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Montag, 3. August 2020

Dvorák, Antonín - The Stubborn Lovers

Kammerspiel der Dickschädel


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Im Gegensatz zu den großen Symphonikern Deutschlands oder Österreichs war die Oper für die Komponisten der slawischen Länder weit mehr als nur eine Option. Tschaikowsky, Rimsky-Korsakov, Borodin oder Dvorák begriffen die Oper als wesentlichen Bestandteil ihrer Musik, auf die sie zu Gunsten reiner Orchestermusik nicht verzichten wollten. Gerade hier war das erwachte National- und Geschichtsbewusstsein am deutlichsten, weil mit Worten auszusprechen. Doch die Konkurrenz saß immer mit am Tisch. So ist der größte Konkurrent des Opernkomponisten Antonín Dvorák der Symphoniker Dvorák. Neben neun Symphonien hat er zehn Opern geschrieben, die bis auf das Nixenmärchen ,Rusalka? fast nie außerhalb Tschechiens gegeben werden.
Dass Aufnahmen seiner Opern Angelegenheit des tschechischen Labels Supraphon sind, versteht sich von selbst. Supraphon hat nun eine mustergültige Neuaufnahme seiner ersten reifen Oper ,Die Dickschädel? von 1874 vorgelegt. Die rein tschechische Sängerriege ist mit Dvorák aufs Beste vertraut. Ein jeder singt an den großen Prager Bühnen, wo das tschechische Repertoire mit Smetana, Dvorák und Janácek traditionell gepflegt wird. Am Pult der von ihm gegründeten Prager Kammerphilharmonie steht Jirí Belohlávek. Dirigent und Orchester wurden im letzten Jahr für ihre Einspielung von Mozarts Prager Symphonie und Voríseks Sinfonie D-Dur (Supraphon) mit etlichen Preisen bedacht.

Dvoráks komische Oper ist ein typischer Nachfolger von Smetanas ,Die verkaufte Braut?. Das Milieu ist dörflich einfach, engstirnig, humorvoll und anders als in den Opern Janaceks, dennoch liebenswert. Zwei störrische junge Leute, Lenka und Toník, sollen verkuppelt werden. Als Dickschädel verweigern sie sich aber der Bevormundung durch die Eltern, obwohl ihre Herzen durchaus füreinander schlagen. Intrigen, Ränke und Kniffe der Eltern und Dorfweisen führen schließlich zum erhofften Ergebnis. Es musste nur so aussehen, als wäre die Hochzeitsidee auf dem Mist der beiden Liebenden gewachsen. Für die reizend naive Story erfand Dvorák eine melodische Musik, die gut zwischen rezitativischen und ariosen Passagen vermittelt. Der Komponist vermeidet so jeden Stillstand und die starre Einteilung in Nummern, ebenso verzichtet er auf den gesprochenen Dialog.

Mustergültige Sängerriege
Immer wieder heben sich aus dem Plappern weit ausschwingende Melodien ? große Gesten, die von tiefen Gefühlen sprechen. So wird Toníks wahre Leidenschaft für Lenka in einem kurzen Arioso offenbar (Track 10), in dem er ironisch zugibt, sie lieber selbst heiraten zu wollen, als sie seinem alten Vater zu geben. Dvoráks Musik verschweigt die Ironie und in den hellen Tönen des in warmen Farben strahlenden, lyrischen Tenors von Jaroslav Brezina enthüllt Toník seine echten Gefühle. Die Stimmendramaturgie der Aufnahme trifft die Charaktere und nimmt die zukünftigen ,Familienverhältnisse? bereits vorweg. Zdena Kloubovás Sopran lässt mit ihrer gertenschlanken, jugendlich frischen Stimme keinen Zweifel daran, dass Lenka und Toník zusammengehören. Für den Humor sorgt der Bassbuffo Gustáv Belácek als schlauer Intrigant Rericha. Im Duett mit Toník (Track 8) fühlt man sich an Dulcamara und Nemorino aus Donizettis ,Liebestrank? erinnert. Roman Janál als Vater Toníks und Jana Sýkorová als Lenkas Mutter treffen ebenfalls den adäquaten Komödienton. Der ist ein wenig überkandidelt, ohne zu übertreiben.
Die Übertreibung ist zum Glück auch nicht Sache von Jirí Belohlávek am Pult. Die Prager Kammerphilharmonie und der Prager Philharmonische Chor musizieren leichtfüßig, kammermusikalisch durchsichtig und lebendig. Unterstützt durch eine Aufnahmetechnik, die Stimmen ungemein präsent und deutlich über das Orchester scheinen lässt, wird der Einakter zu einem hinreißenden Kammerspiel. Die Aufmachung der Cd ist ebenfalls ein Muster an Sorgfalt. Weder auf ein vollständiges, viersprachiges Libretto (tschechisch, deutsch, englisch, französisch), noch auf ausführliche Sängerbeschreibungen muss man verzichten.

Was hier an vier Tagen 2003 im Domovina Studio in Prag entstanden ist, wirft nicht nur ein sehr gutes Bild auf Dvoráks kurzweilige Oper, sondern auch auf den Stand der tschechischen Sangeskunst. Saubere Stimmen, die das Idiom der Musik einwandfrei beherrschen und eine umsichtige Orchesterleitung ohne Effekthascherei ? was will man mehr.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dvorák, Antonín: The Stubborn Lovers

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
1
16.02.2004
Medium:
EAN:

CD
0099925376529


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Dvorák, Antonín


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Orchester/Ensemble:Prague Philharmonia


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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