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Sonntag, 5. Dezember 2021

Rossini, Gioacchino - Il Barbiere di Siviglia

Drehmomente


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein Perpetuum Mobile mit kreisender Dauerbewegungen inszeniert Dario Fo gegen statische Bühnenlangeweile. Denn ja, es ist wahr: Wir alle haben uns in der Oper schon so richtig gelangweilt.
Mit Dario Fo wurde vor einigen Jahren nach langer Zeit wieder ein Mann des Theaters mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Seine Stücke tragen allesamt Züge des Aktionstheaters, der spontanen Improvisation. 1992 hat Fo den ‘Barbiere’ in den Niederlanden inszeniert und misstraut ganz offensichtlich Rossinis Gespür für Tempo und Dramaturgie. Vor lauter Angst, das Publikum zu langweilen, setzt der Regisseur den Dosenöffner an Pandorras Büchse und lässt damit ganze Sippschaften von Narren, Gauklern und bereifrockten Tücherschlepperinnen auf die Bühne los. Diese Gestalten vermehren sich wie Ungeziefer und wollen auch so gar nicht mehr den Platz räumen. Irgendwo dorthinein verirren sich Graf Almaviva (Richard Croft) und Figaro (David Malis) und sind erstaunt darüber, dass sie nun selbst zu Statisten zwischen drehenden Sonnenschirmen und wilden Eseln geworden sind.

Fo hat alles was seinen Sinnen entsprungen ist auf die Bühne gezerrt und feiert eine Farborgie der Komödianten, die so laut über die Bühne trampeln, dass man fast nichts mehr von der Musik mitbekommt. Dirigent Alberto Zedda, vom Wahn ergriffen, stochert in die aufheulenden Streicher und lässt die Tröten tuten. Achtung: Tücher von links; und da ist auch wieder der blöde Esel, neben den beiden Pappnasen die sich gegenseitig den Stuhl wegzerren. Augenpfeffer lässt sich das schon gar nicht mehr nennen. Dem Publikum wird soviel Chillipaste in die Augen gerieben, dass es das rote vom grünen Tuch nicht mehr unterscheiden kann und in rauschbegifteter Farbenblindheit ein irrsinniges Bravo in den Bühnenhimmel schreit.
Auch die gute Jennifer Larmore (Rosina) scheint sichtlich irritiert darüber, mit einem imaginären Faden unablässig in das Stickdecken häkeln zu müssen und dann das rote Wollknäuel, das ihr an einem Faden über der Nase hängt, wie einen Tennisball in die Luft zu kicken. Und da war man schon so froh darüber, dass das erste Bild vorüber ist und man endlich das Interieur Dr. Bartolos betritt, dort, wo das ganze Narrenpack keinen mehr Zutritt hat. Und plötzlich kriechen aus ihren Löchern vier garnaufwickelnde grinsende Stickerinnen (und da sind ja auch wieder die Tücher) und Don Basilios Magie erzeugt aus dem großen drehenden Sonnenschirm mit Hilfe seiner magischen Fähigkeiten noch eine ganze Horde kleinerer drehender Sonnenschirme.

Damit wird die Inszenierung zum wirren Zettelkasten, zum Wortfeld ‘Bewegung’, und es gelingt Dario Fo trotz einiger hervorragender Ideen nicht, ein inspiriertes Bühnenspektakel zu choreographieren. Die Qualität von Ideen ist eine Sache; doch es ist gerade die Aufgabe eines Regisseurs, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen. Mit dem Rausch an Drehmomenten arbeitet er gegen den Humor der Oper an, die hier – trotz vieler guter Einfälle – an keiner Stelle wirklich herzerfrischend komisch ist. Durch die ständige Anwesenheit unwichtiger Nebenfiguren nimmt er aus den Momenten sowohl Spannung als auch Intimität heraus und gibt den Darstellern keine Möglichkeit ihre Charaktere auszuleuchten, geschweige denn ihre musikalischen Fähigkeiten wirklich zu entfalten.
Schade für diese wirklich hochkarätige Besetzung, schade für die Musik und schade für das unter Zedda ansonsten wirklich sehr inspiriert aufspielende Orchester. Bewegung ist hier nicht lebensfähig ohne Kontrast und da dieser ausbleibt, verkommen die Aktionen zu leeren Phrasen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:





Florian Wetter Kritik von Florian Wetter,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rossini, Gioacchino: Il Barbiere di Siviglia

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Arthaus Musik
1
24.11.2003
154:00
1992
Medium:
EAN:
BestellNr.:

DVD
4006680104126
100 412


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Rossini, Gioacchino


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Orchester/Ensemble:Netherlands Chamber Orchestra
Interpret(en):Larmore, Jennifer


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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