trifft besonders auf Covergestaltung und Einführungstexte zu. Die Covers der Reihe sind als kleine Büchlein mit stabilem Kartoneinband angelegt; das Booklet bietet Biographisches zu Gottfried Silbermann, eine komplette Liste seiner Werke, detaillierte Informationen zu den in der vorliegenden Einspielung präsentierten Instrumenten und deren Disposition, dazu Werkeinführungen, eine Künstlerbiographie von Ullrich Böhme und sogar – ganz zu Recht – eine Biographie des Fotografen Michael Lange, der für die verschwenderisch reiche bildliche Ausstattung des Booklets verantwortlich zeichnet.
Die ganze CD-Reihe ist für Orgelfreunde ein ideales Geschenk und ein Muss für jede gut sortierte Musikbibliothek, dazu eine geeignete Einführung in die Welt der Orgelmusik für alle Interessierten!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dr. Franz Gratl Kritik von Dr. Franz Gratl,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Pachelbel, Johann: Die Orgeln von Gottfried Silbermann Vol. 5

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Querstand
1
14.11.2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4025796003024
VKJK 0302


Cover vergössern

Böhm, Georg
Kuhnau, Johann
Pachelbel, Johann
Walther, Johann Gottfried


Cover vergössern

Interpret(en):Böhme, Ullrich


Cover vergössern

"Am 4. August 2003 jährt sich zum 250. Male der Todestag von Gottfried Silbermann. Diesem berühmten Orgel- und Klavierbauer widmet das querstand-Label eine Edition, die seine noch vorhandenen Orgeln komplett vorstellt. In einer Folge von 8 CDs werden die 32 Instrumente klanglich, in Bild und Text ausführlich vorgestellt. Dabei soll auf das musikalische Umfeld jener Zeit ein besonderes Augenmerk gelegt werden. So setzt sich das Repertoire der einzelnen CDs fast ausschließlich aus Werken mitteldeutscher Komponisten des 17. und 18. Jahrhunderts zusammen, wobei neben bekannteren Namen auch seltener berücksichtigte Komponisten ins Rampenlicht gerückt werden und sogar einige Ersteinspielungen zu Buche stehen. Viele Silbermann-Orgeln sind in den letzten Jahren grundlegend restauriert worden. Daher ist die CD-Edition zugleich eine reizvolle Dokumentation mitteldeutschen Kunsthandwerks, der lokalen Musikgeschichte und der Musizierpraxis. Im Bachjahr 1985 wurde Ullrich Böhme, seinerzeit an der Kreuzkirche in Chemnitz tätig, zum neuen Leipziger Thomasorganisten gewählt und ist damit praktisch ein Stellennachfolger von Johann Sebastian Bach. Trotzdem fehlen Bach-Werke auf der von Böhme eingespielten Folge der Silbermann-CD-Serie völlig. Statt dessen bringt uns der Organist beispielsweise Bachs Amtsvorgänger Johann Kuhnau nahe. Dieser schuf ausgangs des 17. Jahrhunderts einen Zyklus von sechs Sonaten, in denen er Geschehnisse aus der Bibel in Musik umzusetzen versuchte, was ihm auch mit großem Erfolg gelang, wie die hier eingespielte erste Sonate "Der Streit zwischen David und Goliath" beweist. Damit kann dieser Zyklus als eine Art frühes Beispiel der Programmusik gelten. Auch an den anderen drei Instrumenten konzentriert sich Ullrich Böhme jeweils auf einen Komponisten. Unter diesen findet sich der Nürnberger Johann Pachelbel, der trotz seiner Herkunft einen großen Einfluß auf das mitteldeutsche Komponistenschaffen ausübte. Umgekehrt verließ der Thüringer Georg Böhm seine Heimat gen Norddeutschland und verband in seinen Werken mittel- und norddeutsche kompositorische Einflüsse. Johann Gottfried Walther dagegen orientierte sich eher nach Süden und bearbeitete Werke anderer Komponisten wie etwa von Antonio Vivaldi - eine Arbeitsweise, der auch Johann Sebastian Bach nicht selten frönte."


Cover vergössern

Querstand

Mit viel Liebe zum Detail bringt das querstand-Label dem interessierten Hörer die Vielfalt und Schönheit der klassischen Musik auf wenig ausgetretenen Pfaden näher. Das Label hat sich seit 1994 durch die Produktion hochwertiger klassischer CDs einen ausgezeichneten Ruf erworben. Über 500 Produktionen werden weltweit vertrieben, wobei ein Augenmerk auf Orgelmusik liegt. Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs (bisher 11 CDs) und des Kantaten- und Orchesterwerkes des berühmten Bachschülers bilden ein Glanzlicht des Labels, dem mit der Serie ?Die Orgeln von Gottfried Silbermann? (8 CDs) ein weiteres zur Seite gestellt wurde (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2003). Auch im kammermusikalischen und sinfonischen Bereich wurden zahlreiche CDs veröffentlicht, etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Mit der Aufnahme des Passionsoratoriums ?Der Tod Jesu? von Carl Heinrich Graun mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Howard Arman gewann das Label 2005 einen ECHO Klassik-Award. Im Jahre 2013 erhielt die 9-CD-Box mit allen Sinfonien Anton Bruckners, eingespielt von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig, den ICMA (International Classical Music Award). Mit Verlagssitz im Thüringischen Altenburg kann querstand von der einzigartigen Vielfalt der mitteldeutschen Musiklandschaft profitieren, die sich auch im Verlagsprogramm niederschlägt. Neben den vielseitigen Einflüssen der fantastischen Orgellandschaft der Region, ist es auch die Nähe zur Musikstadt Leipzig mit ihrer wunderbaren Tradition und facettenreichen Szene, auf die das Label besonderes Augenmerk richtet.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...



Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Querstand:

  • Zur Kritik... Lutherische Marienverehrung: Diese CD enthält eine Huldigung Mariens in verschiedenen Kompositionen zu verschiedenen Zeiten. Dabei sind Entdeckungen zu machen, eröffnet durch einen ambitionierten Chor. Weiter...
    (Diederich Lüken, )
  • Zur Kritik... Auf ein Großprojekt: Diese Reger-CD ist der Teaser für ein großes Onlineprojekt. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Nympha britannica: Marie Luise Werneburg wirft einen ästhetisch ambitionierten, vom Programmkonzept nicht ganz gelungenen Blick auf das englische Renaissancelied. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Querstand...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Franz Gratl:

blättern

Alle Kritiken von Dr. Franz Gratl...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Ein royaler Klassiker: Das Royal Ballet zeigt, dass die Inszenierung des Ballett-Klassikers stilvoll, fesselnd und zugleich zeitgemäß sein kann. Weiter...
    (Lorenz Adamer, )
  • Zur Kritik... Siedende Musik aus dem Norden: Der finnische Komponist Erkki Melartin ist eine Entdeckung wert. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Die ganze Welt auf 88 Tasten: Mahler wollte nach eigener Aussage 'mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen'. Kann das auch durch die, verglichen mit dem Orchester, durchaus begrenzten Mittel des Klaviers gelingen? Weiter...
    (Sebastian Rose, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2020) herunterladen (3402 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Franz Lehár: Cloclo - Die Garde Cloclo's

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich