> > > Hindemith: Cardillac: Prager Philharmonischer Chor, Münchner Rundfunkorchester, Stefan Soltesz
Dienstag, 5. Dezember 2023

Hindemith: Cardillac - Prager Philharmonischer Chor, Münchner Rundfunkorchester, Stefan Soltesz

In ausgetretenen Pfaden


Label/Verlag: BR-Klassik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Paul Hindemiths Oper 'Cardillac' wäre mehr mit einer Ersteinspielung der überarbeiteten Neufasssung gedient.

Merkwürdigerweise ist die stark überarbeitete Neufassung (1952) von Paul Hindemiths Oper ‚Cardillac‘ seit Jahrzehnten ins Hintertreffen geraten – damit muss man eigentlich davon ausgehen, dass es sich bei dieser Neufassung um seine Perspektive letzter Hand handelt. Doch ist im Rahmen der Paul Hindemith bislang nur die Erstfassung von 1925/26, die Fritz Busch 1926 an der Dresdner Staatsoper aus der Taufe gehoben hat, verfügbar und auch mithin fast ausschließlich auf Tonträger präsent. Im Oktober 2013 fand auch im Münchner Prinzregententheater eine konzertante Aufführung der Erstfassung unter Stefan Soltesz statt, die nun anlässlich des Todestages von Soltesz dem Archivschlaf entrissen wird.

Zu schönstimmig

Die Neuveröffentlichung hat mit zwei bekannten Rundfunkproduktionen zu konkurrieren – Joseph Keilberths bekannter Kölner Einspielung von 1968 mit Dietrich Fischer-Dieskau in der Titelrolle und Gerd Albrechts Berliner Rundfunkproduktion mit Siegmund Nimsgern in der Partie des mörderischen Goldschmieds. Leider kann Markus Beiche mit keinem dieser Rollenvorgänger mithalten – viel zu schönstimmig, zu wenig manisch klingt sein Bariton. Seine musikalische Sorgfalt – wie auch jene der gesamten Produktion – sei damit nicht in Frage gestellt, besonders Solteszs Dirigat bringt nervöse Unruhe ein, ohne aber die ebenfalls in der Partitur enthaltenen lyrischen Ruhepunkte hinreichend ausspielen zu lassen. Allerdings bleibt der Orchesterklang gerade bei größer besetzten Passagen pauschal, während anderswo solistische Instrumente fast zu präsent hervorgearbeitet werden. Juliane Banse ist eine expressive Tochter Cardillacs, Torsten Kerl ein rundum rollendeckender Offizier. Oliver Ringelhahn als Kavalier ist mit der extremen Tessitura der Rolle des Kavaliers hörbar überfordert und kämpft eher mit dem Notentext denn dass er eine musikalische Charakterisierung zustande brächte. Michaela Selinger verleiht der Dame auf dem ihr zur Verfügung stehenden knappen Raum feine Farbnuancen, steht aber Hindemiths musikalischem Denken im Grunde fern.

Der Prager Philharmonische Chor entledigt sich seiner beachtlichen Aufgabe mit Hingabe und großer Präzision. Auch das Münchner Rundfunkorchester beweist einmal mehr seine Professionalität.

Es bleibt einmal mehr zu fragen, warum auch heute im Rundfunk nicht etwa Hindemiths Fassung letzter Hand gegeben wurde. Womöglich weil er bei allen spieltechnischen Schwierigkeiten leichter einzustudieren ist, da er mehr in das Schema der Musik der 1920er-Jaher passt? Der späte Hindemith harrt weiterhin der sinnvollen diskografischen Erkundung – als Komponist ebenso wie als Interpret.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hindemith: Cardillac: Prager Philharmonischer Chor, Münchner Rundfunkorchester, Stefan Soltesz

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
BR-Klassik
1
07.07.2023
089:41
2013
Medium:
EAN:
BestellNr.:
Booklet
CD
4035719003451
900345


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Hindemith, Paul


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"PAUL HINDEMITH CARDILLAC op. 39 (1. Fassung, 1926) Den Live-Mitschnitt einer konzertanten Aufführung von Hindemiths Oper „Cardillac“ vom 13. Oktober 2013 aus dem Münchner Prinzregententheater legt BR-KLASSIK in Erinnerung an den großen Dirigenten Stefan Soltész vor. Soltész war am 22. Juli 2022, vor genau einem Jahr, nach einem Zusammenbruch während eines Dirigats von Richard Strauss’ „Die schweigsame Frau“ am Münchner Nationaltheater überraschend verstorben. Der in Ungarn geborene österreichische Dirigent war von 1997 bis 2013 Generalmusikdirektor der Essener Philharmoniker und Intendant des Essener Aalto-Musiktheaters. Beide Institutionen wurden maßgeblich durch ihn geprägt und in seiner Ära mehrfach ausgezeichnet. Bei den Münchner Kulturorchestern war er ein gerngesehener Gastdirigent. Einen wichtigen Schwerpunkt seines Opernrepertoires bildete neben den Standardwerken von Mozart bis Strauss die klassische Moderne. Paul Hindemiths 1925/26 komponierte dreiaktige Oper „Cardillac“ war das lang erwartete erste abendfüllende Bühnenwerk des Komponisten. Als Stoff diente E. T. A. Hoffmanns Novelle „Das Fräulein von Scuderi“, aus der sein Librettist Ferdinand Lion eine groß dimensionierte Oper schuf, in der allein die Person des Goldschmieds Cardillac in den Vordergrund rückte und sein Wahn, der ihn zum Morden veranlasst. Anstelle einer stringenten Handlung traten einzelne, in sich geschlossene Szenen im Sinne isolierter Momentaufnahmen. Die Premiere fand am 9. November 1926 an der Dresdner Staatsoper statt, unter Leitung von Fritz Busch, der damit seine Reihe bedeutender Uraufführungen spektakulär fortsetzte. Obwohl der radikale Zuschnitt der Oper als fremd empfunden wurde, fand sie dennoch wohlwollende Aufnahme. Nach 1933 verschwand das Werk aus den deutschsprachigen Spielplänen, doch 1946 kehrte es umgehend zurück. Hindemith nahm eine grundlegende Überarbeitung vor, die 1952 in Zürich uraufgeführt wurde – verbunden mit einem Aufführungsverbot der ersten Fassung. Doch schon 1960 wurde die Freigabe der Version von 1926 erreicht, die in der Folge die Überarbeitung nahezu vollständig verdrängen sollte. Auch die vorliegende Aufnahme gibt die erste Fassung der Oper wieder. In der konzertanten Aufführung vom 13. Oktober 2013 aus dem Prinzregententheater wirkten international renommierte Solisten wie Markus Eiche als Cardillac, Juliane Banse als dessen Tochter und andere mit. Es sang der Prager Philharmonische Chor. Stefan Soltész leitete das Münchner Rundfunkorchester. Das Publikum war ebenso beeindruckt, wie die Fachpresse. Auch im live-Mitschnitt auf zwei CDs macht die eindringliche Interpretation von Hindemiths „Cardillac“ Eindruck. Juliane Banse, Michaela Selinger, Sopran Torsten Kerl, Oliver Ringelhahn, Tenor Markus Eiche, Bariton Kay Stiefermann, Jan-Hendrik Rootering, Bass Philharmonischer Chor Prag Lukáš Vasilek, Leitung Münchner Rundfunkorchester Stefan Soltész, Leitung "


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BR-Klassik

BR-KLASSIK, das Label des Bayerischen Rundfunks (BR), veröffentlicht herausragende Live-Konzerte des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks (BRSO), des Chors des Bayerischen Rundfunks, des Münchner Rundfunkorchesters sowie der Konzertreihe musica viva. Dabei ist es ein wesentliches Ziel des Senders, über seine Radio- und TV-Programme hinaus auch digital sowie via CD und DVD allen Musikfreunden weltweit Zugang zu besonderen Aufnahmen zu bieten und auf diese Weise auch jenes Publikum zu erreichen, welches keine Möglichkeit hat, die Konzerte der internationalen Tourneen selbst vor Ort live zu erleben.

Neben den jeweiligen Chefdirigenten wie beispielsweise Mariss Jansons oder Sir Simon Rattle finden sich großartige Künstlerpersönlichkeiten wie Daniel Barenboim, Herbert Blomstedt, Bernard Haitink und viele andere mehr.

Die Reihe BR-KLASSIK WISSEN liefert unterhaltsame und kurzweilige Hörbiografien von Jörg Handstein mit vielen Hintergrundinformationen und Musikbeispielen auf jeweils 4 CDs, erzählt von Udo Wachtveitl sowie spannende Werkeinführungen in bedeutende Kompositionen der Musikgeschichte.

Durch die Reihe BR-KLASSIK ARCHIVE werden historische Aufnahmen des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks wieder verfügbar. Beispielsweise die legendäre Aufführung des Verdi-Requiems unter der Leitung Ricardo Mutis mit Jessye Norman, Agnes Baltsa, José Carreras und Jewgenij Nesterenko und dem Chor des BR im Jahr 1981 oder etwa denkwürdige Konzertabende mit der Pianistin Martha Argerich: 1973 unter Leitung von Eugen Jochum mit Mozarts Klavierkonzert KV 456 sowie zehn Jahre später mit Beethovens Klavierkonzert Nr.1 unter Seiji Ozawa.

Mittlerweile umfasst der gesamte Katalog über 200 Aufnahmen und hat bereits mehr als 50 renommierte und internationale Auszeichnungen erhalten, darunter den Preis der Deutschen Schallplattenkritik, den Diapason d’or, den BBC Music Magazine Award und den ICMA.

BR-KLASSIK wird weltweit durch NAXOS vertrieben. Selbstverständlich gehören hierzu auch digitale Portale wie Spotify, Apple, amazon u.v.a.. Die Naxos Music Library präsentiert zudem für Universitäten und öffentliche Bibliotheken via Internet einen ständig wachsenden Katalog mit tausenden von Titeln weltweit führender Labels. Studenten, Lehrpersonal und andere Benutzer können sich jederzeit einloggen und in der Bibliothek, im Hörsaal, im Studentenwohnheim, im Büro oder zu Hause das komplette Repertoire abrufen - auch die Aufnahmen von BR-KLASSIK. 


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