
Infinite Voyage - Emerson String Quartet, Barbara Hannigan, Bertrand Chamayou
Expressiver Abschied
Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel
Das Emerson String Quartet löst sich in höchster interpretatorischer Qualität auf.
Bekannteres und Rares bietet das Emerson String Quartet auf seiner letzten Studioproduktion. 47 Jahre hat das Ensemble für höchste interpretatorische Qualität gebürgt, mehrere Besetzungswechsel gut überstanden (die beiden Geiger Eugene Drucker und Philip Setzer sind Gründungsmitglieder, der Bratschist Lawrence Dutton ist seit 1977 Ensemblemitglied und Paul Watkins übernahm 2013 den Cellopart) und stets höchstes Niveau und Entdeckergeist bewahrt. Keins der Werke auf dieser CD hat das Ensemble bislang auf Tonträger vorgelegt, immer bestrebt nach höchster Qualität und tiefstem Verstehen der Musik. Was die vier hier dargebotenen Werke verbindet, ist, so Drucker, ‚der Ausdruck einer unerfüllten, vielleicht unerfüllbaren Sehnsucht sowie die absolute Hingabe der Komponisten an ihre jeweiligen ästhetischen Ideale.‘
Arnold Schönbergs Streichquartett fis-Moll op. 10 von 1907-08 wird in einer traditionsbewussten, gleichzeitig expressiv das Moderne der Musik und der Zeit herausarbeitenden Wiedergabe dargeboten – weniger schroff als manch andere Wiedergabe, doch voller Wärme und Verständnis. Die Gedichte von Stefan George, die Barbara Hannigan in den beiden letzten Sätzen singt, erklingen ausdrucksstark, wenn auch in geringer Textverständlichkeit; dadurch wird der Effekt der Komposition stark beeinträchtigt. Auch Paul Hindemiths viersätziges Werk ‚Melancholie‘ op. 13 (1917-19) krankt bei aller vokalen Expressivität an Hannigans verbesserungsfähiger Aussprache der deutschen Sprache – so geraten die Werke hier als phonologische Kunstwerke denn als Kompositionen der vokalen Textausdeutung. Gleichwohl sind Hannigan und das Emerson String Quartet auf einer Linie in ihrer Interpretation, die expressive Dichte ist beeindruckend.
Abendglänzend
Alban Bergs zweisätziges Streichquartett op. 3 (1909-10) verbindet die musikalische Sprache Schönbergs mit Hindemiths, fast zwingend scheinen die drei Werke miteinander verbunden. Umso spannender, wenn diese Konzeption aufgebrochen wird durch Ernest Chaussons ‚Chanson perpétuelle‘ op. 37 (1898); hier tritt zu den Quartettmusikern und der Sopranistin der Pianist Bertrand Chamayou. Nachgerade abendglänzend hier die Wiedergabe, die Sopranistin feinziseliert und zerbrechlich, an manchen Stellen etwas zu vibratolastig vielleicht, in lauteren Registern etwas forciert. Das Klavier etwas flach und persönlichkeitslos gestimmt, so dass es kaum in den Vordergrund tritt, auch nicht stört – nur in Solopartien klanglich ein Ärgernis. Der Gesamtklang ist ungemein in sich gerundet, um einen satten Mischklang zu erreichen. Eine legitime Sichtweise, die der Musik viel Wärme und Intimität verleiht – stärker etwa als in den Einspielungen mit Véronique Gens oder Barbara Hendricks, die aber über das idiomatischere Französisch verfügen.
Eine beeindruckende Gesamtleistung, in der der Chausson ein Fremdkörper bleibt, in der man sich aber auch wünscht, dass die Sängerin – ohne dass sie in ihrer vokalen Raffinesse und Spontaneität beeinträchtigt werden sollte – stärker mit Sprachcoaches zusammenarbeiten würde.
Interpretation: Klangqualität: Repertoirewert: Booklet: |
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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:
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Infinite Voyage: Emerson String Quartet, Barbara Hannigan, Bertrand Chamayou |
|||
Label: Anzahl Medien: |
Alpha Classics 1 |
Medium:
EAN: |
CD
3701624510001 |
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Berg, Alban |
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Alpha Classics "Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material. Mehr Info... |
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