> > > Schreker, Franz: Der Ferne Klang
Samstag, 4. Dezember 2021

Schreker, Franz - Der Ferne Klang

Wiederentdeckte Ferne


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Man bemüht sich um einen schönen Ton, spielt durchdacht in der Phrasierung und bringt die musikalische Handlung damit voran.

Der ferne Klang - danach ist Fritz, als junger Künstler bezeichnet, auf der Suche, um seine Künstlerschaft zu vervollkommnen und damit zu ‚Ruhm und Reichtum' zu gelangen. Seine Verlobte - Grete Graumann - kann er auf diese unbestimmte Reise nicht mitnehmen. Sie soll zu Hause auf ihn warten. Doch Gretes Schicksal scheint in den Händen anderer zu liegen. Ihr Vater, ein Trunkenbold und glückloser Spieler, hat seine Tochter als letzten Einsatz gesetzt und an den Wirt der benachbarten Schenke verloren. Bevor dieser Grete jedoch ehelichen kann, flieht sie von zu Hause und begibt sich auf die Suche nach Fritz. Aber sein Vorsprung ist zu groß. Entmutigt ist sie dem Selbstmord nah, als sie von einer Kupplerin aufgegriffen wird und mit den schönsten Versprechungen in ein Bordell gelockt wird, das sich im Golf von Venedig befindet. Dort wird sie zum begehrtesten Mädchen und zur besten Liebesdienerin. Nur einem verweigert sie sich: dem Grafen, der von ihr so fasziniert ist, dass er sie sogar heiraten will. Grete jedoch fühlt sich durch ihn an Fritz erinnert, an dessen Rückkehr sie immer noch glaubt. Aber als er überraschend vor ihr steht, erkennt sie ihn nicht. Fritz hingegen ist der langen Suche nach dem fernen ‚harfengleichen' Klang müde, kann sich kaum noch seiner Verlobten entsinnen. Jetzt steht sie vor ihm - als Hure und ohne Erinnerung an ihren Geliebten.

Von ihrer zweifelhaften Berühmtheit abgestoßen, kehrt er in seine Heimat zurück. Grete gibt ihre alte Hoffnung auf Fritzens Liebe auf und heiratet den Grafen. Fünf Jahre später kehrt Grete nach Hause zurück, erlebt die Premiere von Fritzens Theaterstück ‚Die Harfe' und wird von Bekannten ihres Vaters wiedererkannt. Fritz, von Krankheit und der erfolglosen Suche nach dem fernen Klang geschwächt, hört von ihrer Rückkehr und lässt Grete suchen, um sich mit ihr zu versöhnen. Schnell finden beide zusammen, versichern sich ihrer Liebe, bis Fritz den fernen Klang hört. Er stirbt in der Gewissheit, die Liebe und den fernen Klang gefunden zu haben.

Mit dieser Oper gelang Franz Schreker 1912 der Durchbruch als Opernkomponist. Das Werk wurde in den zehner und zwanziger Jahren in ganz Deutschland und dem angrenzenden Ausland gespielt.

Das Libretto stammt vom Komponisten selbst. Allerdings holte Schreker den Rat des befreundeten Dichters Ferdinand von Saar ein, der die Dichtung ausdrücklich lobte. Nachdem Schreker die ersten beiden Akte komponiert hatte, waren seine Musikerkollegen indes ‚befremdet'. Erst 1910 - nach den ersten Erfolgen mit Instrumentalkompositionen - vollendete er den dritten Akt. Und in der Tat fällt der letzte Akt gegenüber den beiden ersten in der Dichte der Komposition ab. Das große spätromantische Orchester ist über die Maßen präsentiert. Geradezu prahlerisch weitschweifig müssen die Streicher das kitschige Ende vorbereiten, zu häufig hört man die vorangegangenen Motive bloß aneinandergereiht (und nicht etwa ineinander verwoben).

Das Werk erlebte seine Wiederentdeckung in den sechziger Jahren mit Aufführungen in Wien und Kassel. Die vorliegende Naxos-Aufnahme basiert auf einer Einstudierung am Stadttheater Hagen aus dem Jahre 1989. Dessen damaliger Generalmusikdirektor Michael Halász leitet Ensemble und Orchester sicher durch die mächtige Partitur. Lobenswert ist an dieser Aufnahme sicher auch, dass es sie gibt - auch wenn sie erst elf Jahre nach ihrer Produktion auf den Markt kommt. Zu bemängeln gibt es dennoch einiges: Der Klang ist innerhalb der gesamten Aufnahme unausgewogen. Manche Passagen sind hallig und im ersten Akt sind die Sänger zu weit vor das Orchester gestellt. Auch technische Mängel bei den Interpreten trüben die Lust an dieser expressiven Musik: Die Streicher des Hagener Philharmonischen Orchesters fallen als besonders unsauber und uneinheitlich auf. Das Blech hält sich zu sehr zurück, und dessen wenige exponierte Passagen will man doch schöner formuliert und mit runderem Klang hören. Einzig die Holzbläsergruppe verdient besonderes Lob. Sie unterstützt das Sängerensemble, wo es nötig ist. Bei vielen Soli bemüht man sich um einen schönen Ton, spielt durchdacht in der Phrasierung und bringt die musikalische Handlung damit voran.

Thomas Harper wurde seinerseits in Hagen in der Partie des Fritz umjubelt. Seine frische, kräftige Stimme ist der großen Partie gewachsen, wenn es auch in der Höhe bisweilen eng wird und er forcieren muss. Harper zeigt viele Ausdrucksnuancen, die seine Interpretation des jungen Künstlers glaubhaft machen. Mit seiner Kraft spielt er den entschlossenen Jüngling, der einem Phantom nachjagt. In sich gekehrt, stimmlich weit zurückgenommen überzeugt er als enttäuschter Wanderer und desillusionierter Liebhaber Gretes wie auch als geschwächter, todkranker Künstler, der nur noch den einen Wunsch hat, seiner Jugendliebe zu beichten und ihr seine Lebens- und Liebeserkenntnis zu gestehen.

Die rumänische Sopranistin Elena Grigorescu als Grete klingt vom Charakter her zu alt und manieriert. In der Höhe wirkt ihre Stimme häufig überdreht, ihre Linienführung scheint mehr vom Atemvolumen her begründet als von der musikalischen Phrasierung, und in den rezitativischen Passagen pflegt sie einen Flüstersprechgesang, der zu diesem Märchenstoff überhaupt nicht passt. Dabei ist ihr Sopran voll und rund. Die Stimme könnte die anspruchsvolle durchaus Partie tragen.

Unter den vielen kleineren Partien sind Werner Hahn als Graf und Andreas Haller als Dr. Vigelius besonders erwähnenswert. Hahn formuliert die Arie des Grafen ‚In einem Lande ein bleicher König' sehr schön als Ballade aus, betont mit dunklem Bariton den düsteren Charakter dieser Schauergeschichte. Dr. Vigelius tritt zu Beginn und zum Ende der Oper auf und wandelt sich von ‚einer mephistophelischen Erscheinung' zum reumütigen Büßer, der sich bei Grete entschuldigt und das letzte Treffen mit Fritz vermittelt. Haller stellt den Winkeladvokaten als trinkfreudigen Kegelbruder - der sich gerne aufspielt und vollmundig das Wort führt - ebenso lebendig dar wie er ihn als geläuterten alten Mann personifiziert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 



Kritik von Barbara Schönfeld,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schreker, Franz: Der Ferne Klang

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Naxos
1
132:28
1989
2000
Medium:
BestellNr.:
CD
8.660074-75

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Friess, Paul
Schreker, Franz


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Dirigent(en):Halász, Michael
Orchester/Ensemble:Hagen Philharmonic Orchestra
Interpret(en):Hagen Opera Chorus,
Leisenheimer, Reinhard (The Chevalier)
Kante, Peter Nikolaus (The Baron)
Hahn, Werner (The Count)
Altmann-Althausen, Marina (A Woman's Voice)
Pilari, Erica (Old Graumann's Wife)
Bunse, Rüdiger (Old Graumann)
Fiehl, Horst (A Ham Actor)
Haller, Andreas (Dr. Vigelius)
Harper, Thomas (Fritz)
Grigorescu, Elena (Grete)


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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